Familienberaterin Sandra Teml-Jetter im Interview

© Julia Spicker

Leben
08/28/2019

Frau Teml-Jetter: "Warum machen uns unsere Kinder so wütend?"

In ihrem Buch "Mama, nicht schreien!" helfen Sandra Teml-Jetter und Jeannine Mik gestressten Eltern, die Nerven zu bewahren.

von Daniela Davidovits

KURIER: Warum machen uns gerade unsere Kinder manchmal so wütend?

Sandra Teml-Jetter: Es sind die Menschen, die uns besonders nahe stehen, die in uns die heftigsten Emotionen auslösen. Diese Menschen kennen uns am besten, haben die genaueste Landkarte von uns und kennen somit auch unsere wundesten Punkte. Die werden dann zum Beispiel gedrückt, wenn unsere Kinder etwas von uns haben wollen, obwohl wir schon gefühlt hundert Mal "nein" gesagt haben. Sie testen uns dann wirklich, ob wir uns ernst nehmen. Das kann schon so richtig wütend machen - trägt aber auch dazu bei, zu uns und unserem "nein" zu stehen. 

Wieso ist das Thema für das Buch entstanden?

Weil viele Mütter voll sind von Schuldgefühlen, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten - und alternativlos sind. Meiner Meinung nach braucht es da zuerst ein Selbst-Verständnis, eine Selbst-Zuwendung, eine Anerkennung der eigenen Grenzen zum Beispiel. Von dort aus kann ich mich auf meinen Weg machen. Und wir wollten genau da anfangen: Dort zu beginnen, wo ich heute stehe. Mit all meinen Makeln, Fehlern, Nichtperfektsein.

In welchen Situationen flippen Eltern am häufigsten aus?

Vorallem dann, wendet Stress steigt. Die Klassiker sind: Am Morgen das Haus verlassen, Schlafen gehen, Zähneputzen. Da kommt Angst auf, der Stresspegel steigt und wir fallen auf alte Strategien zurück, wünschen uns den Gehorsam zurück, dass unsere Kinder „einfach folgen!“. Und um das zu erreichen, das Folgen, werden wir dann laut, und drohen und schreien, in der Hoffnung, dass uns unsere Kinder hören . Nur so funktioniert das nicht mehr. Unsere Kinder lassen sich nicht mehr so leicht erpressen. Sie wollen, dass wir mit ihnen in Kontakt gehen, eine Beziehung haben. Sie wollen , dass wir persönlich werden und uns auf Augenhöhe ausdrücken. Wir müssen uns also auf die Suche nach Alternativen machen, um das zu erreichen, was ich will, was dem Ziel „Familie“ dient.

Ihre schreibt Mama. Was ist mit den Vätern? 

Natürlich betrifft es auch dieVäter. Aber es ist eine Tatsache, dass es mehrheitlich Mütter sind, die Ratgeber oder Blogs lesen. Deswegen der Titel. Am Ende ist aber unser Buch ein Buch über Beziehungen.

Ich habe bei einer Übung im Buch festgestellt, dass mich manche Geräusche so nervös machen, dass ich die Nerven verliere, etwa ein Ball. Was sind die typischen Trigger für Eltern?

Das ist abhängig von Ihrem Aufwachsen. Wenn Sie ein Ball so nervös macht, dann vermute ich, dass Sie in dem Moment schon etwas hypervigilant sind - also fast außerhalb des Stresstoleranzfensters. Oder anders gesagt: Der Ball treibt Ihre Unruhe auf die Spitze. Jetzt können Sie beginnen zu erforschen, warum Sie so unruhig sind  - und was Sie ändern können, damit Sie ins Fenster kommen.

Wie sind Sie mit Ihrer Wut umgegangen?

Ich habe zuerst (unterstützt von einer therapeutischen Körperarbeit) gelernt, meine Wut und andere Emotionen erstmal zu spüren - und beobachtet, was ich mache, wenn ich wütenden werde. Was macht mein Körper ganz automatisch? Wo verhindere ich, meine Emotionen zuzulassen und sie fließen zu lassen. Dazu ermutigen wir unser Kinder ja andauernd - können es mitunter selber nicht. Meine neuen Strategien waren neben viel Atmen und fließen lassen auch humorvolles Benennen dessen, was gerad in mir vorgeht. Laut. In den Raum - nicht an die Kinder hin: „Ich bin sooooo genervt! Das gibt es doch alles nicht!“ Da wussten meine Kinder: „Ach, die Mama. Die verarbeitet gerade was!“ Und ich habe erst mit ihnen geredet, wenn ich wieder abgekühlt war.

Wieviel hat unsere Lebenssituatuon - etwa die Doppelbelastung - mit diesen Emotionen zu tun? Ist das ein besonderes Problem dieser Elterngeneration?

Auch. Es ist ein Problem, dass wir in Momenten von Stress einfach auf Altes - und das sind immer noch Strategien aus dem Gehorsam -  zurückgreifen. Und wir haben viel Stress aus der Gegenwart und aus unserer (zum Teil traumatischen)  Vergangenheit in uns. Das gilt es zu erkennen, auseinander zu dröseln und unser Leben neu, dementsprechend zu gestalten. Das ist eine echte Herausforderung!

Manche klagen, dass Jugendliche heute frecher sind als früher und Eltern mehr diskutieren? Was tut das mit den Emotionen der Erwachsenen? 

Wir haben uns sehr bemüht, durch eine natürliche Geburt, Bonding, Rooming In , Attachment Parenting - unsere Kinder angstfrei in die Welt zu begleiten. Und jetzt haben wir sie, die angstfreien, willensstarken, integren Jugendlichen. Die haben uns mitunter schon längst überholt in ihrem Emotionsmanagement und warten nur darauf, dass wir endlich nachziehen.

 

Wie viel muss man in die eigene Kindheit zurückschauen, um die heutigen Muster zu erkennen?

Die Muster der Vergangenheit tauchen in der Gegenwart auf. Besonders in Situationen, in denen wir den Pfad der Aufmerksamkeit verlassen, nämlich bei Stress, oder Angst. Ob wir das wahr haben wollen, oder nicht. Und es ist oft für die Paarbeziehung, für die ganze Familie entlastend zu wissen, dass meine Reaktion oft mehr einem Echo aus der Vergangenheit entspricht, als zur gegenwärtigen Situation passt. Dann kann ich Verantwortung übernehmen, die nötigen Gespräche mit den Menschen führen, die diese Emotionen ursprünglich und/oder noch immer auslösen. Ich kann es auflösen; erwachsen werden.

Wirken diese Wut-Muster auch bei anderen Menschen, etwa Arbeitskollegen?

Und ja, unsere Kollegen können das auch in uns auslösen! Nur benehmen wir uns da oft besser, als zuhause. Das gelingt es uns, angemessen zu reagieren!, uns zu benehmen. Vielleicht sollten wir diese Strategien das eine oder ander mal auch mit nach Hause nehmen!