Leben
05.11.2017

Männer am Pranger: "Eine Erektion gibt keinen Weg vor"

Die Autorin Angelika Hager, die unter dem Pseudonym Polly Adler über die Beziehungen schreibt, über die Chancen und Gefahren der aktuellen Diskussion über Macht und sexuellen Missbrauch.

KURIER: Frau Hager, die #metoo-Welle hat auch die österreichische Innenpolitik erreicht. Gestern trat Peter Pilz wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung zurück. Sollten mehr Männer wie Pilz reagieren?

Angelika Hager: In der profil-Redaktion kannten wir den Vorwurf (Grünen-Mitarbeiterin wirft Pilz sexuelle Belästigung in 40 Fällen vor) gerüchteweise schon seit geraumer Zeit. Nur gab es bis letzte Woche, wo die Geschichte im profil ja auch dann erschienen ist, keinerlei offizielle Stellungnahmen – weder von den Grünen noch von den Betroffenen. Wir haben im Zuge unserer vorletzten Cover-Geschichte "Sind alle Männer Tiere?" versucht, Pilz mehrmals zu einer Stellungnahme zu bewegen. Schweigen auf allen Kanälen. Unbestätigte Gerüchte schreiben wir jedoch nicht. Ich fand dieses Schweigen nicht sehr klug für einen Polit-Profi seines Kalibers. Vielleicht hat er noch immer gehofft, dass das unter den Teppich gekehrt wird. An seiner Stelle wäre ich viel früher den Weg nach vorne angetreten. Die Vorwürfe hatten ja inzwischen so viel Fahrtwind aufgenommen, dass es naiv war, zu glauben, dass die Sache mit einer Verschwiegenheitsklausel aus der Welt zu schaffen ist. Man fragt sich ja auch, warum bei einer feministisch ausgerichteten Partei wie den Grünen sich vierzig solcher Vorfälle anhäufen müssen, ehe man überhaupt in die Gänge kommt. Da muss es sich ja bei der Betroffenen um eine lange Leidensgeschichte handeln. Hätte man da rechtzeitig im Frühstadium Mediation zum Einsatz gebracht, hätte Herr Pilz möglicherweise längst ein Unrechtsbewusstsein entwickelt, seine Übergriffigkeit im Zaum gehalten und die Geschädigte sich viel erspart. Jetzt ist das Worst-Case-Szenario eingetreten.

Das Thema sexuelle Belästigung ist nicht neu. Warum ist die Dimension der #metoo-Debatte plötzlich eine globale geworden?

Die Aufschreie waren in den vergangenen Jahren auch schon sehr groß. Erinnern wir uns: 2011 gab es den Fall Strauss-Kahn. Davor die Causa Julian Assange – in Schweden sind ja die Gesetze sehr streng, was die Definition von einvernehmlichen Sex betrifft. 2013 den Fall des FDP-Politikers Rainer Brüderle.( Brüderle sagte an einer Bar zu einer Journalistin: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.") Durch die Enthüllungen während des US-Wahlkampfs ist ein neuer Boden für eine weltweite Renaissance des Feminismus geschaffen worden: Donald Trump hat mit Sagern wie "Grab her by the pussy" und dem Benehmen eines Mannes, der wie frisch von der Liane geplumpst wirkt, zu Recht einen Empörungs-Flächenbrand entfacht. Davor war für viele junge Frauen der Feminismus ein Kandidat für die Mottenkiste, anachronistisch und auch nervig. Jetzt ist die Reload-Taste wieder gedrückt. Allerdings sind wir bei der #metoo-Bewegung an einem kritischen Punkt angelangt, wo die Debatte ins Inflationäre zu kippen droht, was für die Sache möglicherweise kontraproduktiv ist.

Kippt die Stimmung auch deswegen, weil zahlreiche Männer ohne differenzierte Auseinandersetzung an den Pranger gestellt werden?

Im Moment wird alles, was Frauen widerfahren ist, total vermischt. Vergewaltigung, Belästigung, herrenwitzige Komplimente oder Erlebnisse wie "Ein Busfahrer hat mir 1996 ans Knie gefasst" werden in dieselbe Schublade geworfen. Auch bei den Männern, die nun an den Pranger gestellt werden, wird die Schwere der Delikte nicht mehr differenziert. Einen Serien-Nötiger wie Harvey Weinstein kann man nicht mit dem Fall des Chefredakteurs der Wiener Zeitung, der einer jungen Kollegin eine schlüpfrige Nachricht schickte, vergleichen. Diese Gleichschaltung der Vergehen und Delikte ist gefährlich.

Wie aber zieht man nun die Grenze zwischen jovialem Schmäh und sexueller Belästigung?

Es geht um die subjektive Empfindung. Es gibt Frauen, die hier empfindlicher reagieren, und andere, die mit dem Spiel beherzter umgehen können. Signalisiert oder sagt die Frau ein "Nein", dass sie sich auf diesen erotischen Schlagabtausch nicht einlassen will, dann hat der Mann das zu respektieren. Es ist nicht wie im Rokoko, wo die Frauen bei den Schäferstündchen "Nein" quiekten, aber in Wahrheit "Mach schon" meinten. Wir sind im 21. Jahrhundert, wo ein Nein auch Nein bedeutet.

Warum werden Männer heute noch ganz selbstverständlich zu Tätern und Belästigern?

Da spielen die Erziehung und die Sozialisation die Hauptrollen. Wenn Mütter ihre Söhne idealisieren und sich von ihnen auch viel gefallen lassen, dann sind diese Söhne der felsenfesten Überzeugung, dass sie mit den Frauen ihres Erwachsenenlebens auch so umgehen können. Väter legen das Fundament für das Verständnis von Männlichkeit ihrer Söhne. Nehmen wir die Eltern von Donald Trump: Er hatte einen leicht sadistischen Patriarchen-Vater. Die Mutter war die stille Dulderin, die die häufigen schwarz-pädagogischen Maßnahmen des Vaters durch ihr Schweigen mitgetragen hat. Dort liegen die Wurzeln seiner Frauenverachtung. Und wenn die Eltern da kein moralisches Gerüst bauen können, dann muss in den Kindergärten und Schulen daran gearbeitet werden, präventiv das Bewusstsein schärfen.

Zahlreiche Männer sind schon einmal daneben gestanden hat, während ein anderer übergriffig wurde. Meistens tatenlos, anstatt einzugreifen. Kann das Hashtag metoo hier ein neues Bewusstsein bilden?

Wir haben es mit einer neuen Generation von Männern zu tun, die sich nicht wie sexistische Saurier wie die Herrn Brüderle oder eben leider auch Pilz benehmen. Diese Form der Selbstherrlichkeit ist im Begriff, auszusterben. Männer, die ihre Macht instrumentalisieren müssen, um Frauen zu erobern, sind in Wahrheit arme Würsteln – möglicherweise leiden sie an einer Form von narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Gefühle der Verunsicherung werden durch solche Übergriffe kompensiert.

Nina Proll kritisierte, dass sich Frauen immer in die Opferrolle begeben. Sie erntete einen Shitstorm, weil sie sexuelle Annäherungsversuche grundsätzlich erfreulich findet und einen solchen erstmal als Kompliment und nicht als Belästigung verstehe. Hat sie das Thema damit verharmlost?

Grundsätzlich hat Nina Proll das Recht, ihre Meinung zu äußern, ohne dass eine Horde von Menschen über sie herfällt und hier eine Art Meinungsjustiz in den sozialen Medien übt. Nur dürfen Frauen, die den Luxus haben, selbstbestimmt und möglicherweise auch in einer elitären Blase zu leben, nicht von sich auf andere schließen. Das finde ich dann doch borniert. Solange eine Frau irgendwo auf der Welt sich um ihr Leben ängstigen muss, wenn sie sich scheiden lassen will, darf man nicht sagen: "Kinder, das ist doch eh alles kein Problem. Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt."

Die Problematik ist von Hollywood nach Europa geschwappt. Ist die Besetzungscouch besonders anfällig für sexuelle Belästigung?

Ich bin mit vielen Schauspielerinnen befreundet. In kreativen Prozessen entsteht natürlich sehr oft eine erotische Atmosphäre. Als Mann kann man trotzdem sehr genau herausfinden, wo die Grenze ist. Ich denke, die Decke der Zivilisation ist nicht so dünn, dass sie sofort wegbricht, wenn Erotik oder die Geilheit ins Spiel kommt. Ich zitiere hier die forensische Psychiaterin Adelheid Kastner, die sagt: "Eine Erektion gibt keinen Weg vor." Ein Mann ist im Besitz seiner geistigen Kräfte und kann rationalisieren, auch wenn er eine Erektion hat.

Haben Männer wie Dominique Strauss-Kahn oder Harvey Weinstein den Bezug zur Realität verloren und glauben, dass sie sich schlichtweg alles mit Frauen erlauben können?

Männer, die sich in abgeschotteten Machtpositionen befinden, tendieren dazu, zu glauben, dass sie das Gesetz sind. Meistens sind diese Menschen auch noch von einem Hofstaat von Ja-Sagern umgeben und haben kein Korrektiv. Das narkotisiert selbstverständlich das Unrechtsbewusstsein.

Sie sind die Autorin der KURIER-Kolumne Polly Adler. Hier dreht sich vieles um Beziehungen. Könnten Sie auch ein "Hashtag metoo" posten?

Mit meinen Vorgesetzten gab es nie ein Problem. Als junge Journalisten sind mir vereinzelte Männer sexuell offensiv entgegen getreten. Ein bekannter Schauspieler zitierte mich einmal zu sich nach Hause, weil er ein Interview nicht freigeben wollte. Er empfing mich im Bademantel und mit einem diabolischen Grinsen an der Tür. Wie ich später von Kolleginnen erfahren habe, waren solche Inszenierungen bei ihm durchaus üblich. Aber auch in dieser Situation konnte ich klare Nein-Signale setzen und es ist mir nichts passiert. Leider stamme ich ja noch aus einer Generation, wo man als junge Frau manchmal so vertrottelt war, dass man aus dem Begehren der Männer auch seinen eigenen Selbstwert definiert hat. Manchmal war man in solchen Situationen auch weniger verschreckt als geschmeichelt. Meine Tochter tickt da – dem Himmel sei Dank – anders.

Würden Sie verraten, wer der Schauspieler war?

Ich stelle keinen Mann für eine Entgleisung an den Pranger, die vor 30 Jahren passiert ist. Das zu tun, wäre lächerlich. Und außerdem: So blauäugige Gänseblümchenseelen sind wir Frauen ja auch nicht. Es wäre jetzt wirklich gelogen, würde ich behaupten, dass ich einem Mann gegenüber noch nie sexuell offensiv war und dabei auch noch nie in die Schranken gewiesen wurde. Im Moment kippen wir in ein Klima des Puritanismus, der mir Angst macht. Wer will schon vor jedem Date einen Vertrag verfassen, wo genau angeführt wird, welche Körperteile an diesem Abend eventuell berührt werden dürfen und welche nicht. In den USA gehört das ja bei manchen Konzernen schon zur Unternehmenskultur. In so einer Welt wollen wir doch alle nicht leben.

Angelika Hager (54) Die Journalistin leitet seit 20 Jahren das Ressort Gesellschaft im Nachrichtenmagazin profil. Noch länger verfasst die Mutter einer Tochter, die sie ironisch „Fortpflanz“ in ihren Kolumnen nennt, unter dem Pseudonym Polly Adler ihre „Chaos de luxe“-Kolumne in der KURIER-Freizeit. Zuletzt schrieb sie die Burgtheaterfassung des Films „Willkommen bei den Hartmanns“, die am 19. November im Akademietheater Premiere hat. Kürzlich erschienen: „Amourhatscher“ (Polly Adler, Amalthea-Verlag) und „Schneewittchenfieber“, eine Polemik über Feminismus und Retro-Idyllen (erschienen im K & S-Verlag).

Nächste Auftritte. Im Wiener Rabenhof tritt sie regelmäßig mit Maria Happel, Petra Morzé und Andrea Händler bei „Breakfast at Polly's“ auf: 12.11. und 3.12.