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„Mehr Tempo, mehr Ambition und eine neue interne Kultur“

„Mehr Tempo, mehr Ambition und eine neue interne Kultur“
Letzte Stiftungsratstreffen vor der ORF-Chef-Wahl am 10. August: Es wird nicht kuschelig.

Die am Montag beginnende letzte Stiftungsratswoche vor der ORF-Wahl am 10. August wird für Generaldirektor Alexander Wrabetz kein Beauty-Contest. Vom türkisen Freundeskreis ist ein umfangreicher Fragenkatalog zum neuen Herzstück der gesamten ORF-Information, dem multimedialen Newsroom, erstellt worden.

„Der Fokus ist dem Projekt nicht angemessen. Umso mehr irritiert, dass offenbar bereits das große Wahlkampffieber grassiert“, kritisiert ÖVP-Stiftungsrat Thomas Zach in Anspielung auf Wrabetz’ Ankündigung der Wiederkandidatur. „Da geht es um mehr als 200 Mitarbeiter, die ein Recht haben, zu wissen, was der Generaldirektor konkret vor hat. Das kann man nicht nur ein bisschen und nebenbei machen, weil man gerade etwas anderes für dringlicher hält.“ Das habe nichts mit Wahlkampf zu tun. Die Beschlüsse dazu sind vor sieben Jahren gefallen und im kommenden Jahr geht der Newsroom in Betrieb.“ Für den türkisen Stiftungsrat drängt die Zeit.

Mehr Aufmerksamkeit

Der multimediale Newsroom sei nicht bloß ein Umzugsprojekt, mahnt Zach. „Er bringt die völlige Neuorganisation der ORF-Information und für die Mitarbeiter eine komplette Neuaufstellung der Arbeitsweise und -abläufe. Die größte Nachrichten-Redaktion des Landes hat sich da mehr Aufmerksamkeit verdient.“

„Mehr Tempo, mehr Ambition und eine neue interne Kultur“

ORF-Stiftungsrat, Kräfteverhältnis nach Parteinähe, Fahrplan zur ORF-Wahl, Grafik

Er verweist in dem Zusammenhang auch darauf, dass es der Stiftungsrat war, der Spekulationen um einen zentralen Chefredakteur „ganz klar einen Riegel vorgeschoben hat“. An wiederholten Mahnungen vor einer Orbánisierung des ORF findet er „bemerkenswert, dass manche der Unabhängigkeit der journalistischen Arbeit im ORF offenbar so wenig trauen. Das ist enttäuschend.“

Die Frage nach Pluralismus stellt sich auch für SPÖ-Pendant Heinz Lederer, allerdings bei einem anderen zentralen Projekt, der Streaming-Plattform ORF-Player – den ORF-Chefproducer Roland Weißmann, ein potenzieller Wrabetz-Gegenkandidat, verantwortet. „Welche organisatorischen und redaktionellen Strukturen sichern, dass sich alle öffentlich-rechtlichen Inhalte auch auf dem Player finden? Es kann jedenfalls nicht sein, dass gewisse Themen zurückgefahren werden und die regionale Verortung des ORF beim Player-Angebot auf der Strecke bleibt.“

Entwicklungsfrage

Auch den Entwicklungsstand kritisiert Lederer: „Ich sehe keine Fortschritte, obwohl es auch ohne Gesetzesänderungen bereits Anwendungsmöglichkeiten gäbe. Da geht es um Sport, um Kultur, Bereiche, die vom Publikum nachgefragt werden. Aber der Player spielt nicht.“ Die Digitalisierungsschritte müssten wesentlich schneller gesetzt werden.

Ich hoffe, dass es gelingt, ein neues Management zu bestellen, das den ORF stärkt. Es braucht den Blick über den Tellerrand. Die Schlüsselprojekte müssen mit mehr Leidenschaft und einer hohen fachlichen Kompetenz konsequent vorangetrieben werden. Da sehe ich noch Luft nach oben", meint Lothar Lockl, der im Stiftungsrat den Grünen zuzurechnen. Er wünscht sich „insgesamt mehr Nachdruck bei der ORF-Digitalisierung, bei der Aufstellung des Newsrooms und der Entwicklung des Players. Dazu ist die Einbindung der Mitarbeiter essenziell. Es braucht mehr Tempo, mehr Ambition und eine neue interne Kultur, wie da herangegangen und umgesetzt wird.“

Gleichstellung

Wesentlich ist für Lockl hier auch die „zahlenmäßige Gleichstellung von Mann und Frau in den Führungsetagen – auch als Signal nach außen und an junge und künftige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.“ Die aktuelle Situation in den ORF-Landesstudios sei „beschämend. Hier gibt es in den Direktionen sieben Männer und nur zwei Frauen, die Chefredakteure sind  ausschließlich Männer. Das ist nicht mehr zeitgemäß", betont er. Und auch wenn die Situation beim Bundes-ORF etwas besser sei, „wer künftig den ORF führt, muss für eine auch zahlenmäßige Ausgewogenheit sorgen.“

Die Länder-Räte haben hingegen laut SN andere Schwerpunkte für die Zukunft des Landesstudios. Sie wollen für diese ein höheres Jahresbudget, mehr Sendungsverantwortung, Kompetenz und Selbstständigkeit.

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