Collage aus (alten) Überschriften: "Schnipselbild" von Veronika Schubert zum Themenkomplex Coronavirus mit dem Titel "Danke"

© Veronika Schubert/Bildrecht

Kultur
04/25/2020

Collagen aus Titelzeilen zu Corona: "Danke, danke, danke“

Die Künstlerin Veronika Schubert kommentierte für den KURIER einen Monat lang die Ausnahmesituation. Hier nun alle 31 Arbeiten.

von Thomas Trenkler

Seit mittlerweile Jahrzehnten schneidet Veronika Schubert aus – gedruckten – Zeitungen fein säuberlich Überschriften aus. Sie reißt diese damit aus deren Kontext, betrachtet sie als alleinstehende Aussagen.

Mit dem bloßen Ausschneiden und Herausreißen ist es natürlich nicht getan. Die 1981 in Vorarlberg geborene und in Wien lebende Künstlerin notiert auf der Rückseite mit Bleistift die Quellenangabe. Also zum Beispiel „Zeit, 17.2.2011“. Dann sortiert sie die Schnipsel nach Themen – und steckt sie in Klarsichtfolien. Abertausende Überschriften hat Veronika Schubert bereits gesammelt. Aus diesem Fundus schöpft sie dann: Sie legt sich die Überschriften wie Puzzlesteine zurecht – und kombiniert sie. Und dann klebt sie diese Schnipsel auf ein DIN-A4-Blatt Papier. Streng symmetrisch angeordnet.

Veronika Schubert nennt diese Collagen, die in der Regel aus je fünf Überschriften bestehen, die „5er-Kombinationsblätter“ oder „Standardsituationen“.


Die Blätter sind mitunter Poeme, Gedichte gar und immerzu gesellschaftskritische, mit Witz garnierte Kommentare zur Gegenwart – auch wenn die Überschriften zum Teil schon viele Jahre alt sind.

So kann man auf einem Blatt die Sentenz des Abstiegs lesen: „Ich bin superwichtig!“ – „Ich bin mein eigener Chef!“ – „Ich bin ein guter Populist“ – „Ich bin eine Murmel“ – „Ich bin nur das Interface“

Mitunter findet man bei Veronika Schubert auch Dialoge: „Haste mal fünf Euro?“ – „Darf’s ein bisserl mehr sein?“ – „Über den Preis können wir reden“ – „Schau, nimm 100.000“ – „Man muss sich eben arrangieren“

Einen Schatz gesammelt

Die Originalblätter möchte die Künstlerin eigentlich nicht mehr aus der Hand geben. Denn sie bilden ihr „Archiv“. Zumal sie ja jedes Zitat nur einmal hat. Daher befolgt Veronika Schubert nicht nur die Aufforderung „Immer schön Wörter sammeln“ aus der Zeit vom 9.9.2010, sondern sie scannt und kopiert ihre Funde auch. Über das physische Archiv hinaus gibt es also noch das digitale. Und dieses nutzt sie auch im Alltag: Sie ergänzt ihre Mails mit eingefügten Schnipseln, darunter „Ich habe einen Schatz gesammelt“.

Veronika Schubert, die auf der Kunstuniversität Linz experimentelle visuelle Gestaltung studiert hat, geht es generell um Kommunikation. Wörter, Sätze und Phrasen, ihrem Kontext entrissen, bekommen auch im öffentlichen Raum eine völlig andere, verblüffende Bedeutung. Ein normalerweise leichtfertig hingesagter Satz wie „Und was machst du so?“, appliziert auf eine Fassade, regt vielleicht wirklich an, über das eigene Leben nachzudenken. Veronika Schubert hat in den letzten Jahren die Passanten mit vielen Überschriften aus Printmedien, mächtig aufgeblasen, konfrontiert. Als „Schriftliche Interventionen“ – und damit auch Irritationen – dienten unter anderem die Frage „Weißt du noch?“ und die Aufforderung „Sag was!“

Dichtes Geflecht

Für ihre Animationsarbeit „Tele-Dialog“ verwendete Veronika Schubert Wortgefechte in desolaten Paarbeziehungen, ausgestrahlt im Tagesprogramm diverser Fernsehsender: Bedeutungsschwere Beziehungsarbeit wurde, wie es Andrea Van der Straeten ausdrückte, „mit bienenfleißiger Handarbeit zu einem dichten Geflecht aus Phrasen und Maschen verwoben“. Bei Veronika Schubert ist alles miteinander zu einem großen Ganzen verwoben: Es geht immer, auch in den aufwendigen Trickfilmen beziehungsweise Videos, um Sprache, um den „Wortschatz unserer Kämpfe“, wie Martin Walser ein Buch mit Phrasen, Dialogen und natürlich auch Monologen genannt hat.

Leider ist der Coronavirus auch ihr in die Quere gekommen. Im März hätte ihr neues Video bei der Kurzfilmwoche Regensburg und beim Festival Tricky Women gezeigt werden sollen. In „Contouring“ nimmt sie den grassierenden Schönheitswahn und das Influencen aufs Korn. Die Arbeit, eine Collage auf Bild- wie Textebene, endet mit: „Please, stop it right now!“

Der Ausruf wäre gut auch in der gegenwärtigen Situation einsetzbar. Der KURIER bat Veronika Schubert jedenfalls um „Schnipselbilder“ zum Thema Coronavirus.

 

Teil 1, veröffentlicht am 26. März, ist ein Kommentar zu den wiederholten Mahnungen der Bundesregierung, die Ausgangsbeschränkungen ernst zu nehmen. Und auch Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin sagte: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.“

Teil 2, veröffentlicht am 27. März, beschäftigt sich mit der Aufforderung, die Wohnung nur aus triftigen Gründen zu verlassen. Stricken kommt übrigens wieder in Mode. 

Teil 3, veröffentlicht am 28. März, thematisiert die Weisung der Regierung, Distanz zu halten, um eine Tröpfcheninfektion zu vermeiden. Ob das "Bussi aufs Bauchi" eine Möglichkeit wäre? 

Teil 4, veröffentlicht am 29. März, spricht den Menschen aus der Seele, die tatenlos daheim herumsitzen müssen. In den sozialen Medien kursiert ein Cartoon, der dem Nichtstun eine positive Seite abgewinnen kann: "Früher habe ich einfach so hier rumgesessen ...", sinniert ein herumlungernder Mann, "heute rette ich Leben."

Teil 5, veröffentlicht am 30. März, greift das Thema Hamstern auf. Laut einem Bericht in der "Zeit im Bild" gerade in Deutschland sehr aktuell: Kein Klopapier in den Regalen...

Teil 6, veröffentlicht am 31. März, bezieht sich auf die Verordnungen der Regierung - "aus gegebenem Anlass". Händewaschen gehört längst zum Programm, nun kommt das Tragen des Nasen-Mund-Schutzes hinzu... 

Teil 7, veröffentlicht am 1. April, setzt sich mit dem Nasen-Schutz-Mund auseinander, den man nun in Supermärkten tragen muss. Über soziale Netzwerke werden Schnittbögen verschickt, viele nähen die Behelfsschutzmaske - für sich und andere. 

Teil 8, veröffentlicht am 2. April, thematisiert Möglichkeiten der Zerstreuung in Quarantäne - neben Heim- und Hausarbeit. Kochen hat an Bedeutung gewonnen.

Teil 9, veröffentlicht am 3. April, lässt die Verzweiflung anklingen. Die Zahl der Arbeitslosen hat einen Rekordstand erreicht. Und der Bundespräsident bittet in einer berührenden Rede, die Krise gemeinsam zu bewältigen: "Wir kriegen das schon hin!"

Teil 10, veröffentlicht am 4. April, hinterfragt die Durchhalteparolen. Die Bevölkerung ist seit fast drei Wochen mit Ausgangsbeschränkungen konfrontiert.

Teil 11, veröffentlicht am 5. April, macht einfach Mut - mit einer liebevollen Botschaft an die Mutter in der Ferne

Teil 12, veröffentlicht am 6. April, verbalisiert unter dem Titel "Familienbetrieb" die Sorgen der vielen Unternehmer, die nicht wissen, wie es je weitergehen kann. 

Teil 13, veröffentlicht am 7. April, versucht die gegenwärtige Stimmung aufzufangen; mittlerweile haben Menschen Angst, auf der Straße anderen Menschen zu begegnen. Die Bilder aus Oberitalien und New York erschüttern.

Teil 14, veröffentlicht am 8. April, thematisiert unter dem Titel "Tapfer" die angespannte Situation: Die Ausgangsbeschränkungen nehmen und nehmen kein Ende, mitunter liegen die Nerven blank. 

Teil 15, veröffentlicht am 9. April, beschäftigt sich mit all den Menschen, die vor der Wirklichkeit fliehen wollen. Zumindest die Tulpen blühen.  

Teil 16, veröffentlicht am 10. April, würdigt die Heldinnen des Alltags: die Pflegerinnen, die Krankenschwestern und so weiter. 

Teil 17, veröffentlicht am Karsamstag, 11. April, trägt den Titel "Tod": Weltweit sterben immer mehr Menschen qualvoll am Coronavirus.

Teil 18, veröffentlicht am Ostersonntag, 12. April, bietet unter dem Titel "Leben" ein Argument, warum die Wirtschaft derzeit das Nachsehen hat.

Teil 19, veröffentlicht am Ostermontag, 13. April, verbalisiert die Verunsicherung: Auch wenn nun Geschäfte aufsperren dürfen, ist die Zukunft ungewiss - und die Sorge groß. 

Teil 20, veröffentlicht am 14. April, verleiht unter dem Titel "Alles" unserer Verwunderung Ausdruck: Noch immer können wir nicht recht glauben, was um uns passiert. 

Teil 21, veröffentlicht am 15. April, trägt den Titel "Warten": Nur mit Abwarten in der Selbstisolation läßt sich die Ausbreitung des Virus verhindern. 

Teil 22, veröffentlicht am 16. April, thematisiert Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit: Hunderttausende zum Nichtstun verdammt. 

Teil 23, veröffentlicht am 17. April, spricht die häusliche Gewalt (verbunden mit Alkoholismus) an, die aufgrund der Ausgangsbeschränkungen zunimmt.

Teil 24, veröffentlicht am 18. April, spricht so mancher unfreiwilligen "Hausfrau" (so der Titel) aus der Seele, der "das bisschen Haushalt" gehörig auf die Nerven geht. 

Teil 25, veröffentlicht am 19. April, macht Mut - und läßt auch Resignation anklingen: Nun sind bereits fünf Wochen der Selbstisolation hinter uns. 

Teil 26, veröffentlicht am 20. April, spielt darauf an, dass aufgrund der erzwungenen Ordnung (mit Ausgangsbeschränkungen und Veranstaltungsverboten) nicht "alles in Ordnung" ist; aber viele Menschen haben genug Zeit, zu Hause endlich Ordnung zu machen ...

Teil 27, veröffentlicht am 21. April, thematisiert die ungeheuren Kosten des Shutdowns: Die Regierung versprach, niemanden zurückzulassen. Doch wie soll das gehen? 

Teil 28, veröffentlicht am 22. April, geht der Frage nach dem behaupteten "Wir" nach: Die Grenzen sind geschlossen, nur gemeinsam gelinge der Sieg über das Virus

Teil 29, veröffentlicht am 23. April, tröstet unter dem Titel "Kuchen" über die Entbehrungen in der Selbstisolation hinweg - mit einem kleinen Dialog.

Teil 30, veröffentlicht am 24. April, gibt unter dem Titel "Ausgang" die gegenwärtige Stimmung wieder: "Auf geht's! Bloß wie?"

Teil 31, veröffentlicht am 25. April, sagt einfach Danke - der Regierung und den Mitmenschen. Die Zahlen zur Epidemie geben Anlass zur Hoffnung. 

Veronika Schubert bietet die Edition zum Kauf an, die Auflage beträgt 10 + 1 Stück. Kontakt: www.veronika-schubert.at