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Kultur
02/07/2019

Nachruf auf Rosamunde Pilcher: Schlagerstar der Literatur

Die Erfolgsautorin versetzte Schicksalsschläge mit Sicherheit und eroberte den Sonntaghauptabend. Sie wurde 94 Jahre alt

von Georg Leyrer

Rosamunde Pilcher hat Funktionsliteratur geschrieben, und das ist hier alles andere als abwertend gemeint. Es ist eine Auszeichnung.

Die Britin hat Bücher geschrieben, die so gefahrlos, vorhersehbar, aber zugleich hoch artifiziell, fast gespreizt durch das Leben anderer Familien, anderer Beziehungen führen, dass sie auch als Sonntagabend-Fernsehunterhaltung bestehen können. Und so ein Wochenende beschließen, das man vielleicht angestrengt mit der eigenen Familie oder, trauriger, ohne diese verbracht hat. Bücher, bei denen Kitsch und Klischee kein Mangel, sondern ein Sicherheitsversprechen in unsicheren Zeiten (in der Welt da draußen, in der eigenen Zukunft, im Scherbenhaufen der eigenen Biografie) sind.

Schwierig ist’s nur kurz

Worum es geht? Es geht um das, was Menschen miteinander erleben. Ja, auch das ist Klischee. Aber wer auf’s eigene Lebens schaut, wird kaum etwas anderes sehen. Alte Lieben tauchen auf, späte neue erblühen, verschollene Kinder kommen zurück (mal Grund zur Freude, mal Gefahr) und hilfreich Gute entpuppen sich spät als hinterlistig Schlechte.

Aber nie zu spät: Es ist das Versprechen der Pilcher-Literatur (eine Kategorie für sich), dass das gesicherte gute Ende bereits während des Konsums zum Betrachter zurückstrahlt, bevor der Leser, bevor der Seher noch dort angekommen ist.

Man kann beruhigt sein.

Pilcher folgt einem Schema, das der emotionalen Ordnung versichert: Es entsteht ein Setting vor dem Hintergrund idyllischer Fischerdörfer, alten Adels, steiler Klippen, wehender, vielleicht etwas ausgedünnter Haare. Das sieht dann so aus:

Rosamunde Pilcher: Wenn Fische lächeln

Rosamunde Pilcher: Fast noch verheiratet

Rosamunde Pilcher: Liebe, Diebe, Diamanten

Rosamunde Pilcher: Morgens stürmisch, abends Liebe

Rosamunde Pilcher: Die Braut meines Bruders

Es dringt Unordnung in dieses Setting ein. Aber das Schicksal hat hier nur kurze Ausdauer beim Zuschlagen.

Es gilt nur ein intensives Gespräch (wehendes Haar, Klippe), einen dann doch harmlosen Autounfall, einen seine Kurzfristigkeit bereits signalisierenden Abschied zu überstehen, bevor sich aus der Bittersüße das Süße als übrig bleibender Geschmack herausschält.

Mit Pilcher hat die Literatur einen Schlagerstar gefunden, als das in der Musik noch verpönt war. Sie holte ein Publikum ab, das andere gewinnen wollen, jenes nämlich, das Kultur und Alltag gleichwertig setzt. Lesen ist keine Bedingung, obwohl Pilcher Millionen Bücher verkauft hat: Ihre wahre Präsenz, wenn nicht Bestimmung hat Pilchers Werk im deutschsprachigen Fernsehhauptabend gefunden.

Fernsehware

Die in Cornwall angesiedelten TV-Verfilmungen sind ein prototypischer Sonntagabendstoff, ein Fixpunkt, ähnlich dem ebenfalls klischeetriefenden, aber weniger verächtlich gemachten „Tatort“. Pilcher-Verfilmungen sind Massenware: Schauspieler – manche, die nur in diesem Kontext existieren, manche Stars – oftmals auf Autopilot; sichtbare Sprachhürden der englischdeutschen Koproduktion, viele Hubschrauberflugstunden über Gischt und Kliff.

Und dennoch: Man kann das auf vielen Ebenen konsumieren, ironisch natürlich, aber auch als verschämtes Wohlfühlevent oder schlicht als Lehrstück vollentschleunigter öffentlich-rechtlicher Unterhaltung. Mehr als 100 Mal wurde diese Geschichte durch das ZDF erzählt. Und jede Folge wurde verlässlich auch von Hunderttausenden in Österreich verfolgt.

Pilchers Erfolg begann biografisch auf Augenhöhe mit einem wichtigen Teil ihrer Fanbasis: Ihren ersten Hit, „Die Muschelsucher“ (1984), hatte die 1924 Geborene erst im Pensionsalter.

Cornwall

Die Geschichten der Rosamunde Pilcher (†94) spielten zumeist in ihre heimatlichen Grafschaft Cornwall. Dort war sie allerdings so gut wie nicht bekannt. Den Großteil ihres Lebens verbrachte sie stattdessen im schottischen Longforgan, wo sie mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann Graham Pilcher (†94) vier Kinder aufzog. Eines davon, Robin Pilcher (70), schreibt selbst Liebesromane.

Pilcher/Fraser

Geschrieben hat die "Königin der Happy-End-Romanzen" bereits seit ihrem 16. Lebensjahr, bekannt wurde sie allerdings erst 1987 mit der Familiensaga "Die Muchelsucher". Pilcher hat bis dato 145 Liebesromane veröffentlicht, teilweise unter ihrem früheren Pseudononym Jane Fraser. Das ZDF hat über 100 davon verfilmt.

Fun Fact: "A kiss a day..."

In mehr als 100 Pilcher-Verfilmungen des ZDF gab es 1.000 Küsse. Das ergibt zehn leidenschaftliche "Knutschereien" pro Film.

Fun Fact 2: Ganz brav

Bei Sexszenen ist nie wirklich nackte Haut zu sehen. (Geraucht wird übrigens auch nicht.)

Fun Fact 3: F. D. Fitz

2005 war der deutsche Schauspiel-Star Florian David Fitz in "Der Himmel über Cornwall" zu sehen.

Fun Fact 4: Wetter

Regen schien sie nicht so romantisch zu finden - das Wetter in Cornwall ist in den Filmen fast immer gut.

Fun Fact 5: Nanny

"Nanny verzweifelt gesucht" ist ihr Roman bzw. Film mit den meisten Google-Suchanfragen.

Fun Fact 6: Star im deutschsprachigen Raum

In ihrer britischen Heimat war die Kult-Autorin den Großteil ihres Lebens wenig bis gar nicht bekannt. Ihre Fans kommen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Ungarn. Für die ist Cornwall ein besonders beliebtes Reiseziel: etwa die Hälfte der Touristen in Cornwall kommt aus Deutschland. "Wir haben diese Popularität zum großen Teil Rosamunde Pilcher zu verdanken", sagt Julia Hughes von der Tourismusplattform "Visit Cornwall".

Letztes Buch

Pilchers letzter Roman war "Die Braut meines Bruders". Ausgestrahlt wird die Verfilmung am 3. März im ZDF.

Ihr Leben davor: romantauglich. Kriegsdienst, Indien, Ehe, Schottland, Schreiben neben den vier Kindern. Erste Veröffentlichungen in Frauenzeitschriften. Dann der späte Riesenerfolg, der sie sogar zum Tourismusfaktor für Cornwall in Südwestengland machte.

Nun ist Pilcher 94-jährig verstorben. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten und das Bewusstsein nicht mehr erlangt. In einem Pilcher-TV-Film kämen jetzt die schwierigsten Minuten. Aber man könnte sicher sein: Es geht weiter.

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