Der TV-Markt Slowakei funktionniert nicht nach dem "Lehrbuch für TV-Manager", weiß Matthias Settele

© Kurier/Gerhard Deutsch

Kultur
07/23/2020

Die Slowakei: Ein hartes Pflaster

Matthias Settele, Chef der TV-Gruppe Markíza, über Corona, gute Geschäfte und einen Betrugsprozess.

von Christoph Silber

Ein Prozess um Mord und Millionen, die Corona-Pandemie, innenpolitische Instabilität sowie eine Mutter-Holding, bei der der Verkauf an einen tschechischen Milliardär läuft: Das Jahr 2020 hat einiges an Spannung parat für Matthias Settele, seit sieben Jahren österreichischer CEO der slowakischen Privat-TV-Gruppe Markíza.

„Wie man mit all dem umgeht, steht halt nicht im ,Handbuch für Manager‘“, sagt Settele – allerdings eher amüsiert denn angestrengt.

Denn der 53-Jährige, der u. a. viele Jahre als Troubleshooter bei europäischen Sendern war, scheint in heiklen Zeiten vieles richtig zu machen. Eben hat die börsennotierte Mutter Central Media Enterprise (CME) Zahlen fürs Corona-Halbjahr vorgelegt. Demnach konnte Markíza den Gewinn vor Steuern und Abgaben (EBITDA) um 27 Prozent gegenüber 2019 steigern.

Settele: „Natürlich sind die Einnahmen während des Lockdowns gesunken, was wir aber abmildern konnten. Und die Werbung ist im Juli und August wieder voll da. Das ist nicht nur für uns gut, denn oft kommt bei kleineren Ländern internationales Werbegeld nicht wieder, wenn es einmal weg war.“

Punzierung

Auch die Hauptabendquoten der Nummer eins am Markt sind mit 27 Prozent noch besser. Settele: „Da half unsere großflächige Corona-Berichterstattung. Bei der Information nimmt Markíza, obwohl Privat-Sender, die klassische Rolle eines Öffentlich-Rechtlichen ein. Während der durch die Zeit des Kommunismus punziert ist, gelten wir als unabhängig. Unser Chefredakteur ist ein Bollwerk gegenüber Parteiwünschen.“

Die Pandemie war bei Markíza früh Thema. „Als Teil eines internationalen Konzerns haben wir die Entwicklungen gesehen. Bereits im Februar ergriffen wir Maßnahmen. Die waren strenger als später zunächst jene der neuen Regierung.“

Deren Premier und Gesundheitsminister wurden von einer Markíza-Moderatorin live auf Sendung „reintheatert, weil sie sie aufforderte, im Studio Masken zu tragen und Vorbild zu sein. Zwei Tage später hatte das ganze Land die Maske, ohne dass es Vorschrift war.“

Wie im übrigen Europa musste Markíza Produktionen wegen Corona pausieren lassen, darunter „Oteckovia“ („Väter“), eine erfolgreiche Daily Soap, die aus einer argentinischer Telenovela entwickelt wurde. „Bei einem Eigenproduktionsanteil im Programm von 70 bis 80 Prozent ist so ein Schritt hart.“

Nur die mit dem tschechischen Schwester-Sender coproduzierte „Superstar“-Show wurde noch erfolgreich über die Bühne gebracht – mit slowakischer Siegerin.

Während Info-Leute Überstunden schoben, wurden viele andere ins Homeoffice geschickt. „Wir hatten aber keine Kurzarbeit und haben auch keine staatliche Unterstützung in Anspruch genommen“, betont Settele.

Millionen

Auch für Settele brachte Corona Änderungen: Weil die Slowakei die Grenzen dichtmachte, verlegte er für Wochen den Wohnort in ein Hotel in Bratislava. Danach durfte er mit Sondergenehmigung pendeln. Inzwischen wird endlich wieder produziert. „Es gelten aber strengste Vorschriften und wir halten uns jeden Tag die Daumen, dass nichts passiert.“

Setteles Nerven strapaziert zudem ein aufsehenerregender Prozess, der im Herbst vom Höchstgericht entschieden wird. Der Geschäftsmann Marián Kočner hatte Schuldscheine des Senders über 69 Millionen vor Gericht geltend gemacht – unterzeichnet vom früheren Markíza-Eigner und Ex-Minister, Pavol Rusko, vormals „slowakischer Berlusconi“ genannt. Für Settele sind es Fälschungen, die den Sender mit 100 Mio. Umsatz bedrohen – eine Meinung, der auch das Gericht zuletzt folgte. Beide wurden nicht rechtskräftig zu 19 Jahren Haft verurteilt.

Kočner spielt auch eine Hauptrolle im Prozess um die Ermordung des Journalisten Ján Kuciak. Die Ermittlungen dazu haben viel für den Betrugsprozess gebracht. „Das hatte innenpolitisch die Dimension des Ibiza-Videos in Österreich. Das Verfahren hat fand dann aus Sicherheitsgründen im Gefängnis statt – ein spezielles Gefühl, als Zeuge dorthin zu müssen“, erzählt Settele. „Ich hoffe, dass das im Herbst zu einem guten Ende kommt.“

Milliarden

Das wäre auch gut für einen anstehenden Milliarden-Deal: Die Investmentfirma PPF des tschechischen Milliardärs Petr Kellner will die Markíza-Mutter CME mit ihren 30 Sendern für 1,9 Mrd. Euro übernehmen. Bisheriger Hauptaktionär ist AT & T. Die EU-Kommission prüft die Übernahme.

Hat Settele bei all den Turbulenzen Zeit, sich auch mit dem ORF, seinem früheren Arbeitgeber, auseinanderzusetzen? „Ich lebe in Baden bei Wien, ich kenne dessen Programm und habe noch Freunde auf dem Küniglberg, ich bin also informiert“, sagt Settele und schmunzelt.

Zur Person
Matthias Settele, geboren  1966 in Waidhofen/ Ybbs, begann bei Radio Wien, war Journalist, Moderator und Chef vom Dienst. Ab 1996 Büroleiter von  ORF-Chef  Gerhard Zeiler, dem er zu RTL folgte. Dort Produktionschef  bis 2007. Dann  Berater und Interimsmanager in mehr als 20 Ländern. Seit Oktober 2013 Chef des Markíza-Konzerns.

Zur Sender-Gruppe
Markíza wurde 1996 gegründet, nach Skandalen von Ex-Politiker Pavol Rusko verkauft. Das hat ein gerichtliches Nachspiel. Die  Gruppe (Sender: TV Markíza, Doma, daito; Streaming-Plattform: voyo) gehört der von Ronald Lauder gegründeten CME. Die  soll durch die Investmentfirma PPF des tschechischen Milliardärs Petr Kellner übernommen werden.

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