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Kultur
05/20/2020

Opernstar Elina Garanča: "Goldene Zeit der Kunst wird kommen“

Die Ausnahmekünstlerin über Corona, Absagen, Familie und ihre Hoffnungen für die Zukunft

von Peter Jarolin

Als Künstlerin bin ich traurig, verärgert und auch verzweifelt. Es hätte so viel Schönes sein sollen und nichts davon kann stattfinden.“ Auch nicht große Events wie „Klassik unter Sternen“ oder „Klassik in den Alpen“, die Elina Garanča besonders am Herzen liegen, wie der Weltstar im KURIER-Gespräch betont.

Auch diese Absagen sind nun leider offiziell. Trotz der „Rahmenbedingungen“ der Bundesregierung. Garanča: „Wir haben lange überlegt. Aber da geht es um mehr als 4.500 Besucher, um das Orchester, die Technik und auch um all die wunderbaren Menschen hinter den Kulissen – das wäre auch nach den neuen Regeln unmöglich gewesen. Trompete spielen unter einer Glasbox oder singen mit Maske – das geht nicht. Aber 2021 geht es weiter.“

Lebensnotwendigkeit

Und die international gefeierte Mezzosopranistin weiter: „Was mich wirklich ärgert, ist, dass man unter gewissen Bedingungen fliegen, ausgehen darf, essen und trinken gehen kann. Aber an die Kultur, die eine Lebensnotwendigkeit ist, hat die Politik in allen Ländern als Letztes gedacht.“

Doch, so Garanča, die mit ihrer Familie zurzeit in Lettland ist: „Für mich ist das Glas immer halb voll, nicht halb leer, und ich versuche, das Beste aus dieser Corona-Pandemie zu machen. Meine beiden Töchter (sechs und acht Jahre jung, Anm.) sind extrem glücklich, dass ihre Mutter zu Hause ist. Und mein Mann (Dirigent Karel Mark Chichon, Anm.) findet, dass meine Kochkünste besser geworden sind.“ Lachend: „Erst unlängst hat er gemeint, dass ich sogar ein Restaurant eröffnen könnte. Ich bin viel zu sehr ein Normalmensch, sehe den Blumen beim Wachsen zu und bereite mich weiter intensiv auf die neuen Partien vor, die ich hoffentlich 2021 auch live singen darf.“

Diese neuen Partien, das sind die schon länger geplante Amneris in Giuseppe Verdis „Aida“ und naturgemäß auch die Kundry in Richard Wagners „Parsifal“ an der Wiener Staatsoper im April nächsten Jahres.


Philippe Jordan wird dirigieren; die Regie soll Kirill Serebrennikov übernehmen. Doch geht das überhaupt? Bekanntlich darf Serebrennikov Russland gar nicht verlassen. Elina Garanča: „Das ist unser geringstes Problem. Ich reise sehr gerne nach Moskau oder St. Petersburg, um mit Kirill Serebrennikov über die Kundry zu reden. Denn man erspart sich in guten Vorgesprächen so viel für die eigentliche Probenzeit. Die Frage ist nur, wann darf wer wieder unter welchen Auflagen wohin fliegen.“ Aber: „Jede Krise ist auch eine Chance.“

Gemeinschaft

Denn: „In jeder Krise erfährt man, wer die Menschen sind, die tatsächlich zu einem stehen. In der Kunst kann das bedeuten, dass die internationale Politik endlich gelernt hat, dass die Kultur etwas mit Seele, Geist und auch Intelligenz zu tun hat, also ein echtes Grundnahrungsmittel ist. Wir sind doch alle eine Gemeinschaft. Und viele Leute sind ausgehungert nach Musik, Theater oder Ausstellungen. Ich denke, nach dieser schrecklichen Corona-Pandemie wird eine goldene Zeit der Kunst kommen.“

Doch wie wird Garanča die Zeit bis dahin überbrücken? „Ich bastle an meinem neuen Liederabend, studiere die Partien neu ein, lerne und verbringe die Zeit mit meiner Familie. Denn wir sind ein unschlagbares Team! Ich unterstütze auch die Kolleginnen und Kollegen, die ihre Miete bald nicht mehr zahlen können – hier ist die Politik mehr als gefragt. Denn wenn ich nicht singen kann, verdiene ich kein Geld. Wie alle Freischaffenden. Und das sollte in den Köpfen der Politiker ankommen. Wobei ich noch in einer privilegierten Position bin. Aber die Kultur muss einfach weitergehen.“

Umarmungen

Wie sehr jedoch vermisst Elina Garanča aktuell die Bühne? „Die Bühne weniger.“ Lachend: „Ich war nach meinen Schwangerschaften und meinen ersten Auftritten danach anfangs sogar leicht erschrocken über Applaus. Ich vermisse allerdings meine Freunde, meine Partner und das so treue Publikum. Und ich vermisse es sehr, Menschen einfach umarmen zu dürfen, ihnen die Hand geben zu dürfen. Ich bin ein sehr körperlicher Mensch, und diese Körperlichkeit ist nicht nur in der Oper eine Notwendigkeit. Ich hoffe, dass wir das trotz Corona nie verlieren werden.“

Denn: „Kunst ist zwar die Seele des Seins. Aber sie geht eigentlich nur über den persönlichen Kontakt, über das Miteinander-Erleben.“