Auch die besten Kinder bringen ihre Eltern manchmal an die Grenzen

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Leben
08/28/2019

10 Tipps: So kann man Nerven bewahren statt Kinder anschreien

In ihrem Buch "Mama, nicht schreien" geben die Familienberaterinnen Sandra Teml-Jetter und Jeannine Mik gestressten Eltern Kraft.

von Daniela Davidovits

Routinen durchdenken

Klassiker für Wutanfälle von Eltern und Kindern ist die Hektik in der Früh. Erwachsene verstehen, dass es schnell gehen muss, aber kleine Kinder wollen ihr eigenes Tempo und größere Kinder wollen morgens gar kein Tempo. In anderen Familien kommt es am Abend zum Showdown, wenn alle müde sind und Eltern keine Geduld mehr haben und nur in Ruhe auf dem Sofa sitzen wollen. Wer sich diese Muster in Ruhe durchdenkt, kann vielleicht Grundsätzliches verändern, das Druck herausnimmt.

Übung „Was macht mich wütend?“

Manche Verhaltensweisen oder Situation sind ein besonderer Trigger, also Auslöser, für Emotionen. Teml-Jetter nennt in der Übung als Beispiele „wenn mein Kind schreit“, „wenn mein Kind mich anlügt“, „wenn mein Kind undankbar ist“ und andere. Man kann dem eigenen Kind dann auch klarer vermitteln, dass Mama oder Papa mit einem bestimmten Verhalten ein besonderes Problem haben.

Die Wut-Situation beherrschen

Die Wut kommt wie eine Welle und dauert etwa 90 Sekunden, so Teml-Jetter. Natürlich gibt es Tricks wie Bis-5-zählen oder tief durchatmen. Die Wut zu unterdrücken, sei kaum möglich, sagt übrigens Therapeut Gino Gross, der sich mit Emotionsmanagement beschäftigt: „Der Körper geht in ein steinzeitliches Reaktionsmuster und das Kind, das vor einem steht, ist wie ein Mammut, das einen in den Kampfmodus versetzt.“

Manchmal ist es besser, das Kind sicher zu hinterlassen und den Raum zu verlassen. Kindern bringt man bei, ihre Wut an einem Polster auszuleben, manchmal brauchen das Eltern auch. Ganz kleine Kinder brauchen ihre Eltern, um aus einer Erregung herauszufinden, sie können das noch nicht alleine – das wird Co-Regulation genannt. Wenn aber ein Elternteil selbst angespannt ist, schafft es das nicht. Dann muss eine andere Person einspringen. Die britische Psychotherapeutin Sue Gerhardt schreibt dazu, dass etwa Kinder depressiver Mütter sich an den Mangel an Gefühlen gewöhnen und Kinder aufgeregter Mütter daran, dass Gefühle unerwartet explodieren

C.I.A.

Die Autorinnen haben haben ein Denkmodell für den Notfall entwickelt. Cut – Imagine – Act. Wie bei einem Filmdreh endet die Situation sofort. Man stoppt so das eigene Handlungsmuster. Dann stellt man sich vor, wie man nicht sein will – statt sich nachher verschämt beim Kind zu entschuldigen. Dann erst wird tief durchgeatmet und gehandelt. Idealerweise hat die Verschnaufpause dazu geführt, dass man ohne Wut weitermachen kann – oder die Situation sogar ins Lustige drehen und dadurch den Druck herausnehmen kann.

Körpernähe richtig herstellen

Das Kind hat einen Tobsuchtsanfall im Supermarkt und die Stressspirale setzt sich in Gang. Statt das Kind anzubrüllen oder in der Emotion sogar unsanft anfassen bringt nichts. Da hat der US-Psychologe Fred Donaldson einen interessanten Ansatz. Er kniet sich hinter das wütende Kind, umfasst es in Brusthöhe, aber ohne die Hände zu schließen, die Handflächen zeigen nach unten – und er gibt dem Kind dadurch einen Rahmen und Schutz, ohne es zu fixieren.

Auf Augenhöhe kommunizieren

Viele Konflikte entstehen nur dadurch, dass die Kommunikation nicht gut funktioniert. Das klassische Beispiel: Essen kommen. Eltern rufen aus der Küche, Kinder kommen nicht. Und weil das jeden Tag so ist, setzt die Wut schnell ein. Wenn die Mutter wütend ins Kinderzimmer stürmt, sind die Kinder überrascht und irritiert. Sie waren im Spiel versunken und haben die Rufe gar nicht wahrgenommen. Wie auch bei Erwachsenen gilt daher, dass man darauf achten soll, ob die Botschaft ankommt. Auf Augenhöhe ist dabei wörtlich gemeint: Runter auf die Knie und dem Kind in die Augen sehen, wenn man mit ihm redet. Dann kann es auch besser zwischen den Zeilen lesen und hört nicht alles nur von oben herab.

Aussprechen, wenn es zuviel ist

Vor allem Konflikte mit älteren Kindern treiben Eltern an ihre Grenzen. Doch statt ihnen dafür Vorwürfe zu machen wie „Du machst mich wahnsinnig!“ und „Du verhältst dich unmöglich!“ soll man über sich sprechen: „Ich weiß jetzt nicht, was ich tun soll“ oder „Ich bin gerade überfordert“. So merkt das Kind, dass es an eine Grenze stößt – bevor es dort eine blutige Nase bekommt.

Kind in der Zwickmühle

Kinder wollen kooperieren. Aber nichts ist für sie komplizierter als Doppelbotschaften. Wenn sie Angst haben müssen, dass sie die Eltern unabsichtlich verärgern. Das typische „Geh spielen, aber mach dich bitte nicht schmutzig“. Der Wutanfall über sandige Schuhe ist dann schon vorprogrammiert – ein unnötiger Stress für Eltern und Kinder.

Eigene Kindheit

Viele Eltern leiden noch unter den Mustern ihrer Kindheit. Und greifen dennoch darauf zurück. Nicht nur Menschen, die als Kinder geschlagen wurden, wiederholen eher die Geschichte. Auch Drohungen oder typische Sätze der Ursprungsfamilie prägen bis ins Erwachsenenalter. Heftige Gefühle gegenüber den eigenen Kindern rühren oft daher.

Eigene und andere Grenzen schützen

Wichtig ist auch, die eigenen Grenzen zu wahren. Teml-Jetter wählt dafür das Bild eines Kreises der US-Lehrerin und Autorin Katie Byron, der jeden Menschen umgibt. Jetzt geht es darum, wenn möglich nicht in den anderen Kreis einzudringen. Ungefragte Ratschläge für Eltern etwa sind eine typische Kreisübertretung, aber auch der Satz „Zieh dir etwas Warmes an, mir ist kalt“ zählt dazu. Ständige Übertretungen belasten Beziehungen. Oft führt genau das zu Konflikten mit Großeltern. Sieht man sich die Kreise genauer an, stellt man vielleicht fest, dass die ewige Aufräum-Diskussion mit Jugendlichen deren Kreis verletzt. Katie Byron fragt daher: „Wem gehört das Problem?“

Auszeiten schaffen

Die Amerikaner haben die Date-Night für Eltern erfunden, damit sie ein paar Stunden Auszeit in der Woche für sich haben, denn das brauchen Paare. Und wir auch.