Die Aussagen eines dänischen Forschers könnten veganen Männern der Appetit verderben.

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Leben
11/27/2019

Außenseiter: Warum es vegane Männer im Leben schwerer haben

Fleischverzicht wirkt sich negativ auf das männliche Sozialleben aus. Grund dafür sind alte Rollenbilder.

von Marlene Patsalidis

Zartes Rindersteak, würziger Speck, g'schmackige Schweinsripperl: Für viele Männer ist Fleisch kein Genuss- sondern ein Grundnahrungsmittel. Aus gesellschaftlicher Sicht tun sie sich damit einen Gefallen. Zumindest legen das Äußerungen eines dänischen Kulturwissenschafters nahe. Der Verzicht auf Fleisch torpediert demnach ihr Sozialleben. "Es gibt eindeutige kulturelle Stereotype, die hier zum Tragen kommen", erklärte Jonatan Leer kürzlich der dänischen Tageszeitung Berlingske.

Zurückzuführen sei dies laut dem Wissenschafter, der am University College Absalon zu Männlichkeit und Essverhalten forscht, auf evolutionäre Faktoren. Männliche Vorfahren hätten in urzeitlichen Gemeinschaften die Rolle der Versorger übernommen, seien auf die Jagd gegangen – Fleisch zum Sinnbild für Kraft und Ausdauer avanciert. Das präge Vorstellungen von Männlichkeit noch heute.

Männlichkeit inszenieren

"Da hat der Kollege nicht unrecht", sagt der deutsche Ernährungssoziologe Daniel Kofahl, „"Fleisch zu essen gehört zu einem traditionellen Männlichkeitsbild, das sich bis in die Gegenwart gehalten hat". Auch heute würden etliche alltägliche Rituale, die mit Fleisch zu tun haben, Männlichkeit inszenieren – "man denke etwa ans Grillen". Auch moderne Männer würden sich mitunter noch stark über den Verzehr von Fleisch definieren und "damit zeigen, dass sie ihre Rolle als Männer beherrschen".

Im Veganismus, wo nicht nur Fleisch, sondern sämtliche Tierprodukte vom Speiseplan gestrichten werden, finde dieses Rollenbild "eine zugespitzte Umkehr". Männer, die vegan oder vegetarisch leben wollen, hätten es demnach in der Gesellschaft schwerer als Frauen, "bei denen Fleisch nicht für die Identitätskonstruktion relevant ist". Tatsächlich ist das Gros der fleischlos lebenden Menschen weiblich. Laut dem Online-Statistikportal Statista sind hierzulande 76,6 Prozent der Vegetarier und Veganer Frauen.

Interessant: Die Debatte über den männlichen Fleischverzicht ist Genussforscher Kofahl zufolge nicht neu: "Die Auseinandersetzung beobachten wir seit über 100 Jahren. Anfang des 20. Jahrhunderts, wo es erste Trends in der Gesellschaft gab, auf Fleisch zu verzichten, waren Männer, die dem folgten, großer Skepsis ausgesetzt." Seither habe sich ein gewisser Wandel vollzogen: "Unsere Gesellschaft ist toleranter geworden, das zeigt sich eben auch darin, dass immer mehr Männer offen zu ihrem Fleischverzicht stehen. Auch prominente Männer wie Attila Hildmann (deutsche Kochbuchautor, Anm.) outen sich mittlerweile ganz selbstverständlich als Veganer."

Gesund bleiben

Zwar haben Männer von heute nur mehr wenig mit ihren Urvätern und deren Lebensweise gemein, "viele tun sich dennoch schwer, die vermeintliche Sicherheit ihrer Vorstellungen vom Mannsein aufzugeben", erklärt Raoul Biltgen, Psychotherapeut bei der Männerberatung Wien. "Diese alten Rollenbilder sind immer noch die des Jägers, des Kämpfers, des Starken – des Machos eben. Und dazu gehören Fleisch, Bier und Feuer machen." Das kann auch der Gesundheit zusetzen. Erst vor wenigen Monaten postulierten Experten der Oxford University, dass bereits kleine Mengen von rotem Fleisch das Risiko für Darmkrebs erhöhen.

"Frauen achten im Allgemeinen eher auf ihre Gesundheit, gehen zur Vorsorge und wollen nicht zu ungesund essen. Deswegen liegt es möglicherweise Frauen näher, sich überhaupt mit der Idee, die Ernährung zu ändern, auseinanderzusetzen", sagt Biltgen. "Und während die alten Bilder von Männlichkeit sehr auf den Mann als Zentrum der Welt fokussiert sind, braucht es eine Überwindung dieser Sichtweise, um auf andere und auch die Umwelt zu achten, was ja auch ein Grund ist, vegan leben zu wollen."

Anlass zum Umdenken gibt es auch darüber hinaus: Frauen fühlen sich nämlich vom Schweißgeruch gemüseessender Männer am stärksten angezogen, wie australische Forscher herausgefunden haben.