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Kultur
12/30/2019

Viele Abschiede in der Kultur: Die Toten des Jahres 2019

Sie haben uns verlassen. Hannelore Elsner bis Mariss Jansons, Doris Day bis Bruno Ganz, Werner Schneyder bis Gustav Peichl und Lotte Tobisch.

von Werner Rosenberger

„Lebe wohl und stirb noch besser“, war ein typisches Wortspiel von Tomi Ungerer, der für Kinder Riesen und Räuber, für Erwachsene erotische Cartoons zeichnete. Der Illustrator, Grafiker und Schriftsteller starb mit 87 Jahren in Irland. Und der Argentinier Mordillo, berühmt für seine Figuren mit großer Knollennase, mit 86 in seinem Haus auf Mallorca.

Sein Schwarz-Weiß-Foto von Greta Thunberg erschien auf einem Vogue-Cover. Wie die Klimaaktivistin die Zukunft prägen wird, erlebt Peter Lindbergh ( mit 74) nun nicht mehr. Was von ihm bleibt? Dass ihm die Frauen, die er fotografierte, stets wichtiger waren als die Mode, die sie trugen. Er hat als Erster aus Models Superstars gemacht.

„Schlafen Sie gut, Herr Tucholsky“ hat Werner Schneyder einst gesungen. Die Pointen des Kabarett-Groß- und Altmeisters, Vor- und Nachdenkers fehlen. Aber ein letzter Gruß: „Schlafen Sie gut, Herr Schneyder!“

Besonders groß waren die Verluste heuer in der Filmbranche: Die Broadway- Legende Carol Channing – ab 1964 als Heiratsvermittlerin Dolly Levi der Star des Musicals „Hello Dolly“, in dem sie 5.000 Mal auftrat – ist mit 97 Jahren in Kalifornien gestorben.

Im selben Alter war Doris Day, als Everybody’s Darling eine große weibliche Film-Ikone Hollywoods (u.a. „Der Mann, der zu viel wusste“, „Bettgeflüster“): Unsterblich durch den Song „Que Sera, Sera“ und das Frauenbild der 50er-Jahre bis zur Karikatur.

„Easy Rider“-Star Peter Fonda hingegen hat in der Film-Metropole von Los Angeles protestiert, viele Konventionen verachtet, sich zuletzt an Donald Trump abgearbeitet – und ist mit 79 Jahren „lachend gegangen“, wie seine Schwester Jane Fonda erklärte.

Bibi Andersson, 1935 in Stockholm geboren und international bekannt vor allem durch die Filme des schwedischen Drehbuchautors und Regisseurs Ingmar Bergman („Wilde Erdbeeren“, „Das siebente Siegel“, „Szenen einer Ehe“), starb mit 83, nachdem sie schon 2009 durch einen Schlaganfall ihr Sprachvermögen verloren hatte.

Albert Finney, eines der bekanntesten Gesichter des britischen Kinos und weltberühmt durch seine Rollen u.a. in „Scrooge“, „Mord im Orient Express“ oder neben Julia Roberts in „Erin Brockovich“, wurde 82.

Und Artur Brauner 100: Der Filmproduzent wollte Hollywood Konkurrenz machen, hat das deutsche Nachkriegskino wie kein anderer geprägt. Mit vielen Filmen hielt der Holocaust-Überlebende über Jahrzehnte die Erinnerung an die Opfer der Nazis wach.

Eric Pleskow ( mit 95), machte, von den Nazis aus Wien vertrieben, in Hollywood als Filmproduzent Karriere und war zuletzt lange Jahre Präsident der Viennale.

Leise, melancholisch, intensiv, mit abgründig müdem Blick: Bruno Ganz, ein Meister aller Rollen im Theater und im Film („Der Untergang“, „Der Himmel über Berlin“, „Der Baader-Meinhof-Komplex“) erlag mit 77 in Zürich einer Krebserkrankung.

Mit der Sopranistin Jessye Norman ist eine Jahrhundertstimme verstummt. Spiritual, Gospel und Jazz sang sie in reiferen Jahren immer mehr, gerne vermischt mit klassischen Liedern und Arien und sagte: „Schubladen sind nur für Socken gut.“

Die Wiener Staatsoper nahm Abschied von der Sopranistin Hilde Zadek (101). Drei Pultstars hatten eines gemeinsam: Sie haben die renommiertesten Orchester der Welt dirigiert. Der gebürtige Dresdner Michael Gielen wurde 92, Oscar- und Grammy-Gewinner André Previn 89 – und Mariss Jansons 76: Er war ein wahrer Orchester-Flüsterer, dem die Musiker jeden Wunsch und jede Nuance von den Händen und den Augen ablasen.

Hannelore Elsner prägte das deutsche Kino und Fernsehen über Jahrzehnte und krönte ihre Karriere mit einem fulminanten Spätwerk. Elizabeth T. Spira machte einzigartige Interviews zum ORF-Quotenhit, sie wurde 76 Jahre alt. Und Elfriede Ott (94) war Doyenne und Ehrenmitglied des Theaters in der Josefstadt.

Toni Morrison, die erste Afroamerikanerin, die 1993 den Literaturnobelpreis erhielt, wurde 88; der Italiener Andrea Camilleri, dem mit den Montalbano-Krimis ein später Welterfolg gelang, 93. Und der Schlagerstar der Literatur Rosamunde Pilcher („Die Muschelsucher“), die ihre Heimat Cornwall und Adjektive liebte und beides zu sensationellem Kitsch verschwurbelte, 94.

Der exzentrische Designer Luigi Colani ( mit 93) hatte ein Faible für besonders aerodynamische Gebrauchsgegenstände ohne rechte Winkel und gerade Kanten. Seiner Zeit voraus waren seine Übernahmen biomorpher, den Pflanzen nachempfundener Formen.

Der New Yorker Baukünstler Ieoh Ming Pei, Sohn einer chinesischen Adelsfamilie, war ein Zauberer des Lichts und ein Meister der filigranen Intervention. Der Schöpfer der Glas-Pyramide im Pariser Louvre starb 102-jährig. Österreichs Architekturszene schmerzhaft fehlen wird Gustav Peichl, der Erbauer zahlreicher Kulturbauten, auch bekannt als Karikaturist Ironimus. Er wurde 91.

Mit dem Tod von Burgschauspieler Peter Matic ( mit 82) ist im Juni eine außergewöhnliche Stimme der Schauspielwelt verstummt.

Und Lotte Tobisch, Schauspielerin, langjährige Organisatorin des Opernballs, Society Lady, aber vor allem eine durch Klugheit und Eleganz glänzende Ausnahmepersönlichkeit, wurde 93-jährig am Friedhof in Grinzing beerdigt.

Die Schlagerwelt trauert um Gus Backus („Da sprach der alte Häuptling der Indianer“, „Der Mann im Mond“), Costa Cordalis (Party-Hit „Anita“), und Karel Gott, der mehr als sechs Jahrzehnte auf der Bühne stand und durch seine „Biene Maja“ unvergessen bleibt.

Zwei Meister der subtilen Töne sind verstummt: Der Brasilianer João Gilberto, Vater des Bossa Nova, schrieb mit dem „Mädchen aus Ipanema“ und seiner Mischung aus Samba und Jazz Musikgeschichte und starb mit 88 Jahren verarmt in Rio de Janeiro.

Michel Legrand, der französische Filmkomponist (u.a. „Yentl“ und „Thomas Crown ist nicht zu fassen“), dreifache Oscar-Preisträger und Jazz-Pianist, wurde 86.

Aus dem Pop-Genre haben uns heuer für immer verlassen: The Cars-Frontman Ric Ocasek ( mit 70 oder 75), Sänger und Songwriter Edo Zanki (66), Sänger und Keyboarder Art Neville (81), der Anti-Apartheids-Musiker Johnny Clegg (66), Songwriter u.a. des Sixties-Evergreen „The Sun Ain’t Gonna Shine (Anymore)“ Scott Walker (76), der „King of the Surf Guitar“ Dick Dale (81), der u.a. den Titelsong des Kult-Films „Pulp Fiction“ spielte, und Roxette-Sängerin Marie Fredriksson (61).

Die Musik des Sängers und Pianisten Dr. John ist ein Mix aus R & B, Jazz und Psychedelic Rock, ergänzt durch Voodoo-Zauber. Er war das personifizierte New Orleans und hinterließ 30 Alben mit Hits wie „Right Place, Wrong Time“.

Im Leben oft unausstehlich, als Musiker ein rastloses Genie: Ginger Baker, der Drummer der Rock-Supergroup Cream, erreichte für seinen exzessiven Lebensstil das erstaunliche Alter von 80 Jahren. Auch auf ihn traf zu, was der Modeschöpfer und Kreativdirektor für Chanel Karl Lagerfeld ( 86) über sich sagte: „Ich bin total down to earth, aber nicht von dieser Welt.“

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