Leben
10.10.2018

Ein Jahr #MeToo und der Krampf der Geschlechter

Viele Vorwürfe, wenig Konsequenzen und große Verunsicherung – die Bilanz zum Jahrestag macht deutlich, wie verhärtet die Fronten sind.

Der Prozess um die ehemalige grüne Abgeordnete Sigi Maurer endete am Dienstagvormittag mit einem Schuldspruch: Die 33-Jährige wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie die obszönen Facebook-Nachrichten aus einem Wiener Bier-Geschäft veröffentlicht hatte (der KURIER berichtete). Dass Maurer, die einen sexistischen Übergriff aufzeigen wollte, wegen übler Nachrede selbst auf der Anklagebank landete, war im Vorfeld heftig kritisiert worden – schließlich hatte der Hashtag #MeToo Frauen gerade erst ermutigt, mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen (mehr dazu hier). Genau ein Jahr ist es her, dass die US-Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter die größte Frauenbewegung des neuen Jahrtausends losgetreten hat. Zehn Tage zuvor hatte die New York Times erstmals über die schockierenden Eskapaden von Hollywood-Schwergewicht Harvey Weinstein berichtet.

Alles ist anders – oder?

Seither, so scheint es, ist an der Geschlechterfront nichts mehr, wie es war: Die sozialen Medien wurden mit Erfahrungsberichten über Alltagssexismus geflutet, hochrangige Politiker und Filmstars mussten wegen Machtmissbrauchs das Feld räumen, die Frage „Was darf man(n) noch?“ prägte fortan, vom Stammtisch bis zur TV-Diskussion, über Generationen und Landesgrenzen hinweg den gesellschaftlichen Diskurs.

Die Wucht der Bewegung löste auch Widerstand aus. Hauptkritikpunkt: Von tollpatschigem Anbandeln bis zur sexuellen Gewalt werde alles in einen Topf geworfen, Männer ohne Rücksicht auf Unschuldsvermutung an den Pranger gestellt. Tiefpunkt war der Suizid des ehemaligen Chefs des Stockholmer Stadttheaters, nachdem eine Zeitung von sexuellen Belästigungen unter seiner Führung berichtet hatte. Die Untersuchungskommission fand dafür keine Beweise. Im Jänner warnte Schauspielerin Catherine Deneuve mit 99 anderen prominenten Frauen in einem offenen Brief, #MeToo würde den Weg in eine „totalitäre Gesellschaft“ ebnen: Vergewaltigung sei ein Verbrechen, nicht aber ein missglückter Flirtversuch.

Aussage gegen Aussage

Mit dem Fall Kavanaugh nahm die #MeToo-Debatte in den USA noch einmal so richtig Fahrt auf. Die eidesstattliche Aussage der Psychologieprofessorin Christine Blasey Ford verhinderte nicht, dass Brett Kavanaugh zum Höchstrichter auf Lebenszeit ernannt wurde. Ein Schlag ins Gesicht für alle Missbrauchsopfer, beklagten Feministinnen. Auch Cristiano Ronaldo sah sich zuletzt mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert (der KURIER berichtete). Das empörte Dementi des Fußballstars folgte prompt. In beiden Fällen steht – wie in vielen anderen – nun Aussage gegen Aussage.

Wie tief sind die Gräben zwischen Mann und Frau ein Jahr nach #MeToo? Wurde aus dem Kampf gegen Machtmissbrauch ein „ Krampf der Geschlechter“? Eine Bestandsaufnahme alter Rollenbilder und neuer Spielregeln.

Christine Bauer-Jelinek: „Wir haben uns in eine missliche Lage manövriert“

Die Machtanalytikerin warnt vor Vorverurteilungen und ortet Verunsicherung auf beiden Seiten.

Wie hat sich das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern durch #MeToo verändert?
#MeToo hat die Beziehung zwischen Frauen und Männern grundlegend verändert – leider nicht nur zum Guten. Auf der einen Seite ist es für Frauen nun einfacher, sich gegen Übergriffe zu wehren, und das ist zu begrüßen. Auf der anderen Seite ist im Alltagsverhalten eine tiefe Verunsicherung und ein Misstrauen auf beiden Seiten zu beobachten.

Besteht nach dem Fall Kavanaugh nicht die Gefahr, dass sich Frauen erst wieder nicht trauen, Belästigungen zur Anzeige zu bringen?
Frauen, die erst Jahrzehnte nach dem Geschehen an die Öffentlichkeit gehen, und das noch dazu, wenn der mutmaßliche Täter gerade Karriere macht, müssen damit rechnen, dass man ihre Glaubwürdigkeit anzweifelt. Zudem braucht es in einem Rechtsstaat Beweise. Frauen, die sich unmittelbar nach einem Übergriff an die ausreichend vorhandenen Stellen und Vertrauenspersonen wenden, haben heute bessere Chancen, dass ihnen geglaubt wird und dass Maßnahmen ergriffen werden.

Müssen Männer künftig Angst haben, alleine mit Frauen in einen Aufzug zu steigen?
Auch hier überlegen Männer wie in den USA, ob sie eine Kollegin im Auto zu einer Klausur mitnehmen sollen oder lassen die Türe vom Besprechungszimmer offen, um sich vor Missverständnissen, aber auch vor Falschbeschuldigungen zu schützen.

Müssen junge Männer fürchten, dass ihnen Fehlverhalten später zum Vorwurf gemacht wird?
Junge Männer wachsen mit einem anderen Selbstverständnis gegenüber Frauen auf. Aber ältere Männer fürchten zurzeit, dass ihnen ihre Jugendsünden zum Fallstrick werden könnten. Und wenn es um Belästigung, nicht um Straftaten geht, könnte es vermutlich fast jeden treffen. Wir haben uns aus dem besten Wollen, den Opfern zu helfen, in eine missliche Lage manövriert, denn natürlich kann bei der heutigen Stimmung der Vorwurf einer Frau den Mann den Job kosten, bevor seine Schuld erwiesen ist. Und natürlich werden sich reiche Männer mit den besten Anwälten zur Wehr setzen, selbst wenn sie schuldig sind.

Wirkt sich die aktuelle Debatte auf die Erotik zwischen Mann und Frau aus?
Die Anbahnung einer sexuellen Beziehung, der Flirt, lebt von Anspielungen und Zweideutigkeiten, von Witzen und Komplimenten. Das lässt sich nicht durch Regeln ändern, sondern nur durch klare Reaktionen und Antworten direkt in der Situation. Sehr wohl ist aber von Männern heute eine größere Sensibilität gefordert, um die Grenzen des Gegenübers wahrzunehmen und zu respektieren. Zudem zählt am Arbeitsplatz auch noch das Abhängigkeitsverhältnis, wir sind heute wachsamer gegenüber Machtmissbrauch.

Braucht es neue Regeln für ein respektvolles Miteinander?
Damit die Zusammenarbeit funktioniert, darf der Humor nicht völlig abgeschafft werden. Männer  – und oft auch Frauen – brauchen eine klare, aber respektvolle Rückmeldung, nicht gleich eine öffentliche Aburteilung, um diese neuen Regeln zu lernen. Beide Geschlechter müssen  mehr Selbstverantwortung pflegen. Zudem sollten die bestehenden Stellen für schwerwiegende Übergriffe bekannter gemacht werden. Unternehmen sollten nicht aus lauter Angst komplizierte Leitfäden entwickeln, die eine Atmosphäre der Anklage erzeugen, sondern etwa Trainings für den sensiblen, aber entspannten Umgang anbieten.

Björn Süfke: „Schwachsinnigen Geschlechterkampf beenden“

Männer jeden Alters müssen sich von gesellschaftlichen Rollenbildern emanzipieren, sagt der Männertherapeut.

Wie hat sich das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern durch #MeToo verändert?
 #MeToo ist eine wichtige Bewegung, die auf einen gesellschaftlichen Missstand hinweist. Inwieweit sich dadurch das Machtverhältnis  ändert, finde ich weniger relevant, weil es aus meiner Sicht die falsche Denkrichtung ist. Ich glaube, die wahre gesellschaftliche Schlucht liegt nicht zwischen Männern und Frauen, sie liegt zwischen jenen Menschen, die an den traditionellen Geschlechterverhältnissen festhalten, und  jenen Menschen, die eine wahre Gleichberechtigung und ein respektvolles Miteinander  anstreben.

Müssen Männer künftig Angst haben, alleine mit Frauen in einen Aufzug zu steigen?
Ich sage es mal mit Alice Schwarzer: „Frauen sind nicht die besseren Menschen, sie hatten bisher nur nicht so viel Gelegenheit, sich die Hände schmutzig zu machen.“  Frauen und Männer gleichermaßen ernst zu nehmen, heißt auch, Frauen ebensolche Schrecklichkeiten zuzutrauen wie Männern. Wenn man mit einem anderen Menschen alleine in einen Aufzug steigt, kann man Angst haben, zusammengeschlagen, ausgeraubt und, ja, nun auch: ungerechtfertigt angeklagt zu werden.  Wir müssen beide Seiten dieses Prozesses sehen: Natürlich ist es bedauerlich, wenn alle unbescholtenen Menschen mehr Angst haben müssen, aber andererseits liegt es auch im Interesse genau dieser unbescholtenen Menschen, dass die bösen Typen, die sich von alleine nicht an die Regeln halten, zumindest etwas mehr Angst haben müssen, erwischt zu werden.

Braucht es neue Regeln für ein respektvolles Miteinander?
„Regeln“ würde ich das nicht nennen, aber in meinem letzten Buch „Männer“ habe ich mir tatsächlich die Freiheit genommen, am Ende an alle Beteiligten der Geschlechterdebatte Bitten zu richten: Da habe ich die Männer gebeten, sich zu emanzipieren, die Mütter gebeten, die Väter ernst zu nehmen, die Kinderbuchautoren gebeten, diese unsäglichen Stereotypisierungen zu unterlassen – und vor allem alle Menschen gebeten, diesen schwachsinnigen Geschlechterkampf zu beenden. Dafür bräuchte es aber vor allem noch sehr viel mehr Aufklärung und persönliche Reflexion hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse.

Wirkt sich die aktuelle Debatte auf die Erotik zwischen Mann und Frau aus?
Nein.

Was sollen junge Männer im Umgang mit Frauen beachten?
Die jungen und auch älteren Männer sollten sich emanzipieren, das heißt, lossagen von diesen ganzen traditionellen, aber auch den modernen Anforderungen, wie sie als Männer angeblich zu sein haben. Mal darauf schauen, wie sie als Männer sind und sein wollen. Will ich persönlich Türen aufhalten oder lieber aufgehalten bekommen – oder ist mir das total egal? Wie ist meine authentische Art zu flirten oder in Kontakt zu treten? Und wenn das, wie ich bin, von dieser  Frau nicht goutiert wird – will ich dann ein anderer Mann sein, um bei ihr zu punkten?  

Stichwort traditionelle Anforderungen: Da gibt es bei Dates besonders viele, etwa, dass Männer die Rechnung übernehmen sollten. Ist das noch so?
Ich persönlich hatte noch nie das Bedürfnis, bei jemandem die Rechnung zu übernehmen, weil er oder sie ein bestimmtes Geschlecht hatte. Aber wenn ich dieses Bedürfnis hätte – wirklich hätte, tief in mir, nicht als Relikt irgendeiner äußeren Beeinflussung –, dann würde ich es mir von keinem ausreden lassen, es zu versuchen.