Männer starten durch, aber nicht als immerstarke Alphas: Immer öfter gehören emotionale Rollen zu ihrem Selbstbild.

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Leben
11/19/2019

Rollenbilder: Wann ist ein Mann heute ein Mann?

Ihr Rollenbild verändert sich, ihr Lifestyle auch: Immer mehr Männer gehen neue Wege.

von Marlene Patsalidis

Man kommt nicht an den Zeilen vorbei: "Wann ist ein Mann ein Mann?", tönte Herbert Grönemeyer 1984 zu eingängigen Keyboardklängen. Seine damalige Bestandsaufnahme: "Männer haben's schwer, nehmen's leicht, außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann geeicht."

Daran hat sich heute, 35 Jahre später, nicht sonderlich viel geändert. Während den meisten Männern klar ist, dass alte Rollenbilder ausgedient haben, fällt vielen die Identifikation mit den neuen Vorstellungen von Männlichkeit nach wie vor schwer: "Angesichts der sich wandelnden Männerrollen erlebe ich viele noch in einem Zustand der Verunsicherung. Auf unbekanntem Terrain unterwegs zu sein, ist eben nicht immer einfach", bestätigt Psychotherapeut Raoul Biltgen von der Männerberatung Wien.

Neue Rollen

Früher formten starre Geschlechterrollen das alltägliche Leben: der Mann als Alphatier, Versorger, Beschützer und Familienoberhaupt, die Frau als Quasi-Untergebene und Mutter im Heim und am Herd. Aufgebrochen wurden sie von den Frauenbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts und dem gesellschaftlichen Streben nach Gleichberechtigung. Männern eröffnete das neue Möglichkeiten, ihre Identität auszuleben. Heute dürfen sie alles sein: Softies, Hausmänner, Kinderpädagogen, Feministen, metrosexuell – ein Attribut, das Ex-Fußballer David Beckham Mitte der 2000er prägte – einfühlsam, verletzlich, als Vater engagiert.

Nicht alle empfinden das als Befreiungsschlag; statt neuem Tatendrang herrscht nicht selten ein Gefühl von Überlastung. "Es fällt schwer, vertraute Rollen loszulassen. Die alten Muster sind die, von denen man weiß, dass sie ausgedient haben, aber auch die, die einem das Gefühl von Sicherheit geben", sagt Biltgen, der kürzlich auch ein Buch über das männliche Liebes- und Sexualerfahrungen geschrieben hat ("Adam spricht", siehe Buchcover unten).

Komplexe Männlichkeit

Grönemeyer besingt auch den männlichen Herzinfarkt. Tatsächlich sterben noch immer fast doppelt so viele Männer wie Frauen daran. Sie hinken dem weiblichen Geschlecht bei der Lebenserwartung allgemein hinterher. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das zum einen damit zu tun, dass mehr Buben als Mädchen geboren werden, aber auch damit, dass Frauen länger gesund bleiben, Männer eher an schwerwiegenden Krankheiten sterben, häufiger ermordet werden und öfter Suizid begehen.

Womit Grönemeyer ebenso recht behielt: Immer noch werden Burschen in jungen Jahren oft dazu erzogen, Gefühle als Zeichen der Schwäche anzusehen und sie zu unterdrücken – mit gravierenden Auswirkungen. Studien zufolge neigen Männer zu risikoreicherem Verhalten, Aggressivität und Gewaltbereitschaft. Wer dauerhaft nur funktioniert, ohne über sein Inneres zu reflektieren, läuft eher Gefahr, psychisch und physisch zu erkranken.

Die Folgen sind häufig chronischer Stress, Depressionen, Drogenmissbrauch oder Suchtverhalten oder erhöhtes Suizidrisiko. "Es wäre wichtig, dass junge Männer und Burschen erkennen, dass Schwäche zeigen eine Stärke ist, auch wenn das platt klingt. Es kann schon auch wehtun, sich dem zu öffnen. Aber erst dann kann der Mann davon profitieren, dass er Gefühle zulässt."

Ganz gefühlvoll

Und er lässt sie ja auch schon zu. Für die Online-Partnerbörse Elitepartner wurden vergangenes Jahr fast 6.000 Frauen und Männer gefragt, welche Rolle ein Mann heutzutage erfüllen sollte. Gefühle zeigen zu können gehört für acht von zehn Männern zum "Mann sein" dazu, auch Engagement bei der Kindererziehung und im Haushalt sind für die meisten mittlerweile typisch männlich. "Väter erkennen immer mehr, dass Kinder zu haben nicht nur bedeutet, sie zu zeugen und dafür zu sorgen, dass sie etwas zu Essen haben. Sondern, dass Kinder etwas davon haben, wenn der Vater präsent ist und man auch selber daran wächst", weiß Biltgen.

Derzeit geht dennoch nur jeder fünfte Vater in Österreich in Karenz – mit langsam steigender Tendenz. Viele Männer haben Angst, dass sich die Karenz negativ auf ihre Karriere auswirken könnte – Bedenken, die Frauen nur allzu gut kennen. Dazu kommen finanzielle Sorgen: Nach wie vor verdient der Mann oft mehr als die Frau.

Immer wieder erleben sich auch Gegenwind. Vergangenes Jahr tauchten Bilder auf, die Schauspieler und "James Bond"-Darsteller Daniel Craig mit Babytrage zeigten. Im Netz wurde der Brite mit Spott überhäuft. Er sei "unmännlich", so den Tenor von vorwiegend männlicher Seite. Ähnlich erging es prominenten Vätern wie Ashton Kutcher und John Legend, die sich für Wickeltische in öffentlichen Männertoiletten stark machten.

Warum wird es Männern so schwergemacht? "Das liegt an den vielen anderen Männern, die Angst vor diesem Wandel haben. Die denken, 'Wenn plötzlich alle anderen Männer solche Aufgaben selbstbewusst übernehmen, wird das auch von mir verlangt, aber ich bin dazu nicht bereit'. Um ihr eigenes Selbstbild zu stabilisieren und diese Angst zu bekämpfen, wird der vermeintlich 'gefährliche' Rollenträger abgewertet", erklärt Biltgen und fügt hinzu: "Glücklicherweise löst sich diese Denke über die Generationen Stück für Stück auf und der Schritt in die neuen Rollen kann immer leichter fallen."

Immer wieder plagt Männer auch die Sorge, ob der neuen Rollen für Frauen nicht mehr attraktiv zu sein. Biltgen gibt Entwarnung: "Was die Partnersuche wirklich verkompliziert, ist, wenn man als Mann Klischees nachhechtet, im Glauben, damit zu imponieren. In den meisten Fällen ist es zielführender, sich auf sich selbst zu besinnen." Denn auch dann sei "ein Mann ein Mann".

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