© Dieter Chmelar

Kultur
03/03/2019

Das Turnier um den goldenen Märzenbecher

Der Schauspieler Heinz Marecek über seinen Freund „Dr. Werner S.“ und die letzte Partie Schach.

Mein Freund Dr. Werner S. – das war sein Nom de guerre in unserem Freundeskreis. Wer über ihn sprach, sagte z. B.: „Dr. Werner S. würde sagen ...“ Nom de guerrre (Kampfname, Anm.) ist im Zusammenhang mit ihm durchaus zutreffend, denn Dr. Werner S. begab sich leidenschaftlich gerne auf den Kriegspfad. Theater, Literatur, Politik, aber auch sehr gerne Essen und Trinken – alles war ihm ein Anlass, seine Ansichten kämpferisch und leidenschaftlich vorzubringen.

Irgendwie logisch, dass dieser Mann ein äußerst beliebter Box-Kommentator war und viele Jahre lang mit Dieter Hildebrandt oder auch im Alleingang unsere Gesellschaft von der Bühne kritisch beäugte. Man musste durchaus nicht immer mit ihm einer Meinung sein – auch als sehr guter Freund nicht –, aber wollte immer wissen, was er zu diesem oder jenem Thema zu sagen hatte.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann unsere Freundschaft anfing, es ist einfach zu lange her. Er wohnte mit seiner Ilse noch in Salzburg, wir spielten leidenschaftlich gerne Tennis, verbrachten einige Ostern mit Erika Molny, Thomas Pluch und den Frohners am Jauerling mit all ihren Kindern. Unbeschreibliche, unvergessliche Tage! Mit der Zeit wurden wir zu alt, um ordentlich Tennis zu spielen. Es gab auch die Erika und ihren legendären „Reindling“ nicht mehr, den Thomas und den Adi Frohner nicht mehr, keine Ostern am Jauerling, aber es blieb eine große gemeinsame Leidenschaft: Schach!

Einige Sommer durfte ich in sein Haus nach Millstatt kommen. Wir saßen am Ufer, das Schachbrett zwischen uns, jede halbe Stunde ließen wir uns ins Wasser fallen, schwammen eine Viertelstunde und saßen wieder am Brett. Und nach dem Abendessen saßen wir auf der Terrasse seines wunderbaren Hauses, tranken Rotwein und lauschten seinem Liebling: Giuseppe di Stefano!

Mit würziger Prosa

Schach war auch seit Jahren unsere tägliche Auseinandersetzung. Egal wo immer wir uns auch befanden. Er saß in Wien oder in Millstatt, ich in Ibiza oder in Kitzbühel. Wir hatten ein Schachbrett und unseren Laptop vor uns und „skypten“ Schach. Und womöglich täglich. Immer zwei Partien. Wir spielten stets ein Turnier, das von einem von uns auch getauft wurde, und Sieger war, wer als erster zehn Punkte erspielen konnte. Er hat wesentlich mehr dieser Turniere gewonnen als ich. Aber es war immer für beide ein spannendes, durchaus heiteres Duell, mit einer würzigen Prosa, die ich leider nicht mitgeschrieben habe. Das letzte Duell – wir begannen es einen Tag vor seinem Tod – wurde von ihm „Turnier um den goldenen Märzenbecher“ getauft.

Er saß in Wien, ich in Ibiza, er gewann die erste Partie, ich die zweite. Danach trennten wir uns mit den Worten: „Wir rufen uns morgen um

9 an und machen aus, wann wir am Brett sitzen!“ – „Genauso machen wir es!“ Und das sollten die letzten Worte sein, die wir wechselten.

Am nächsten Morgen rief ich ihn um 9 an, aber er hob nicht ab. Die nächste Stunde versuchte ich es noch ungefähr zehnmal. Und dann begann ich, mir ernsthaft Sorgen zu machen, denn das war noch nie vorher passiert. Ich verständigte seinen Sohn, der mir mitteilte, dass auch ein anderes Sonntagmorgen-Telefonat nicht stattgefunden hätte. Er fuhr in die väterliche Wohnung, rief sicherheitshalber die Feuerwehr an ... und die schlimmen Vorahnungen wurden bald traurige, schockierende, tieferschütternde Gewissheit.

Große Freunde hinterlassen immer große Lücken. Die Lücke, lieber Dr. Werner S., die Du hinterlässt, wird nie zu füllen sein. Ich kenne mich ja da drüben nicht so aus, aber vielleicht ist da doch jemand, der Dir den „goldenen Märzenbecher“, den du sicher – wie so viele Turniere vorher – gewonnen hättest, in meinem Namen überreichen kann.

Und wenn die da drüben wissen, was sich gehört, wird er auch nicht leer sein. Gute Reise, lieber Freund!

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