Einer der vielen fahrenden Bäcker auf Sri Lanka - hier in Galle

© Thomas Trenkler

Kultur
03/22/2020

Der Beitrag der Bäcker von Sri Lanka zum Beethovenjahr

Trenklers Tratsch: Zu Hause kann man sich eine müde "Fidelio"-Inszenierung anschauen. Oder an "Elise" fern der Heimat denken

von Thomas Trenkler

Wir knacken die Eiweißhülle des Coronavirus, da bin ich mir sicher. Einstweilen aber müssen wir fernsehen. Im ORF gab es Freitagnacht Beethovens „Fidelio“ als Stehpartie ohne Inszenierung (Christoph Waltz) in einem von M.C. Escher inspirierten, sicher sauteuren Treppenhaus-Bühnenbild.

Schwamm drüber. Ich erzähle Ihnen lieber eine Geschichte aus dem Urlaub. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Wahnsinn ausgebrochen ist, flog ich mit meiner Frau nach Sri Lanka. Wann immer es möglich war, fuhren wir mit den Zügen, die wohl noch aus der Kolonialzeit stammen. Zunächst ging es nach Anuradhapura, eine einst stolze Königsstadt.

Taschenrechner-Version

Nach der Besichtigung der alten Anlagen und Stupas genehmigte ich mir auf der Terrasse vor unserer Unterkunft – mit Blick auf ein grellgrünes Reisfeld mit dahinter untergehender Sonne – ein Gin-Tonic. Und plötzlich vernahm ich von der Ferne Bruchteile einer vertrauten Melodie. Eines Kinderliedes? Nein, eines Liedes, das Kinder ohne Empathie in die Klaviertasten hauen. Ich grübelte.

Am nächsten Tag vernahm ich die Melodie wieder. Nun war es klar: Ich hörte „Für Elise“ von Beethoven in einer primitiven Taschenrechner-Version, wie man sie vor Jahrzehnten, wenn man am Telefon wartete, in Dauerschleife hören musste.

Ludwig van Beethoven hatte das rondoartige Stück 1810 geschrieben. Der verschollene Autograph soll die Aufschrift getragen haben: „Für Elise am 27 April zur Erinnerung von L. v. Bthvn“. Die Wissenschaft ist sich uneins, wer denn diese Elise gewesen sein könnte. Mich hingegen beeindruckte beim Lesen des Wiki-Eintrags, dass der Komponist seinen Namen auf die Konsonanten verkürzte. Diese Methode kannte ich bisher eigentlich nur von der Subway in NY. Und noch mehr verblüffte mich, „Für Elise“ in diesem wunderschönen Sri Lanka zu hören. Nicht nur in Anuradhapura, sondern allerorts.

„Assault – Anschlag bei Nacht“

Wenn sich die Melodie aus der Ferne näherte, rannte ich über Treppen und Gänge auf die Straße. Und schon war sie wieder verschwunden. Erst in Mirissa kam ich hinter das Geheimnis: „Für Elise“ ist das Erkennungssignal der fahrenden Bäcker. Das erinnerte mich sogleich an den Film „Assault – Anschlag bei Nacht“ von John Carpenter aus 1976. In diesem Thriller fährt ein Eisverkäufer durch leere Straßen – und spielt dazu eine Glockenspiel-Melodie. Diese lockt nicht nur ein blondes Mädchen an, sondern auch einen Outlaw mit Zielfernrohr-Gewehr. Sollten Sie sich anschauen, gibt es auf YouTube!

Auch in Galle stieß ich auf einen fahrenden Bäcker, der den ganzen Tag „Für Elise“ in jämmerlichen Elektroniktönen ausgesetzt war. Ich würde spätestens am zweiten Tag wahnsinnig werden. Die Melodie verfolgte mich auch so schon durch Sri Lanka. Ich fragte den einen oder anderen Taxi-Fahrer, aber keiner wusste, warum die Bäcker „Für Elise“ verwenden.

Und ich sah immer das gleiche ungläubige Gesicht, wenn ich erzählte, dass die Melodie in jener Stadt komponiert wurde, in der ich lebe. Den Namen Ludwig van Beethoven hatte leider keiner je gehört.