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Interview
06/09/2021

Matthias Settele: der Auswärtsspieler in Sachen ORF-Chef-Wahl

In der Slowakei manövriert der Österreicher die größte Privat-TV-Gruppe Markíza höchst erfolgreich durch turbulente Zeiten

von Christoph Silber

"Auch wenn man nur Zeuge und die Sache, soweit sie uns wirtschaftlich betrifft, entschieden ist, ein Auftritt vor Gericht ist nicht angenehm“, sagt Matthias Settele, österreichischer Geschäftsführer der größten slowakischen Privat-TV-Gruppe Markíza. In Bratislava wurde am Montag ein spektakulärer Kriminalfall fortgesetzt. Es geht um 69 Millionen, die Geschäftsleute mit gefälschten Schuldscheinen von Markíza gefordert hatten. Die Hauptakteure wurden im Jänner bereits zu 19 Jahren Haft verurteilt. Nun steht ein weiterer Angeklagter vor Gericht. Es ist das ein Grund, warum das Wort „turbulent“ Setteles vergangene Monate nur unzureichend beschreibt.

Ein Prozess um Wechselbetrügereien und um zig Millionen, der Verkauf der CME-Gruppe samt Markíza, der Absturz des neuen Eigentümers und dazu noch Corona-Pandemie. Für das, was binnen Monaten bei Ihnen passiert ist, braucht es ziemlich gute Nerven.

Gute Nerven und ein gutes Team. Wir haben 2020 bei Markíza trotz Covid das beste Jahresergebnis in 24 Jahren der Sendergeschichte eingefahren - so etwas schafft man nicht allein. Wenn alles "normal" läuft, dann werden wir im heurigen Jahr, dem 25., erneut das beste Jahresergebnis aller Zeiten erzielen können. Es läuft wirtschaftlich und programmlich tatsächlich exzellent. Wir ernten, was wir in den vergangenen Jahren der harten Aufbauarbeit gesät haben.

Als Sie als Troubleshooter zu Markíza gekommen sind, war man dort tief in den roten Zahlen

Das war im Herbst 2013. Es gab damals vier Sender, von denen wir einen schließen mussten und wir mussten auch Mitarbeiter kündigen, um Boden unter den Füßen zu bekommen. Das Minus lag im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Das Ergebnis dauerhaft zu drehen und entsprechende Strukturen zu schaffen, das war meine Aufgabe. Da ist uns einiges gelungen: Im vergangenem Jahr hatten wir eine Marge von 38 Prozent bei etwa 100 Millionen Umsatz.

Wie kommt man auf so ein Ergebnis in Corona-Zeiten? Mussten Leute entlassen werden, gab es Kurzarbeit oder hat der Staat die Millionen fließen lassen?

Es wurde keiner der Angestellten entlassen, es war niemand in Kurzarbeit und staatliche Unterstützung über Symbolik hinaus hat es auch nicht gegeben. Wir waren und sind allein auf uns gestellt. Das ist uns ohnehin das liebste. Es hat der Werbemarkt auf Markíza vertraut und wir haben rasch in der Pandemie-Krise agiert. Darauf bin ich stolz. Die nunmehrige Sendergruppe aus drei Sendern sowie der Streaming-Plattform Voyo ist sehr profitabel – und auch das Publikum schätzt, was es zu sehen bekommt. Wir erreichen als Gruppe gut 30 Prozent Marktanteil und sind damit Marktführer. Das heißt, dieses Team um mich herum macht in allen Bereichen einen tollen Job. Ohne ein entsprechendes Team geht das nicht.

Wie sehr kommt Ihnen zu Gute, dass Sie bereits quer durch Europa bei TV-Sendern im Einsatz waren?

Jedes Land hat seine Eigenheiten, jedes Land gibt Dir aber auch etwas und jede neue Problemstellung und deren Lösung bringt Erfahrung - ich war vor der Slowakei ja in mehr als 20 Ländern tätig. Mir kommt bei diesem Job auch immer wieder auch zu Gute, dass ich ursprünglich als Journalist begonnen habe. Ich kann damit mit News-Machern auf Augenhöhe sprechen und sie auch unterstützen und verteidigen, wenn es notwendig ist. Es war in diesem Bereich in der Vergangenheit ja nicht immer einfach.

Welche Rolle spielt überhaupt die Information bei Markíza?

Die Information hat einen hohen Stellenwert, auch was den Umfang betrifft. Wir haben Frühstücksfernsehen, netto eine Stunde Hauptnachrichten sowie Sport und Wetter, zuammen 1,5 Stunden, es gibt ein tägliches Magazin und weitere Nachrichtensendungen – für so ein kleines Land, wie es die Slowakei ist, haben wir bei Markíza extrem viel Information im Programm. Es ist ja bei uns nicht anders als anderswo: Die Information gibt einem Sender das Profil, das Match ums Publikum wird am Ende aber in mit der Unterhaltung im Vorabend und in der Primetime gewonnen. In den Zeiten der Pandemie war das allerdings etwas anders und darauf haben wir mit bis zu drei Primetime-Specials jede Woche reagiert, bis die Corona-Müdigkeit all zu sehr zu merken war. Aber das hatte einen enormen Erfolg, wie unsere Information überhaupt eine hohen Stellenwert bei der Bevölkerung hat, weil Markíza ein unabhängiger Sender ist.

Wie ist die Situation für die Berichterstattung in der Slowakei aktuell?

Die frühere Regierungspolitik war zum Teil sehr aggressiv gegen Medien gerichtet, das hat sich gebessert. Es gibt jetzt eine Koalition aus vier recht verschiedenen Parteien, die natürlich auch immer wieder Meinungsverschiedenheiten haben. Im Moment läuft es okay – aber wie das halt immer ist in Ländern Osteuropas, am liebsten hätten sie es wie Viktor Orbán. Unser Zugang ist schlicht und einfach: Wir sind weder Regierungsfunk noch Oppositionssender. Wir berichten unabhängig und diese Unabhängigkeit muss man jeden Tag verteidigen. Machen wir Fehler – und das passiert, wo Menschen arbeiten –, dann korrigieren wir sie. Arbeiten unserer Journalisten korrekt, was die Regel ist, dann muss man sie gegen Anfeindungen verteidigen. Die für die unabhängige Berichterstattung notwendigen Freiheiten müssen wir uns jeden Tag erarbeiten, von allein kommt nichts. Dass wir das können, haben wir aber in den vergangenen Jahren bewiesen.

Markíza ist eine kommerzielle Sender-Gruppe. Geht es primär ums Verdienen oder geht es auch um Produktionsqualität?

Das eine geht ohne das Andere nicht. Wir investieren einen guten Teil unserer Gewinne ins Programm und in die Produktion. Als wir unsere Daily-Soap, "Die Väter" gestartet haben, die höchst erfolgreich läuft, wurde das Produktionsbudget gegenüber der Vorgänger-Serie um ein Drittel angehoben. Auch bei unserer erfolgreichsten Sendung im ersten Halbjahr, die zweite Staffel des Remakes von "Der Lehrer" von RTL, liegt der Produktionsaufwand deutlich über den von vorangegangenen Produktionen. Das Publikum hat ja den direkten Vergleich zu anderen Sendern, zum Teil auch aus dem Ausland und da muss man bestehen.

Zur Person
Matthias Settele startete als Journalist, war Büroleiter von Gerhard Zeiler im ORF. Ihm folgte er zu RTL, wo er u. a. Produktionschef war. 2007 gründete er „SetTele Entertainment“, das u. a. RTL,  Turner Broadcasting etc. beriet. Seit 2013 ist er CEO bei Markíza

Zum TV-Konzern
Markíza besteht aus drei TV-Sendern und der Streaming-Plattform Voyo; gehört seit dem Vorjahr zur PPF Group. Markíza erzielte mit 700 Mitarbeitern zuletzt einen Umsatz von 100 Millionen (Gewinn: 37 Millionen)

Wie ging das Produzieren in Corona-Zeiten etwa bei der Daily Soap?

Da mussten wir unterbrechen, die Produktion stand drei Monate und da waren auch alle Beteiligten zunächst froh, weil man natürlich Angst vor dem neuen Virus hatte. Wir haben als Sender, noch bevor es staatliche Vorgaben gab, sehr früh, im Februar 2020, auf Covid reagiert, weil über die internationalen Verbindungen von Markíza sich die Tragweite dessen abgezeichnet hat. Aber natürlich war es für die Schauspieler wichtig, als es mit entsprechenden Sicherheitsauflagen wieder weiterging, denn das Fernsehen sorgt für den Hauptteil ihrer Einnahmen.

Was sind die Highlights des Unterhaltungsprogramms?

Neben der täglichen Serie "Vätern“ war das wie gesagt "Der Lehrer“, auch "Heirat auf den ersten Blick“ in der slowakischen Variante war ein Überraschungserfolg. Wir haben da einen bunten Mix aus regionalen Programmen und internationalen Formaten, die wir adaptieren oder co-produzieren. Zum Beispiel kommt im Herbst auch wieder "Superstar“ und "Die Farm“ ebenfalls. Was neu ist bei uns, ist "Love Island“ von itv, das auch RTL hatte. Das Besondere daran ist, dass wir das für unseren Streaming-Dienst Voyo produzieren.

 

Wie schaut die Situation beim Zukunftsthema Streaming bei Euch aus?

Nach einigen Jahren Dornröschenschlaf wurde Voyo Ende des Vorjahres technisch neu aufgesetzt. Unsere neuen Eigentümer haben ambitionierte Ziele. In fünf Jahren wollen wir eine Million Abonnenten in der Slowakei und Tschechien haben, davon 250.000 zahlende in der Slowakei. Für einen so kleinen Markt sind das anspruchsvolle Ziele, weil die internationale Konkurrenz ja auch nicht schläft. Aber ab sofort wird in Voyo kräftig investiert.

Wie geht Ihr das an?

Wir haben zum Beispiel soeben die Rechte für die regionale Fußball-Bundesliga gekauft. Das heißt, wir werden alle 200 Spiele live auf Voyo übertragen. Ein Match pro Runde gibt es auch in einem frei empfangbaren Sender der Gruppe. Das ist schon ein sehr großes Investment für die Plattform. Dazu kommt dann im Herbst „Love Island“ als Unterhaltungshighlight  sowie in den nächsten zwölf Monaten Schritt für Schritt mindestens acht fiktionale Serien, die wir zusammen mit den tschechischen Kollegen für Voyo produzieren. Wir investieren also massiv in Eigenproduktionen nach dem Prinzip "Voyo first“. Für mich als Senderchef und "alter TV-Hase“ ist das eine sehr besondere Phase, weil dieses Geschäft ein anderes ist und anderes braucht. Plötzlich sind Programmierer, Data-Analysten etc. genauso wichtig wie die Programmmacher.  Jeden Tag kommt wie bei den TV-Quoten der Bericht, wie viele Leute das Service neu abonniert haben. Aber auch, was sie sich als erstes angeschaut haben, was häufig der Grund fürs Abo ist. Das ist schon sehr spannend. Aber am Ende geht es immer um die Inhalte.

Wie schaut da die Strategie aus?

Die Strategie ist gemeinsam für Tschechien und die Slowakei, aber natürlich wird das für jedes Land entsprechend adaptiert. Am Ende entsteht die Nachfrage aus einem Mix aus Programmangebot und Marketing. Es braucht sehr viel Online- und TV-Werbung – da hilft natürlich das eigene Standing beim Publikum. Wir setzen aber auch auf so etwas Klassisches wie Plakat ein wie für die Kampagne zum Start der Bundesliga in allen 12 Liga-Städten. Also, da muss man schon einiges Geld in die Hand nehmen, um die klar gesteckten Ziele zu erreichen und das machen die neue Eigentümer. Und wir schauen jeden Tag auf unsere Zahlen und überlegen, wie wir Abonnenten zusätzlich zum Fernsehen gewinnen können. Für mich als Macher ist es einfach schön, auch einmal eine Phase zu erleben, in der wir investieren können, Leute aufnehmen und etwas andere Inhalte schaffen können – Streaming funktioniert da ja völlig anders als ein Mainstream-Sender, der, um 20 Prozent Marktanteil zu erreichen, Kompromisse machen muss. Man kann da mitunter viel radikaler sein.    

Wie geht Ihr mit Werbung beim Streaming-Dienst um?

Voyo ist derzeit eine werbefreie Plattform und wird auf absehbare Zeit werbefrei bleiben.

Markíza hat nach dem Verkauf der Mutter CME durch AT&T an die PPF-Gruppe neue Eigentümer. Hat das etwas verändert?

Wir haben dadurch mit O2 einen Mobilfunker an unserer Seite. Das eröffnet weitere Möglichkeiten. Haben wir eine wichtige Premiere, kommt über O2 die Erinnerungs-SMS. Wir arbeiten darüberhinaus auch so zusammen, dass O2 Voyo in sein App-Angebot integriert hat. Man kann zum Beispiel bei bestimmten Daten-Tarifen unser Streaming-Angebot gratis dazu buchen. Das hat für beide Seiten Vorteile: O2 hat hochwertige Inhalte zu bieten, wir bekommen Geld für jeden, der unser Service auswählt und wir generieren damit Abonnenten. Wir sind darüber hinaus aber auch für andere Mobilfunker und Kabelbetreiber offen und interessant. Da gibt es Gespräche.

Sie werden aufgrund Ihrer Management-Erfahrungen von verschiedener Seite ins Spiel um den ORF-Generaldirektor gebracht. Als früherer ORF-Mitarbeiter ist Ihnen das ja bestens bekannt. Wie sieht’s aus?

Ich habe immer gesagt, dass gegen Ende meiner Karriere gern wieder nach Österreich zurückkehren möchte. Wann das ist, wird sich weisen. Grundsätzlich meine ich, dass ein Unternehmen mit fast einer Milliarde Umsatz am besten von jemanden geführt wird, der CEO-Erfahrungen vorzuweisen hat. Natürlich ist es auch leichter, wenn man den ORF kennt, wobei das auch ein Hemmschuh sein kann, wenn es um die Strukturen geht. Nicht absehbar ist, ob internationale Erfahrung in der Ausschreibung gefragt sein wird oder nicht. Ich habe mich selbst nicht ins Spiel gebracht. Ich habe derzeit einen Fulltime-Job in fordernden Zeiten und die Verantwortung für ein 100-Millionen-Euro-Unternehmen mit vielen Mitarbeitern. Ich habe deshalb auch nicht die Zeit für tägliches Lobbying in eigener Sache.

Wie schaut eigentlich bei Euch die Steuerung des Verbunds aus drei Sender sowie Streaming aus? Gibt es ein Channel-Management wie beim ORF?

Channel-Management funktioniert super bei Radios. Dieses Konzept lässt sich aber nicht umlegen, Fernsehen funktioniert einfach anders. Die Leute wechseln ja z. B. viel mehr zwischen Sendern, als das beim Radio passiert, wo durch die Musik eine gewisse Programmfarbe vorgegeben ist. Das heißt, es ist wichtig für einen Konzern, dass das Gesamtergebnis beim Publikum optimiert wird und sich die eigenen TV-Sender keine Konkurrenz machen. Wir haben deshalb die Channel-Manager vor einiger Zeit wieder abgeschafft. Auch bei ProSieben und Sat.1 findet das gerade statt. Da ist es grundlegend, dass Programmplanung aus einem Team herausgeführt wird, sonst gibt es zu viele Reibungsverluste nach innen, was Ressourcen kostet und für Irritationen beim Publikum sorgt. Der Programmchef ist deshalb beim Fernsehen der tollste Job, aber auch der mit dem größten, weil messbaren Erfolgsdruck. Jeden Tag in der Früh bzw. beim Streaming sogar jederzeit wird das Ergebnis sichtbar.

Eine Frage, die sich Sender in ganz Europa nicht zuletzt wegen der Konkurrenz durch Streamer und Digitalkonzerne stellen, ist, wie kommt man an Talente und wie bindet man sie. Was machen Sie?

Ein erfolgreiches Unternehmen ist ein attraktives Unternehmen. Wir bieten durch unseren sehr hohen Eigenproduktionsanteil viele Kreativen – von Schauspielern über Autoren und Regisseuren – sehr viele Möglichkeiten und weiten die mit Streaming auch noch aus. Talente ans Haus zu binden, ist in Zeiten, in denen in Tschechien und in der Slowakei in dieser Branche mehr als nur Vollbeschäftigung herrscht, tatsächlich nicht einfach. Junge Leute haben zudem auch andere Vorstellungen von Work-Life-Balance und Bezahlung. Wir müssen uns deshalb auch als Arbeitgeber verbessern - wir waren z. B. erst vor zwei Jahren Arbeitgeber des Jahres. Wir haben einen Kindergarten, viele Benefits und Förderprogramm und es gibt Entwicklungsmöglichkeiten, was gerade für Kreative das Um und Auf ist. Streaming ist auch in diesem Zusammenhang eine wichtige Möglichkeit der Spielwiese, des Ausprobierens ohne großen Quotendruck.

Danke für das Gespräch.

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