Stolzer Tragepapa: Blogger Bernhard Desch (27) mit seinem Sohn

© Facebook/Lilium Pictures

Leben
10/19/2018

Väter mit Babytrage: Was ist daran unmännlich?

Schauspieler Daniel Craig schnallt sich sein Baby um und wird als „entmannt“ verspottet – Jung-Papas wehren sich.

von Julia Pfligl

Was macht James Bond, wenn er nicht gerade die Welt rettet? Er trägt sein wenige Wochen altes Töchterchen in einer Bauchtrage vor sich her. So weit, so gewöhnlich – schließlich ist Daniel Craig (50) abseits der Leinwand kein Actionheld, sondern ein normaler Familienvater.

Dennoch entfachte der Paparazzi-Schnappschuss in den sozialen Medien eine Debatte über Männlichkeit – ausgelöst durch den spöttischen Tweet des verhaltensauffälligen Moderators Piers Morgan: „Oh 007 ... nicht auch noch du“, schrieb er unter das Foto, versehen mit dem Schlagwort #emasculatedBond, „entmännlichter Bond“. Der Sturm der Empörung folgte prompt, zahlreiche Väter solidarisierten sich mit Craig und posteten Fotos mit Babytrage. Auch Frauen konterten; es gebe kaum Männlicheres als Väter, die sich aktiv in die Kindererziehung einbringen, so der Tenor.

Veraltete Sichtweise

Piers Morgan wurde ob seines antiquierten Männerbilds quer durch alle Medien gewatscht, Daniel Craig zur modernen Väter-Ikone erhoben – eine Frage aber bleibt: Warum regt ein Papa mit Babytrage im Jahr 2018 überhaupt noch irgendjemanden auf?

Wolfgang Mazal, Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF), erklärt: „Weite Teile der Gesellschaft sehen das unproblematisch. Aber noch mehr haben ein anderes Bild, wo die Rollen von Vater und Mutter klar getrennt und Grenzüberschreitungen unerwünscht sind.“ In der jungen Generation gebe es inzwischen „deutlich mehr“ Männer, die sich von traditionellen Rollen verabschieden und sich das Baby à la James Bond selbstverständlich um den Bauch schnallen.

Einer dieser Männer ist Bernhard Desch (27): Der Niederösterreicher bloggt auf papazuhause.at über seine Erfahrungen als „Vollblutpapa“. Neun Monate war er mit seinem Sohn in Karenz, machte sich danach selbstständig und kümmert sich seither zu Hause um Kind, Job und Haushalt. Der überzeugte „Tragepapa“ versteht nicht, was daran unmännlich sein soll: „Man baut eine engere Bindung zum Baby auf, als wenn es einen halben Meter weiter im Kinderwagen liegt.“

Die Reaktionen verraten viel über das Familienbild, das – gerade auf dem Land – weit verbreitet ist: „Die meisten finden es lieb und sagen ‚Na, hat der Papa heute Zeit für dich, schön.‘ Ich denke mir dann – ja, heute, gestern, vorgestern und morgen wieder. Anscheinend ist es exotisch, dass ein Vater so viel mit seinem Kind zu tun hat.“

Dabei besteht schon seit 1990 die gesetzliche Möglichkeit zur Väterkarenz; wie viele diese wie Bernhard Desch in Anspruch nehmen, wird nicht erhoben. „Bekannt ist, dass die Zahl der männlichen Bezieher von Kinderbetreuungsgeld steigt“, sagt Wolfgang Mazal. Laut Familienministerium beziehen derzeit 20 Prozent der Väter Kinderbetreuungsgeld – insgesamt entfallen aber nur fünf Prozent der Auszahlungen auf Männer. Das liegt vor allem an der Dauer der Karenzzeit.

Kurz-Karenz

„Der internationale Vergleich zeigt, dass es üblich ist, dass Väter zwei, drei, vielleicht vier Monate in Karenz gehen“, weiß Mazal. Das Gros der Kinderbetreuung hängt also an den Frauen – auch, wenn die Kinder größer werden: Jede zweite Frau, aber nur knapp jeder zehnte Mann ist teilzeitbeschäftigt. Dabei hat Väterkarenz hat auch langfristige Vorteile, fanden Forscher des deutschen Leibniz-Instituts jüngst heraus: Männer, die zu Hause bleiben, beschäftigen sich danach mehr mit ihren Kindern und beteiligen sich intensiver an der Hausarbeit.

Mazal sieht vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht, Vätern mehr Familienzeit zu ermöglichen. Und man müsse über die Definition von „Männlichkeit“ reden, fordert er angesichts der Causa Bond mit Babytrage. „Es fängt schon damit an, dass James Bond ein klassischer, harter Mann sein soll. Man ist weder unmännlich, wenn man sich sein Kind umschnallt, noch rückständig, wenn man das nicht tut.“

Auch Desch steht seinen Mann unabhängig von Stereotypen: „Ich finde es männlicher, beim Kind zu bleiben, als nach der Arbeit mit den Kumpels Fifa zu spielen.“ Die Meinung von Piers Morgan ringt ihm nur ein Lächeln ab. „Natürlich würde sich Bond eine Babytrage umschnallen! Sie wäre kugelsicher und mit sämtlichen Gadgets ausgestattet.“ Und nur so hätte 007 die Hände frei, um neben der Kinderbetreuung noch die Welt zu retten.