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Kultur
03/03/2019

Werner Schneyder 1937–2019 - ein Nachruf

Was war er für ein Groß- und Altmeister, ein Vor- und Nachdenker! Wenn er das Wort ergriff, beherrschte er es und hatte was zu sagen. Sein Tod ist mehr als bitter, er ist unverzeihlich.

von Dieter Chmelar

„Bis 80 ist es Pflicht“, sagte er gern, „ab 80 ist es Kür“. Am Samstag starb der Kabarettist, Autor, Schauspieler, Regisseur, Sportreporter, kurzum „der Universaldilettant“ (so seine selbstironische Eigendefinition) Werner Schneyder fünf Wochen nach seinem 82. Geburtstag (25. Jänner) in Wien an Herzversagen.Dabei war just das Herz immer seine größte Stärke. Bittere Schlusspointe.

Sein Sohn Achim Schneyder zum KURIER: „Er hat nicht gelitten – es geschah binnen Sekunden.“ Noch vergangenen Montag war der gebürtige Grazer, der in Kärnten aufgewachsen und in Wien Akademiker geworden war (Zeitungswissenschaft und Kunstgeschichte), beim 80er von Erika Pluhar als Gratulant und als Blutsbruder und Wegbegleiter im Stadtsaal aufgetreten – mit einer Natalie Cole-Ballade als standhaftes Ständchen: „They tried to tell us we’re too young“. Dort meinte er: „Der Unterschied zu früher? Früher haben wir nach so einem Abend gesagt: Wo geh’ ma noch hin? Heut’ sag’ ma: Wer tragt uns heim?“

Die Pluhar, so niedergeschmettert von der Nachricht wie alle: „Er wurde uns im vollen Saft genommen. Das Einzige, das wir genau wissen, ist, dass wir sterben werden. Das Schlimmste am Alter sind die Abschiede.“

Aus dem vollen Ärmel

In einem Fragebogen in der Süddeutschen Zeitung hatte Schneyder, dessen Selbstsicherheit zeitlebens – und das völlig zu Recht – in vollem Bewusstsein seiner (Fast-)Zwei-Meter-Erscheinung mit einer fraglos überragenden Begabung Schritt hielt (Felix Dvorak sagte einmal hinreißend: „Er ist so klug – und er weiß es“) festgehalten: „Meine größte Stärke? – Die Bescheidenheit. – Meine größte Schwäche? – Die Bescheidenheit.“ Eine Dublette des Ex-Box-Referees und fabelhaften Fachmanns formvollendeten Faustfechtens.

„Nicht jeder, der das Wort ergreift, findet ergreifende Worte“ (frei nach Topsy Küppers)Werner Schneyder war ein Groß- und Altmeister der kleinen Form. Aphorismen beutelte er so freihändig wie freimütig aus dem Ärmel. Und er vergaß auch nie, hinzuzufügen: „Um etwas aus dem Ärmel zu beuteln, muss man es vorher hineingetan haben ...“ Er hat an die 20 Bücher verfasst, Aberdutzende Theaterereignisse inszeniert, Hunderte Olympia-Schlachten gnadenlos unbestechlich hautnah distanziert kommentiert und über Jahrzehnte hin mit seinem gebürtigen wie ebenbürtigen Alter Ego, Dieter Hildebrandt ( 2013), das „Brettl“ auf hochkarätiges Silber-Tablett-Niveau gehoben.

Forderer und Förderer

Aber sein Vermächtnis – das sind die Merksätze. Nämlich Sätze, die man sich merken sollte. „Wir investieren Gefühle, statt sie zu verschenken“, „Einsamkeit ist Belästigung durch sich selbst“, „Satire ist nicht der Feind der heilen Welt, sondern die Forderung danach“ und als Krönung im beängstigend aktuellen politischen Testamentsrang: „Die Gesellschaft neigt dazu, die Stumpfen zu ihren Spitzen zu machen.“

Was wenige wissen, aber alle glückhaft Betroffenen als funkelnden Schatz hüten: Er war ein so leidenschaftlicher wie unerschütterlicher, hingebungsvoller Förderer und Forderer zweier, wenn nicht gar dreier Generationen an Kabarettisten. Dorfer, Maurer, Scheuba, Palfrader, Hufnagl, Marold – sie alle hingen an seinen Lippen, die er selten zum Kussmund schürzte. Er machte keine Komplimente, er fällte Urteile. Und wenn er sich auch darin verrannte (Bernhard,Jelinek), lief er doch stets, selbst im rasenden Irrtum, zu Höchstform auf.

Er konnte – als Virtuose leiser Zwischentone – gerne laut werden. Seine Stimme hatte nicht nur Gewicht, sondern auch Dezibel. Unerhört war das, was er bemerkte, er selbst nie. Man zeichnete ihn mit dem Ehrenkreuz aus, obwohl er eh Rückgrat hatte.

Sein Tod ist mehr als ein bitterer Verlust und ein tiefer Schmerz für Familie, Freunde und Fans. Sein Tod ist ein unverzeihlicher Fehler. Kaliber wie ihn braucht man dieser Tage überlebensnotwendiger denn je. An seinem letzten Tag saß ich mit ihm und zwei eng mit ihm Verbundenen – Michael Horowitz und Rudi Jellinek – am Mittagstisch. Er erzählte von seiner 2004 an Krebs verstorbenen Frau Ilse. Sie war nach drei Tagen Tiefschlaf erwacht und hatte dem Arzt gesagt: „Ach, Sie sind also der Mann, der mich am Sterben hindert.“

An seinem Grab, hoffentlich einem Ehrengrab, soll Konstantin Wecker singen.

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