Hinter den Kulissen des Song Contests in Wien: Eine Woche Ausnahmezustand
70 Jahre Eurovision Song Contest wurden in Wien gefeiert
So eine Song-Contest-Woche ist voller Emotionen. Für die Fans: Wird es mein Land ins Finale schaffen? Wird der Favoritensong gewinnen? Wird mein Wackeldiscokugel-Haarreif in den Landesfarben den Abend überstehen? Werde ich mir die „Tanzschein“-Choreografie merken? Aber auch für Journalisten: Schaffe ich es rechtzeitig von der Probe zur Lordi-Pressekonferenz? Werde ich heute von Maskottchen Auri zu einer Umarmung genötigt? Sitze ich im Pressezentrum bei der Finalshow neben Journalisten aus einem Land, das eine siegessichere Lautstärke vorlegt oder, nun ja, bei den deutschen Kollegen?
Denn man muss das erklären: Der Eurovision Song Contest ist mit überwältigender Wahrscheinlichkeit die einzige Veranstaltung, bei der man im Mediencenter auf der Suche nach einem Arbeitsplatz durch fahnengeschmückte Tischreihen geht, an denen Menschen in Pailletten-Outfits konzentriert in ihren Laptop tippen, während aufgekratzte TikTokker relativ wahllos im Raum verteilt in ihre Minimikros sprechen. Die journalistische Unabhängigkeit wird hier mitunter auf eine harte Probe gestellt. Was, der Grieche hat vorhin Katzenhauberl verteilt? Mist, verpasst.
Ein Platz im Herzen
Die Fülle und die meist gut gelaunte Emsigkeit dieser internationalen Medienvertreter ist aber auch ein verblüffendes Zeugnis dafür, wieviele Menschen europa- und vielleicht weltweit für den Eurovision Song Contest einen ernsthaften Platz in ihrem Herzen haben - auch wenn das nicht wenige mit einer gehörigen Portion Ironie übertünchen. Wen schon die Eurovisionsmelodie (oder wie Auskenner wissen: Marc-Antoine Charpentiers „Te Deum“) anrührt, der ist nicht allein, wie der Jubel am Start aller Show-Übertragungen im Pressezentrum bewies.
Man versteht dann womöglich eher, warum die Spaltung - hier die Kritiker einer Teilnahme Israels, da die Befürworter -, die in den vergangenen zwei Jahren den Song Contest überschattet hat, eben nicht nur eine vorübergehende Verwerfung bei irgendsoeiner seltsamen Musikshow ist. Warum Dinge, die sonst Nichtigkeiten sind, plötzlich mit schwerer Bedeutung aufgeladen werden.
Ein Like eines Mitbewerbers bei einem Instagram-Posting des israelischen Sängers? Vor zwei Jahren in Malmö ein Grund für gruppendynamische Schmähung durch die antisemitische Clique rund um Irlands Performerin. Nach wie vor werden solche Signale sehr genau beobachtet - und passieren ziemlich sicher nicht mehr unbedacht. Die Siegerin von Sonntag Abend, die Bulgarin Dara, hatte ihrem Kollegen Noam Bettam in dieser Woche ein Daumen-hoch spendiert zu einem Probenvideo. Bei ihrer Pressekonferenz nach dem Finale wurde denn auch betont, dass sie „nie etwas Böses gesagt hat“ über andere Kontestanten. Der Name Israel fiel jedoch nicht.
Hat jemand Spanien vermisst?
Während im Halbfinale ein Protestrufer Noam Bettans Song gestört hat, und bei der Jury-Show am Freitag, bei der KURIER in der Stadthalle war, vereinzelte Palästinaflaggen geschwenkt wurden, lief der Auftritt beim Finale vergleichsweise ereignislos. Als jedoch Israel - so wie im Vorjahr - dem Sieg wieder zum Greifen nahekam, war der Unmut darüber doch deutlich zu hören. Ausgerechnet in diesem Moment richtete Michael Ostrowski den wegen Israel boykottierenden fünf Ländern aus, dass sie vermisst werden und doch bitte nächstes Jahr wiederkommen mögen.
Aber ganz ehrlich: Man hat diese Länder keine Sekunde vermisst. Die Songliste war auch so reichhaltig an Spezialitäten, die Eurovision hervorbringt: einige sehr hohe, sehr lange Töne (Frankreich, Ukraine), Rockmusik mit und ohne Oper (Rumänien und Serbien), Großraumdisco mit Lasershow (Schweden), Nonsensrap (Moldau), Mitklatsch-Gassenhauer (Griechenland, Zypern), Breitband-Pathos (Albanien) und ein silberner Glatzkopf-Alien (Litauen).
Rückblick mit Lordi und Co.
Man muss es sagen: Das Moderatoren-Duo Victoria Swarovski und Michael Ostrowski gut zu finden, war heuer Avantgarde. Ein unausgegorenes Humorkonzept in der ersten Halbfinalshow legte da eine Route, auf der die Rezeption zu entgleisen drohte. Aber wer hätte es denn besser gemacht? Andy Borg mit Barbara Rett? Oder Auri mit seinem merkwürdigen Onkel Confetti - und Ratte Rolf-Rüdiger im Green Room?
Aber der Großteil der Fantastilliarden Zuschauer ist ohnehin erst beim Finale dabei, und das wickelten die beiden souverän ab. Die Startsequenz - das „Wasted Love“-Papierschiffchen treibt von Basel nach Wien - war sympathisch, JJs einleitender Livegesang war trefflich pompös mit rotweißroten Tänzerinnen und Tänzern umrahmt. In der Wartezeit vor dem Voting gab es ein Medley, das 70 Jahre Eurovision Song Contest feierte und dieser Historie mit den Monstern von Lordi, die „Save your Kisses for me“ hardrockig anstimmten, einen legendären Moment beisteuerte. Darauf folgte eine Elektroswing-Nummer von Parov Stelar, bei der die choreografische Umsetzung des alten Eurovision-Logos begeisterte.
Billy Joel, der wegen einer ernsthaften Gehirn-Erkrankung zuletzt Konzerte absagen musste, war zumindest virtuell Stargast: Er erklärte, was ihn zu seinem Song „Vienna“ inspiriert hat: Dass „Wien die guten Dinge im Leben repräsentiert“. Cesar Sampson sang das Lied dann in einer für dieses Event untypischen entspannten Zurückgenommenheit.
Prioritäten gesetzt
Es hatte schon mitunter den Eindruck, als wäre für das Intervall-Programm weniger Budget übriggeblieben. Dafür war eindeutig, dass bei der technischen Ausrichtung und Inszenierung der Beiträge keineswegs gespart wurde: Lichtshow, Videomaximalismus, Feuerfontänen - ein beeindruckendes Spektakel. Und letztlich ist das der Auftrag an den ausrichtenden Sender: die konkurrierenden Songs bestmöglich zu präsentieren. Das hat der ORF zweifelsohne und durchaus bemerkenswert gemacht.
Blick hinter die Kulissen
Der Vorteil bei einem Song Contest im eigenen Land ist, dass man auch einmal hinter die Kulissen blicken kann. Der KURIER war bei den Semifinalproben und der Jury-Show in der Arena in der Stadthalle und konnte da nicht nur beobachten, wie dutzende Scheinwerfer konzertiert auffahren, um alles Mögliche aus Lichtstrahlen zu zaubern, wie LED-Markierungen anzeigen, wo etwa die Tische für den glücklosen britischen Beitrag hingestellt werden müssen, wie Cosmós Beine im Liegen noch von einem Tänzer richtig in der Grafik positioniert werden. Sondern auch wie eine Schar an Helferinnen und Helfern in Sekunden wegräumen, aufbauen, Feuer löschen und Schleppen tragen.
Beim Voting wurde es so spannend, wie seit Jahren nicht. Bei der Jurywertung wurden so viele verschiedene Länder mit 12 Punkten bedacht, dass klar war, dass es für die als haushohe Favoriten gehandelten Finnen schwer werden würde. Sie landeten schließlich auf dem sechsten Platz. Bulgarien - vor Live-Publikum übrigens von Beginn der Probenphase an immer überragend bejubelt - schaffte die Sensation mit "Bangaranga" und gewann vor Israel. Österreich konnte die Tradition, ein Jahr nach einem Sieg letzter zu werden, nicht fortsetzen - und wurde vorletzter.
Wenn der Song Contest in Wien eines gezeigt hat, dann dass diese 70 Jahre alte TV-Kuriosität immer noch für Überraschungen gut ist. Oder wie es Siegerin Dara bei ihrer Pressekonferenz mit feierlichem Augenzwinkern formulierte: „Fragt mich mal, was ich getan hätte, wenn ich nicht gewonnen hätte … Das werde ich nie erfahren!“
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