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Kultur
05/10/2022

Song-Contest-Kommentator Grissemann: "Schafft er das? Das war mir völlig wurscht"

Der heute 88-jährige Ernst Grissemann war ein Unterhalter im nicht immer unterhaltsamen Lieder-Wettstreit.

von Barbara Beer, Bernhard Hanisch

Kritische, manchmal auch kecke Bemerkungen liegen der Familie Grissemann im Blut. Ernst Grissemann, Vater von Kultur-Journalist Stefan und TV-Satiriker Christoph, war einst eine bekannte und beliebte TV- und Radio-Stimme. Am kommenden Dienstag beginnt der Song Contest in Turin. Grissemann hat den Bewerb 25 Mal von 1970 bis 1998, kommentiert. Auf eine ganz besondere Art und Weise...

KURIER: Sie haben den Song Contest sehr oft kommentiert. Ohne Interesse zu heucheln, ohne Herzblut zu verschütten?

Ernst Grissemann: Für mich war das eine entsprechende Aufgabe, um eine gewisse Lust zu befriedigen. Nämlich die Lust, Dinge, die sich in ihrer Bedeutung aufplustern, auf den Kern ihrer Bedeutung zurückzubringen.

Und der Kern war was?

Eine Schlagerparade, die europäische Zusammengehörigkeitsgefühle wecken und wichtig für die zukünftige Positionierung der EU in der Welt sein sollte. Alles Quatsch. Eine Stunde danach dachte kein Mensch mehr an Europa und seine Bedeutung, auch nicht an seine politische.

War das 1970, bei Ihrer persönlichen Premiere, noch anders?

Das war eines der besonderen Jahre. Da hat Österreich nämlich nicht mitgewirkt. 1969 war Spanien Austragungsort. Fernsehdirektor Helmut Zilk hat gesagt, da fahren wir nicht hin, Spanien ist eine Diktatur. 1970 haben wir auch nicht teilgenommen. Warum, weiß ich nicht. Der Zilk wollte aber unbedingt, dass ich kommentiere, weil ich auf Ö3 sehr präsent war. Ich habe gesagt, okay, aber ich halt’ von der Veranstaltung nicht viel. Er hat gemeint: Genau das will ich heraushören.

Später hat man sich weniger um Politik geschert. Man erinnere an den Gastgeber Aserbaidschan, auch keine astreine Demokratie.

Im Grunde genommen zählt beim Contest nur der Vorteil, egal für wen.

Sie haben auch was vom Song Contest gekriegt – zumindest einen sehr guten Freund.

Ich habe 25 Mal kommentiert. Während dieser langen Zeit hab ich einen Freund gewonnen. Nämlich Terry Wogan, in England ein großer BBC-Star. Wir haben uns gefunden. Vor Beginn des Songcontests fand das sogenannte Commentator Briefing statt, wo alle Kommentatoren aus allen Ländern die richtige Aussprache der Namen der Sänger oder der Gruppe ihres Landes erklären mussten. Einmal haben Terry und ich uns vorher so richtig abgefüllt, ich habe den Namen des österreichischen Dirigenten dann völlig verhunzt.

Sie beide haben das Ganze nicht allzu ernst genommen?

Für uns war das im Grunde genommen eine aufgeblasene Nichtveranstaltung. Da sind zwanzig Leute aufgetreten und haben mehr oder weniger gut gesungen. Und ein einziges Land, das des Siegers, hat gefeiert, dass der Whiskey den Teppich durchnässt hat. Das war schon alles.

„Austria: Zero Points?“ – wie oft haben Sie das gehört?

Weiß ich gar nicht. Mich hat das während der Auszählung schon nicht mehr interessiert. Da schweigt ja der Moderator meistens. Ich hab’ mich zurückgelehnt und endlich eine Zigarette rauchen können, auch wenn in der Kabine Rauchverbot war. Ich hab’ nie diese Spannung gefühlt, wie bei einem tollen Skirennen. Schafft er das, oder nicht? Das war mir völlig wurscht.

Haben Sie nie mit jemandem mitgefiebert?

Nein. Es war ein interessanter Jahresausflug für mich in eine mehr oder weniger interessante Stadt. Je nachdem, wo der Contest halt stattgefunden hat.

Mit welcher Nummer 1 konnten Sie einigermaßen gut leben?

Es hat schon Songs gegeben, die mir ganz gut gefallen haben. Aber außerhalb dieses Hypes um die Platzierung. Es gab zwei, drei Italiener, die mir gefallen haben. Zum Beispiel Umberto Tozzi oder Toto Cutugno.

Haben Sie 1974 geahnt, dass Abba nach dem Erfolg mit „Waterloo“ die ganz große Pop-Karriere machen werden?

Ich hab’ damals zu meinem Techniker gesagt, die machen einen ganz tollen Song. Mindestens so wichtig war wahrscheinlich die visuelle Aufmachung, nämlich die engen Hosen von Agnetha Fältskog. Da wurde dauernd mit der Kamera draufgehalten. Davon abgesehen haben die Schweden eine eigene Art entwickelt, Lieder für den Eurovisionscontest zu schreiben.

Welches war für Sie das schrecklichste Lied?

Leider ein österreichischer Beitrag. 1988, „Lisa, Mona Lisa“ mit dem armen Wilfried, der auch an letzter Stelle gereiht wurde. Aber er war mutig. Das hab’ ich immer bewundert. Das Lied war so unglaublich fad. Wenn der Wilfried wenigstens so ein Zniachtl gewesen wär, hätt’ man irgendwie verstanden, dass er diese Mona Lisa anjammert. Aber da stand ein unglaublicher Baum von einem Mann. Mit Schulterpolstern ausgestattet. Das war beinahe eine Karikatur. Es hätte einen Song gebraucht, der zu ihm passt. Das ist danebengegangen.

„Venedig im Regen“?

Karikaturen gab’s viele.

Wie haben Sie es geschafft, dem Ganzen doch eine recht würdige Aura zu verleihen?

Schade, dass das bei Ihnen so angekommen ist. Ich wollte dem keine Würde verleihen. Im besten Fall wollte ich das alles sanft-ironisch durchziehen.

Was halten Sie vom jetzigen Moderator Andi Knoll?

Er macht das völlig anders als ich, aber sehr gut. Er ist wahrscheinlich auch ein Vertreter dieser Generationen, die solchen Veranstaltungen skeptisch gegenüber stehen. Man kriegt ja heut’ keine 20- bis 25-Jährigen dazu, sich das anzuschauen. Die muss man ja dazu zwingen.

Werden Sie dieses Mal zuschauen? Weiß ich nicht. Nur, wenn ich zufällig da sitze und mir einfällt, hui, jetzt ist ja der Song Contest. Hängen bleiben werd’ ich ziemlich sicher nicht.

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