Bombast-Pop und Opern-Rock: Das war das 2. Song-Contest-Semifinale
Auf dem Klavier kann Australiens Delta Goodrem nicht nur spielen, sondern auch stehen.
Auch das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contest in Wien ist geschlagen. Weitergekommen und für das Finale am Samstag in der Stadthalle qualifiziert sind Bulgarien, Ukraine, Norwegen, Australien, Rumänien, Malta, Zypern, Albanien, Dänemark und Tschechien. Wieder nachhause fahren müssen Aserbaidschan, Luxemburg, Armenien, die Schweiz und Lettland.
Weiter oder nicht weiter: Das ist das bestimmende Entweder/Oder bei einer Qualifikationsrunde. Beim zweiten Semifinale des Song Contests in Wien war das aber nicht die einzige Dualität. Es gab auch Schwarz oder Weiß – bunte Kostüme sind heuer selten –, natürlich langsam oder schnell – es gab mehr Balladen als am Dienstag – und den ESC-Klassiker Beinkleid ja oder nein. Überraschend auch dabei: Büro (Armenien, Großbritannien) oder Darkroom (Dänemark). Und Australien sagte auf die Frage „Pomp oder doch lieber Bombast?“ ein klares Ja.
Frankreich mit Opernstimme und Schwarzweiß-Choreografie.
Das Klavier spielt alle Stückln
Beim Beitrag aus Down Under spielte ein multifunktionales Klavier, so golden glitzernd, dass es Elton John die Neidtränen in die Augen treiben würde, eine Rolle. Sängerin Delta Goodrem kannte in Celine-Dion-Tradition keine Gnade bei der Definition von Powerballade. Dem japsenden Publikum bei der Presseprobe, die der KURIER vorab sehen konnte, nach hat Australien heuer wohl reale Siegchancen.
Balladen mit unterschiedlicher Power gab es außerdem von Aserbaidschan (mit blutig-rotem Tränen-Make-Up), Luxemburg (Zwangspositivismus mit beseelten Hippiepirouetten, Karriere als Instagram-Hintergrundlied sehr wahrscheinlich), irgendwie auch Albanien (Gangstarapper im Kettenhemd beschwört dramatisch seine Mutter, die ihm die coole Sonnenbrille wegnimmt und stattdessen eine Uhr reicht, weil: Komm zum Ende, Bub).
Hoch hinaus, und das lange
Lettland und Ukraine boten Balladen, die mittendrin für ein paar Sekunden unerwartete Schrabbeltöne entsandten, so als wollte der litauische Alien aus dem ersten Semifinale eine Botschaft auf der falschen Frequenz durchbringen. Beide Sängerinnen nahmen auch im diesjährigen Nebencontest „In sehr hohen Tönen sehr lange rumphrasieren“ teil, wie übrigens auch Australien.
Hohe Töne gab es auch bei zwei anderen Songs, allerdings mit Opernstimme geschmettert. Den Weg des JJ gingen diesmal Rumänien und Frankreich, aber durchaus unterschiedlich. Rumänien verband Rock in Lederdessous mit Ariensound, Frankreich hatte mehr an und sich für Poptechno zum Sopran entschieden.
In die Kategorie "Kurios, aber schon auch sympathisch" reihten sich Bulgarien und Armenien ein. Letzterer Contestant trug einen Anzug vollgeklebt mit Post-Its, vielleicht kann er sich den Text nicht merken. Bulgarien machte gut gelaunt und auch ein bisschen irre Sitz-Ausdruckstanz im Wartezimmer.
Fröhliches Post-it-Gelb gegen den grauen Büroalltag mit Armenien.
Flohmarkt am Spielplatz
In die Kategorie „Wurscht, aber sympathisch“ fielen Zypern (Bauchtanz zum Club-Med-Soundtrack) und Malta (Filmmusik für eine Netflix-Romcom). In die Kategorie „Wurscht und nicht mal sympathisch“ fiel die Schweiz. Vielleicht lag es aber auch den verzerrten Linien des Videodesigns, die die Sängerin fast unsichtbar machten. Wahrscheinlich auch ein Störsignal vom litauischen Alien.
Die Schweiz durfte sich mit dem ramponierten Klettergerüst offenbar beim selben ausrangierten Spielplatz bedienen wie Österreich. Cosmós Tänzer hatten ein Gitter zum Besteigen, während der Sänger seine Stanniolrüstung erstmals ausführte.
Auch Österreichs Cosmó führt seine Stanniolrüstung erstmals auf der großen ESC-Bühne aus.
Ein LGBTQI+-Kurs
Das Einstiegsvideo zeigte, wie es JJs in Seenot geratenem Floß ergangen wäre, wenn Victoria Swarovski und Michael Ostrowski darauf gesegelt wären. In der Pause gab es ein Erklärvideo über die Vorliebe der LGBTQI+-Gemeinde für den ESC. Inklusive Info, dass von 72 Gewinnern acht offen queer waren.
Weil kein Klischee ausgelassen wird, musste die ganze Stadthalle Walzer tanzen. Vielleicht setzt sich Ostrowskis Wahlspruch ja für den Opernball durch: „Come, schunkel with us.“
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