ESC-Direktor Martin Green: „Die EBU ist keine monströse Vereinigung“
Martin Green sagt, den Song Contest wird es "für immer" geben.
Martin Green ist der Direktor des Eurovision Song Contests. Das Amt hat er seit 2024 inne – und seit Beginn ist er mit der Spaltung von Fans und Mitwirkenden in der Frage über Israels Teilnahme konfrontiert.
Kurier: Beim ersten Semifinale mussten vier Personen wegen Störung des Beitrags von Israel aus der Stadthalle gebracht werden. Waren das mehr oder weniger, als Sie erwartet haben?
Martin Green: Wir erwarten es nie, aber wir sind vorbereitet. Jeder hat das Recht, seine Meinung kundzutun. Die meisten Menschen machen das woanders, was ich auch respektvoller gegenüber den Künstlern finde. Aber: Es waren 10.000 Leute in der Halle und 99.996 haben die Show genossen. Vier nicht. Wir sollten verhältnismäßig bleiben.
Der ORF hat sich dafür entschieden, alle Störungen zu übertragen. Im offiziellen Youtube-Video des Beitrags „Michelle“ sind die Schreie aber rausgefiltert, warum?
Der ORF hat entschieden, dass er den Ton der Live-Show nicht ändert. Nicht, dass das sonst jemand macht. Aber wir werden trotzdem oft gefragt, ob es gemacht wird. Wenn wir im Nachhinein etwas herausnehmen, dann aus Respekt gegenüber dem Künstler, denn wir finden, das Video soll seines sein und nicht eine Plattform für Protest. Das ist eine Frage der Fairness im Wettbewerb.
Moderatorin Victoria Swarovski betont heuer oft, dass man seine zehn Stimmen auf mehr Länder verteilen soll. Wenn die EBU so viel Wert darauf legt, dass man nicht nur einen Beitrag wählt, warum wird man nicht technisch für ein zweites Mal Voten gesperrt?
Weil es technisch nicht möglich ist – solange wir über Telefonie und SMS voten lassen. Ich denke, in der näheren Zukunft werden wir nur mehr online voten lassen, und dann kann man das machen. Die Daten zeigen uns allerdings, dass die meisten Menschen, die mehrfach voten, auch für mehrere Künstler stimmen. Es ist mittlerweile klar, dass wir davon abbringen wollen, alle Stimmen für einen Künstler zu verwenden, deswegen steht das auch im Drehbuch. Die Daten zeigen uns aber auch, dass selbst, wenn das passiert, es das Endergebnis nicht beeinflusst.
Ein New York Times-Artikel hat vermittelt, dass in Spanien insgesamt so wenige beim Voting mitmachen, dass 1000 Stimmen schon einen Unterschied machen.
Ich kann die Daten in diesem Bericht nicht nachvollziehen. Unser globales Voting ist von einer Größenordnung, dass es unglaublich schwer ist, das Ergebnis zu beeinflussen. Es sind die Stimmen von 35 Ländern und extra vom „Rest der Welt“. Ich verstehe, dass es leicht ist, kleine Beispiele mit vielen „Falls“ und „Aber“ zu finden. Ich vertraue unseren Leuten, die dieses Votingsystem betreuen, nicht irgendwelchen obskuren Daten, die manche Journalisten glauben, gefunden zu haben.
Ist es nicht das Problem des spanischen Senders, wenn er nicht mehr Menschen zum Voten motiviert?
Manche haben eine ausgeprägtere Votingkultur, andere nicht. Es ist so: Wenn man seine Meinung durchsetzen will, muss man sie sagen. Aber: Wir wählen keine Regierung. Wir stimmen über ein Lied ab. Ich will die Debatte gar nicht entwerten. Aber manchmal ist es eine gute Idee, seine Perspektive zu überprüfen.
Warum nicht einfach nur eine Stimme erlauben?
Weil es auch mit Einbindung geht. Wir wissen zum Beispiel, dass Familien schauen und mitvoten. Es ist ein kleines Stück Gamification.
Ist nicht auch ein Grund, dass im Voting auch Geld für die EBU steckt?
Das ist kein Antrieb für unsere Entscheidungen. Es stimmt, dass in manchen Ländern Voting Geld kostet, das bekommen wir. Aber das wird wieder zurückverteilt in diese Länder. Wir sind eine Non-Profit-Organisation. Unser Geld bezahlt die Shows und unterstützt öffentlich-rechtliche Sender in Europa – in einer Zeit, wie ich anmerken möchte, in der das nötig ist. Manchmal verstehen die Menschen nicht, dass wir keine monströse Vereinigung sind.
Stimmt es, dass es heuer Schwierigkeiten gab, Sponsoren zu finden?
Bei einem Event, das in Kontroversen geraten ist, wird es immer Sponsoren geben, die zweimal nachdenken. Wir haben genug gefunden. Und es kann sich im nächsten Jahr wieder alles ändern.
Gibt es eine Schmerzgrenze: Ab wie vielen Ländern, die abspringen, kann man den Song Contest nicht mehr machen?
Nicht wirklich. Ein Beispiel: Früher gab es keine Semifinales, die gibt es nur, weil wir so groß geworden sind. Ich bezweifle, dass wir bald keine Semifinale mehr brauchen werden. Es liegt zwar auf der Hand, aber ich muss es sagen: Die Zahlen 35 und 5 sind sehr unterschiedlich. Wir sind eben eine Veranstaltung, bei der man sich jährlich neu entscheiden kann. Wenn man nicht mitmachen will, kann man das, es gibt keine Geldstrafe, keinen Vertrag, den man bricht. Die, die mitmachen, teilen sich jedes Jahr die relativ geringe Teilnahmegebühr. Das Modell ist sehr stabil. Es stellt sicher, dass es den Song Contest immer geben wird.
Ist etwas dran an Berichten, dass Israel zu Eurovision Asia, das heuer im November erstmals stattfindet, „abgeschoben“ werden soll?
Nein, das ist totaler Blödsinn.
Dass es eine große ESC-Fancommunity in Asien gibt, ist nicht allen bewusst.
Ja, es ist fantastisch. Wir wussten, dass wir Fans haben, wir sehen es an den Votings und merken, dass sie zuschauen. Aber ich war bei der Präsentation in Bangkok und die Leute sind ausgeflippt. Warum sollten wir die Idee, Menschen durch Musik zusammenzubringen, für uns behalten?
Ist das einmalig?
Nein, wir planen schon langfristig.
Wird Ungarn nach dem Regierungswechsel nun bald wieder dabei sein?
Ja, aber das ist deren Entscheidung. Aber die neue Regierung ist Europa und Eurovision zugeneigt. Alles was wir sagen können ist, unsere Tür ist offen.
Social Media kann gerade für den gern Harmonie inszenierenden ESC toxisch sein. Da ist man noch ganz beseelt von der Show und dann liest man auf X nur grantige Leute, denen nichts gefällt…
(Lacht) Sie werden bemerkt haben, dass wir nicht auf X sind. Das hat einen Grund.
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