Ostrowski zu Song-Contest-Kritik: "Manche wollen hinhauen"
Michael Ostrowski im Elton-John-Papageno-Outfit beim Eurovision Song Contest 2026.
Gemeinsam mit Victoria Swarovski war Michael Ostrowski das heimische Gesicht des 70. Eurovision Song Contest von Wien. Das Moderationsduo wurde dabei international bisweilen heftig kritisiert. Im Gespräch mit der APA blickt der 53-jährige Komödiant nun auf seine Zeit im Ausnahmezustand zurück. Er spricht über das Feedback auf seinen Einsatz, das Arbeiten im engen Zeitkorsett und die Aufregungsmechanismen der Medien.
Der ESC ist geschlagen. Was bleibt für Sie persönlich von einer Woche völligen Ausnahmezustands?
Michael Ostrowski: Erleichterung und Freude. Es war ja nicht nur diese eine Woche, es waren viele Wochen der Vorbereitung. Wir haben Lieder im Studio eingesungen, ein Video zu "Wasted Boat" gedreht und viele Presse- und Fototermine wahrgenommen. Dazu kamen noch Promodrehs, Drehbuchbesprechungen, Proben zu den Choreografien, Stage-Rehearsals für Kamera und Licht und vieles mehr.
Und die letzte Woche war dann der wahre Irrsinn: Wir haben alle drei Shows viermal gemacht, das heißt zwölf Shows in sechs Tagen, neun davon vor 10.000 Leuten in der Stadthalle. Wir waren alle am Rande unserer Kapazität, nicht nur wir als Moderation, sondern das gesamte ESC-Team rundherum. Ich bin auf diese Bühne gegangen und hab von der ersten Minute an gewusst, dass das reine Moderieren lässig sein wird. Das ganze Drumherum war der Wahnsinn. Bei mir ist dann nach dem ersten Semifinale ein gewisser Druck abgefallen. Ich hab gespürt, dass es funktioniert. Das Feedback in der Halle war sensationell, und ich hab viele positive Rückmeldungen bekommen, auch von Menschen, von denen ich nicht mal wusste, dass sie meine Telefonnummer haben.
Auf welche unerwarteten Momente mussten Sie während der Shows reagieren?
Wir haben bis zuletzt unsere Moderationstexte verändert, weil wir sie an die Bühnenumbauzeiten anpassen mussten. "Da brauchen wir 20 Sekunden mehr Text, damit sich das ausgeht" - solche Dinge. Wir sind noch am Tag des Grand Final von 18 bis 19 Uhr bei der Victoria in der Garderobe gesessen und haben mit unserem Showautor Gregor Barcal an den Texten rumgetan. An sich taugt mir ja das Schnelle, Improvisierte, ich bin lieber frei beim Moderieren und schau, was im Moment passiert. Aber das ist beim ESC quasi unmöglich, weil Moderatoren aus 35 Ländern wissen wollen, was wir da gerade sagen, damit sie's in ihre Landessprachen übersetzen können.
Wie ging es Ihnen retrospektiv nun konkret mit dem engen Korsett einer durchgescripteten Sendung?
An sich ist der Song Contest ja eine Art Amalgam: Von der EBU vorgegebene Texte zum Voting, zum Ablauf, zu den Acts vermischen sich mit neu inszenierten Showblocks und eigenen Überleitungstexten. Der Ablauf der Shows war mehr oder weniger fixiert, als wir dazu geholt wurden. Als Moderator kann man sich da nur in sehr begrenztem Rahmen einbringen.
Normalerweise schreibe ich mir meine Moderationen auch selber, in diesem Fall war schon sehr viel vorgegeben, und ich habe versucht, die Texte so zu adaptieren bzw. umzuschreiben, dass es für mich passt. In diesem Prozess wurde uns schon immer wieder nahegelegt, was alles nicht geht, weil man niemanden beleidigen soll und es eine Familiensendung ist.
Ich habe daher auch nach Wegen gesucht, dem Ganzen außerhalb der reinen Moderationstexte eine eigene Note zu verleihen, habe zum Beispiel Baz Luhrmans Elvis-Doku angeschaut, und der Kostümbildner Alfred Mayerhofer hat dann Las Vegas-angehauchte Kostüme entworfen. Und um die wiederum zu brechen, bin ich dann einmal mit riesigem Federschmuck aufgetreten. Und mir war's auch wichtig, mit zu großem Steireranzug, Gamsbart und Schnauzer im Green Room zu stehen, um mir im nächsten Moment einen Zylinder aufzusetzen, den Schnauzer on camera aufs Kinn zu picken und weiterzumoderieren, als wäre nix gewesen. Ein kleiner Augenblick, wo etwas passiert, was man vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte.
Nicht zuletzt international gab es an Ihnen und Ihrer Co-Moderatorin Victoria Swarovski teils harsche Kritik. Trifft es Sie, wenn etwa "Die Welt" Ihnen das Label "Moderatorenpaar aus der Hölle" verpasst oder BBC-Legende Graham Norton konstatiert hat "Sadly we now return to our hosts"?
Tja, was soll ich dazu sagen? Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, aber es ist schon interessant, dass manche so hinhauen wollen, gerade bei einem Fest wie dem Eurovision Song Contest, wo "United by Music" das Motto ist. Mich hat es ein Leben lang begleitet, dass ein gewisser Teil der Leute nicht gleich verstanden hat, was ich da mache. Und warum ich es so komisch mache. Und warum ich es nicht einfach so mache, wie alle anderen. Was man halt kennt und gut für sich einkasteln kann.
Für manche ist es schwer vorstellbar, dem Ganzen mit einer Form von Theatralik, Überhöhung oder Ironie zu begegnen. Ich lese manche Moderationstexte, die man unterbringen muss, und denke mir: Das Ganze jetzt eins zu eins runterzurattern, ist ja wohl das Langweiligste, was man tun kann. Ich mach aus dem Infotext lieber so was wie eine Litanei, ich sag's wie ein Gebet, oder ich sag's so schnell, dass man's fast nicht mehr versteht. Oder ich sag's bewusst als schlechten Scherz.
In Bezug auf die "internationale Kritik": Die einen schreiben, endlich wieder mal gutes akzentfreies Englisch, die anderen regen sich auf wegen des österreichischen Akzents. Die einen feiern dich fürs Outfit, die anderen finden es ganz furchtbar. So what? Ich treffe Entscheidungen, und wenn ich mich immer nach den Meinungen anderer gerichtet hätte, wo wär ich dann heute?
Mit den beiden britischen Co-Moderatoren Angela und Rylan habe ich mich sehr gut verstanden, aber Graham Norton war es - aus welchen Gründen auch immer - offensichtlich ein Anliegen, uns runterzumachen. Vielleicht für Showzwecke oder aus anderen Motiven, eigentlich unerheblich. Was ich aber fragwürdig finde, ist, dass die BBC seine Aussagen auf Social Media groß promotet hat. Schaut her, haha, so sehen wir die zwei Hosts, sadly, sadly. Und das wurde dann international aufgegriffen und hat - wie man sehen kann - seinen Weg bis in unser Interview gefunden. Keine einzige gute Kritik hat das geschafft.
Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Ihr Einsatz eher negativ aufgenommen wurde?
Diese Frage würde ich gerne hinterfragen: Wer sagt, dass mein Einsatz "eher negativ" aufgenommen wurde? Wer beurteilt das? Gab's da eine Abstimmung? Und wenn, eine Abstimmung unter wem? Unter denen, die generell online gerne haten? Ihre Frage empfinde ich aber auch medientechnisch als sehr problematisch. Ich sehe dabei den Trend, dass auch etablierte Zeitungen und traditionell der journalistischen Ethik verpflichtete Medien auf die "ragebaits" und den "Empörungszug" der sozialen Medien aufspringen. Nur weil ein paar Kommentatoren, Journalisten und eine Zahl von Social-Media-Usern schwadronieren, dass etwas "nicht gehe", wie jemand moderiert oder was die Person anhat, heißt das doch nicht, dass mein Einsatz "eher negativ" aufgenommen wurde.
Ich weiß, welches Feedback ich persönlich bekommen habe. Nicht nur bei den Shows selbst, sondern auch danach. Das Schöne an dem Beruf ist ja, dass sehr viele Menschen auf einen zukommen und gratulieren und sich freuen und sehr positiv sind... I'm easy, easy like Sunday morning.
Gäbe es Aspekte, die Sie im Nachhinein anders aufziehen würden bei der Moderation?
Ich habe von Anfang an nach einer Haltung für mich gesucht, wie ich diese Shows gut machen kann. So, dass ich mir treu bleibe, aber trotzdem in dem eng gesteckten Korsett möglichst locker agieren kann. Insofern waren die Semifinale für uns um einiges spannender, weil wir uns da durch eigene Show-Acts einbringen konnten. Der ESC ist auch nicht meine Personality Show. Er ist ein Event, bei dem sehr viele Menschen mitreden: der Regisseur, der Showrunner, der Autor, die EBU etc. Für jeden Anlass moderiert man anders, aber möglichst immer seinem Stil treu bleibend.
Ich habe schon so viele verschiedene Dinge gemacht, von improvisierten Abenden im Grazer Forum Stadtpark bis hin zu "Demokratie - Die Show" im Theater im Bahnhof und dann fürs TV, aber auch die Nestroy Gala oder den Amadeus. Ich moderiere manche Veranstaltungen seit über 10 Jahren, wie den Gloria Schlagergarten oder den FM4 Protestsongcontest. Der Eurovision Song Contest war ein überaus spannendes Abenteuer in diesem Reigen. Ich habe ein sehr lässiges, hoch motiviertes Team kennengelernt, und wir haben gut zusammengearbeitet, um diesen Irrsinn zu stemmen. Das war sehr schön. Und nächstes Mal werde ich es sicher anders machen, damit's nicht fad wird.
Jetzt können Sie es ja offen sagen: Wer wäre Ihr Favorit auf den Sieg gewesen?
Ich habe nie einen Favoriten gehabt. "Bangaranga" war aber schon während der Proben ein geflügeltes Wort, und wir haben uns immer geärgert, wenn wir Daras Performance verpasst haben. Ich habe im Finale mit ihr getanzt während des zypriotischen Songs, sie war locker, nett und auch sehr offen. Ich mochte die Stimme der polnischen Sängerin sehr, ich habe beim italienischen Beitrag immer ein Tänzchen hingelegt, als alter Italo-Schlager-Fan. Wir mochten auch "Bella", den Song aus Malta, "Ferto" war super, die Griechen alle extrem nett und auch klug, der Satoshi aus Moldawien war auch ein lieber Kerl. Mein Gott, ich komm ins Schwärmen, die Kroatinnen waren super, der Norweger cool, der Tscheche so bescheiden - ich kling wie ein Lexikon für Volksschulkinder: "Positive Vorurteile lernen". Die Bühnenshow von Delta Goodram war ziemlich perfekt, am Ende habe ich dann gedacht, okay, die Finnen werden ihrer Favoritenrolle gerecht werden, aber nix da. Alles anders. Das ist schon sehr besonders beim ESC, man weiß nie, was passieren wird.
Werden Sie den ESC auch 2027 verfolgen oder brauchen Sie nach der Intensivkur erstmal eine längere Song-Contest-Pause?
Ich werde ihn sicher weiter verfolgen. Als ich das erste Mal vor 10.000 Eurovision-Fans auf der Bühne gestanden bin, habe ich verstanden, was da abgeht. Das war sehr beglückend. Ich habe die Fans super gefunden, aber auch die Art und Weise, wie die MusikerInnen miteinander umgegangen sind. Sehr liebevoll, kollegial und wertschätzend. Deswegen werde ich das Ding sicher weiterverfolgen. Es ist etwas sehr Besonderes, dass es diese Veranstaltung von freien öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten gibt. Das sagt auch der Yuval Harari. Und wenn der das sagt...
(Die Fragen stellte Martin Fichter-Wöß/APA)
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