Riesige Wandgemälde in Wien: Das steckt hinter den neuen Motiven
Zusammenfassung
- Das Calle Libre Festival verwandelt Döbling in eine Freiluftgalerie, in der Künstler Fassaden mit Werken zu Gleichberechtigung und Sichtbarkeit gestalten.
- Die Wandgemälde thematisieren Frauenbilder, Altersdiskriminierung und Identität, unterstützt durch lokale und internationale Künstlerinnen und Künstler.
- Die bunten Kunstwerke sorgen für neue Perspektiven im Bezirk und stoßen sowohl auf politische Debatten als auch auf breite Unterstützung.
Von Johanna Worel
Noch ist auf der Südfassade des APA Towers vor allem graue Vorzeichnung zu sehen. Ein paar Linien, erste Konturen, die sich über mehrere Stockwerke ziehen. Wer derzeit an der Gunoldstraße 14 vorbeigeht, kann nur erahnen, wie das Gemälde auf der Südseite aussehen wird, das bis 29. Mai fertig werden soll.
Die Westfassade des Towers wurde bereits im Zusammenhang mit dem ESC neu gestaltet. Die Entwürfe für das neue Kunstwerk werden nachts per Projektor auf die Hauswand übertragen – nur so lassen sich Perspektiven auf den riesigen Fassaden einhalten. Dann beginnt die Malarbeit.
Wenige Straßen weiter sind die Fassaden fast vollendet: Blumen zieren graue Häuserwände, ein Frauengesicht blickt auf die Straße.
Freiluftgalerie
Das Calle Libre Festival verwandelt Döbling heuer in eine riesige Freiluftgalerie. Unter dem Motto „In Equality“ arbeiten Künstler auf Hausfassaden im gesamten Bezirk – und setzen sich mit Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Rollenbildern auseinander.
Welcher Bezirk bespielt wird, hängt davon ab, wo Calle Libre noch nicht war und welche Fassaden sich eignen. „Ich gehe mit offenen Augen und Blick nach oben durch die Stadt, suche Hauswände – und daraus entstehen Kunstwerke“, sagt Festivalgründer Jakob Kattner.
Finanziert wird Calle Libre durch Förderungen von Stadt, Bund und Bezirk. Farben und Materialien werden von Partnern gestellt. Die Künstler erhalten Unterkunft, Anreise und Gage. Die Werke bleiben auf unbestimmte Zeit auf den Fassaden – mit einer Sperrfrist von zwei Jahren.
Haut voller Erinnerungen
Mitten durch diese Freiluftgalerie fährt Kattner auf seiner schwarzen Vespa. Mal hält er vor einer Hebebühne an, mal zeigt er auf halbfertige Hauswände. Die Nacht davor habe er bis drei Uhr früh auf einem Stapler gestanden und die ersten Skizzen auf den APA Tower übertragen, erzählt er. Jetzt besucht er die Künstler an ihren Fassaden.
Bei Nummer 79 auf der Heiligenstädter Straße bleibt Kattner stehen. Dort arbeitet Virginia Bersabé mehrere Meter über dem Boden auf einer Hebebühne. Ihr Overall ist mit Farbspritzern bedeckt.
Virginia Bersabé Werk wird von der Organisation Ärzte ohne Grenzen unterstützt.
Auf der Hauswand entsteht das Bild einer älteren Frau, die von einer jungen Ärztin umarmt wird. Unterstützt wurde das Werk von Ärzte ohne Grenzen, die der Künstlerin Bildmaterial zur Verfügung stellten.
Bersabé beschäftigt sich in ihrer Kunst seit Jahren mit älteren Frauen und deren Sichtbarkeit. „Altersdiskriminierung ist ein präsentes Thema“, sagt die spanische Künstlerin. „Besonders wichtig sind mir die faltigen Hände der alten Frau. Ihre Haut hält Erinnerungen.“
Frauen gemalt von Frauen
Ein paar Straßen weiter parkt Kattner seine Vespa erneut, diesmal vor der Boischgasse 24. Dort sitzt Tamara Alves mit ihrer Assistentin in der Sonne. Hinter ihnen blickt eine Frau von der meterhohen Gemeindebauwand in die Ferne.
Tamara Alves will Frauen durch ihre Kunst stärken.
Für Alves war schnell klar, dass sie zum Festivalmotto eine Frau malen würde. „Frauen wurden in der Kunstgeschichte so oft von Männern dargestellt“, sagt sie und verweist auf Werke wie die Mona Lisa oder das „Mädchen mit dem Perlenohrring“. Alves Figur ist nackt und hält Wildblumen vor die Brust. „Frauen müssen nicht so tun, als wären sie Männer, um stark zu sein“, sagt Alves. „Sie sind stark, so wie sie sind: nackt.“
Politische Debatte
In der Krottenbachstraße 104 zeigt der argentinische Künstler Franco Fasoli mit „Morning in Barna“ eine Alltagsszene rund um seine Mitbewohnerin Natalia, eine Transfrau.
Franco Fasolis Werk sorgte für Kritik der FPÖ.
Das großflächige Mural zeigt sie gemeinsam mit der Wohnungskatze Daniel und beschäftigt sich mit Identität, Zusammenleben und persönlicher Nähe im urbanen Raum.
Politisch sorgte das Werk zuletzt ebenfalls für Diskussionen: Die FPÖ kritisierte das Bild als „düsteres Monster-Graffiti“ und forderte einen Stopp weiterer Projekte.
Widerstand aus Beton
Der Wiener Künstler Coins setzt dagegen in der Kratzlgasse 4 auf helle Farben und verspielte Formen. Seine „Concrete Flowers“ verwandeln grauen Beton in ein riesiges Blumenfeld aus pinken, gelben und türkisen Blüten.
Coins Beton-Blumen stehen für Widerstandskraft und Vielfalt.
Die bunten Blumen ziehen sich heuer durch das gesamte Festival und stehen für Widerstandskraft, Vielfalt und die Idee, dass selbst zwischen Asphalt und Beton etwas Neues wachsen kann.
Während Kattner durch Döbling fährt, trocknet an den Hauswänden die Farbe. In Döbling entstehen nicht nur Wandgemälde, sondern auch neue Blickwinkel auf den öffentlichen Raum – zwischen Beton, Blumen und meterhohen Gesichtern, die nicht zu übersehen sind.
Morning in Barna
von JAZ/Franco Fasoli
Krottenbachstraße 104
Time to flower is now
von Tamara Alves
Boschstraße 24
Hold and Home
von Virginia Bersabé
Heiligenstädter Straße 79
Concrete Flowers
von Coins
Görgengasse 9-11
Love Soldier
von JDL/Judith de Leeuw
Gunoldstraße 14
Sie arbeitet noch bis 29. Mai an ihrem Werk.
Kommentare