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Will ein Festival, das sich mit dem Hier und dem Jetzt beschäftigt: Intendant Markus Hinterhäuser

© APA/AFP/ALEX HALADA / ALEX HALADA

Interview
08/29/2021

Markus Hinterhäuser: „Haben eine Verpflichtung zur Menschlichkeit“

Der Chef der Salzburger Festspiele über den Ziegenbock in „Don Giovanni“, herausragende Produktionen und den Appell von Luigi Nono

von Thomas Trenkler

Der Intendant der Salzburger Festspiele wirkt ein bisschen geschlaucht. Kein Wunder, liegen doch sechs fordernde Wochen hinter ihm. Aber die Freude über das Geglückte ist groß. Die Salzburger Festspiele enden offiziell am 31. August - und Markus Hinterhäuser blickt zurück.

KURIER: Sie sorgten heuer für eine kleine Überraschung: Zusammen mit Präsidentin Helga Rabl-Stadler begrüßten Sie vor jeder Vorstellung das Publikum. War auch das eine Covid-Präventionsmaßnahme?

Markus Hinterhäuser: Wenn Sie so wollen. Meine Stimme hat ja vielleicht einen gewissen Wiedererkennungswert, kein Vergleich aber mit der Stimme von Präsidentin Helga Rabl-Stadler. Wir bitten die Zuhörerschaft, die Verhaltensregeln zu beachten. Ich glaube, auch das hat zur Disziplin beigetragen. Es gab nur zwei Corona-Fälle, sie blieben zum Glück folgenlos.

Die Festspiele waren künstlerisch höchst erfolgreich. Aber auch wirtschaftlich?

Es gab aufgrund der Pandemie eine andere Zusammensetzung des Publikums. Der asiatische Raum war praktisch nicht vertreten. Amerika, Russland, Großbritannien nur in Spurenelementen. Trotzdem sind wir über dem gelandet, was wir an Einnahmen budgetiert hatten. Unter anderem waren „Don Giovanni“, „Elektra“ und „Così fan tutte“ so gut wie ausverkauft. Wir hatten das Glück, dass die Festspiele in einem Zeitfenster stattgefunden haben, in dem die Vollbelegung erlaubt war. Wir hatten nicht damit gerechnet, aber haben rasch reagiert. Wir werden daher auch finanziell nicht ganz erfolglos abschneiden.

 

Anfänglich schien es nicht so.

Das Kaufverhalten hat sich extrem verändert, wir haben ungeheuer stark während der Festspielzeit verkauft. Das lässt wieder Rückschlüsse auf den künstlerischen Erfolg zu.

Aufgrund der medialen Berichterstattung?

Durchaus. Es war nicht zu erwarten, dass eine Produktion wie „Intolleranza“ von Luigi Nono auf großes Interesse stößt. Da kann man keine Kaufreflexe auslösen – wie bei „Tosca“. Und trotzdem war „Intolleranza“ außerordentlich gut besucht. Oder: Der Morton-Feldman-Zyklus in der Kollegienkirche war voll! Viele Karten zu verkaufen, ist für uns geradezu überlebensnotwendig. Wir sind ja nicht hochsubventioniert, wie manche meinen, wir müssen drei Viertel unseres Budgets selbst erwirtschaften.

Heuer standen wieder sehr viele Limousinen vor den Festspielhäusern – und die teuersten Opernkarten kosteten 445 Euro. Die Festspiele bleiben also doch ein Luxusfestival?

Ich bin so müde, andauernd diesem Klischee entgegentreten zu müssen. Wir bieten mehr als die Hälfte der Karten um unter 100 Euro an. Die Festspiele sind für jeden leistbar und zugänglich. Und sie sind, um Teodor Currentzis zu zitieren, „ein zeitgenössisches Festival“, das sich mit dem Hier und dem Jetzt beschäftigt. Es gab einen ungewöhnlichen, im schönsten Sinn anderen „Don Giovanni“, ein wahres Gesamtkunstwerk. Es gab eine vergleichslos intensive „Elektra“, wir bieten Konzerte, die nirgendwo anders erlebt werden können, und großes Schauspiel an. Dass vor dem Festspielhaus ein paar Autos von Abholdiensten stehen: Das ist eine Äußerlichkeit. Das Entscheidende ist das, was in den Spielstätten stattfindet.

 

Daher auch „Tosca“ mit Anna Netrebko und deren Mann …

Mir ist wichtig, ein Werk wie „Intolleranza“ zu zeigen. Toll, wie die Wiener Philharmoniker Nono spielten! Das Publikum trampelte vor Begeisterung. Aber die Realisierung ist – auch von den Kosten her – sehr anspruchsvoll. Das gleichen wir mit anderen Produktionen aus, die deutlich leichter zu kommunizieren sind.

Sie müssen also einen Kompromiss eingehen?

Nein, ich mache keine Kompromisse. Ich lade ja nicht Helene Fischer ein, sondern Anna Netrebko. Ich hoffe, damit ist alles gesagt. Mir geht es um eine Statik, die tragfähig ist. Und wir haben ein sehr heterogenes Publikum. Wenn wir über 200.000 Karten anbieten, kann ich nicht fordern, dass alle Besucher einer programmatischen Dogmatik zu folgen haben. Auch wenn ich meine Schwerpunkte sehr eindeutig setze: Ich verstehe, dass sich viele Menschen freuen, wenn sie Netrebko hören. Ich freue mich auch.

Die TV-Übertragung aber wurde – angeblich auf Verlangen von Netrebko – derart kurzfristig abgesagt, dass die Fernsehzeitschrift „Tele“ mit einer falschen Ankündigung auf dem Cover erschien.

Es gab, so der Wortlaut unserer Aussendung, organisatorische und dispositionelle Schwierigkeiten. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, auch wenn das jetzt vielleicht verstörend diplomatisch klingt.

 

Ioan Holender, der ehemalige Staatsoperndirektor, übte im KURIER Kritik an den Netrebko-hörigen Festspielen.

Erinnern Sie sich, wie er einst in der Staatsoper, als Kutscher verkleidet, zu Anna Netrebko hinaufblickte? Kein weiterer Kommentar.

„Don Giovanni“ gab viele Rätsel auf. Zu viele?

Muss man sich tatsächlich dem Stress aussetzen, die Ikonografie Romeo Castelluccis decodieren zu wollen, um dann möglicherweise zum ernüchternden Ergebnis zu kommen, die Inszenierung nicht verstanden zu haben? Man soll diesen „Don Giovanni“ einfach auf sich wirken lassen. Und er wird nachwirken! Auch die Verrätselung kann dem Kunstwerk eine Aura geben. Aber wenn man sich der Aufgabe stellen würde: So schwer ist es nicht, die Ikonografie von Castellucci zu entschlüsseln. Ein Beispiel: Viele haben sich gefragt, warum am Anfang ein Ziegenbock über die Bühne trabt. Er ist in der antiken Mythologie das Symbol des Teufels. Einen Ziegenbock und einen leeren Sakralraum: Mehr braucht Romeo Castellucci nicht, um in wenigen Sekunden die Fallhöhe des Don Giovanni zu definieren.

 

Wurde in jeder Vorstellung ein Konzertflügel zertrümmert?

Aber nein! Ich bin Pianist, das würde ich nie akzeptieren. Das waren keine Steinways, sondern Nachbauten. Und das Auto, das auf die Bühne kracht, wurde von einer Firma für Spezialeffekte gebaut. Übrigens, weil viele meinen, dass die Produktion so teuer gewesen sei: Das Auto wurde gesponsert.

Sie sagten im Vorfeld, „Intolleranza“ sei, wiewohl 1961 uraufgeführt, das Stück der Stunde. Denn die fulminante Inszenierung von Jan Lauwers thematisiert die Flüchtlingsproblematik. Die Ereignisse in Afghanistan haben Ihnen geradezu in die Hände gespielt.

Das ist eine sehr zynische Interpretation. Aber ja: „Intolleranza“ spiegelt die gegenwärtige Situation. Ich bin über die Ereignisse – auch hierzulande – entsetzt. Wenn wir zu Recht feststellen, dass in Afghanistan barbarische Zustände herrschen, dann müssen wir in der sogenannten oder vermeintlich zivilisierten, humanistisch geprägten Welt in der Lage sein, eine unseren Werten angemessene Antwort zu finden. Wir haben eine Verpflichtung zur Menschlichkeit. Wenn wir Menschen in ihrem Leid, in ihrer Not alleinlassen, werden auch wir zu Barbaren.

Die Festspiele hatten Pech mit dem Wetter. Von 14 „Jedermann“-Vorstellungen fanden nur vier auf dem Domplatz statt.

Dafür bin ich nicht verantwortlich. Ich bin weder Wettergott noch Schamane.

Verena Altenberger und Lars Eidinger brillierten in der Neuinszenierung von Michael Sturminger. Und nächstes Jahr?

Sie bleiben.

Die Präsidentin bleibt nicht, sie geht mit Jahresende in Pension. Was meinen Sie: Wird Ministerin Karoline Edtstadler folgen?

Der Job ist noch nicht einmal ausgeschrieben, ich habe keine Ahnung, ob sie sich bewirbt. Und es gibt derzeit etliche Namen, die kursieren. Das ist eine politische Entscheidung. Ich gehe aber davon aus, dass Lukas Crepaz, der kaufmännische Direktor, und ich in die Entscheidungsfindung eingebunden werden. Schließlich sind wir es, die mit der Person, die auf Helga Rabl-Stadler folgen wird, zusammenarbeiten. Es gibt einen Begriff, den ich charmant finde: Das Direktorium ist ein Kollegialorgan. Ich könnte es auch musikalischer sagen: Es muss ein Dreiklang sein.

Ein Triumvirat wäre im 21. Jahrhundert noch denkbar?

Es geht um die Qualifikation, nicht um das Geschlecht. Aber eine Frau – das wäre schön.

Der Pianist: Markus Hinterhäuser wurde 1959 in La Spezia, Heimatstadt seiner Mutter, geboren. Als Liedbegleiter von Brigitte Fassbaender und Spezialist für die Klaviermusik des 20. Jahrhunderts (u. a. von Luigi Nono, Giacinto Scelsi und John Cage) machte er sich einen Namen.

Der Salzburger: Von 1993 bis 2001 konzipierte er mit Tomas Zierhofer-Kin das biennale „Zeitfluss“-Programm der Salzburger Festspiele. Jürgen Flimm, Intendant ab 2007, verpflichtete ihn als Konzertdirektor. 2011 leitete  Hinterhäuser das Festival interimistisch. Seit 2017 ist er Intendant. Dazwischen war er u. a. Chef der Wiener Festwochen.

Der Cohen-Fan: Er schätzt Leonard Cohen sehr. Vor 15 Jahren sagte er: „Wenn ich ihn jemals dafür gewinnen könnte, bei den Festspielen einen Liederabend zu geben: Ich wäre der glücklichste Konzertveranstalter Mitteleuropas!“ Die gelang ihm nicht, Leonard Cohen starb 2016.
 

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