Ende November 2017 hatte „Einen blauen Ballon möcht’ ich haben!“ im Burgtheater Premiere. Dann sagte Michael Heltau Adieu

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Interview
04/09/2020

Michael Heltau im Rückblick: „Es ist so, als wäre das nie gewesen“

Der 86-jährige Doyen des Burgtheaters über den Corona-Spuk, die Tücken des Wohlstands und seinen Abschied von der Bühne

von Thomas Trenkler

Am Karfreitag (10. April) startet um Punkt 12 Uhr ein marathonartiger Staffellauf: Rund 120 Künstler und Personen des öffentlichen Lebens lesen in etwa zehn Stunden den Roman „Die Pest“ von Albert Camus. Unter all den bekannten Namen – wie Elfriede Jelinek, Josef Hader, Wolfgang Ambros, Daniel Kehlmann, Klaus Maria Brandauer, Paulus MankerSophie Rois, Kardinal Schönborn – sticht einer ganz besonders hervor: jener des 86-jährigen Burgtheater-Doyens Michael Heltau.

KURIER: Auf Ihrer Website ist als allerletzter Termin die DVD-Präsentation Ihres Programms „Einen blauen Ballon möcht’ ich haben!“ vermerkt. Am 7. 12. 2018.

Michael Heltau: Davor schon, im Frühjahr, hatte ich mit einem Satz aus dem „Rosenkavalier“ Abschied von der Bühne genommen: „Versteht Er nicht, wenn eine Sach’ ein End’ hat?!“

Denn am 29. 12. 2017 war Loek Huisman, Ihr Lebenspartner seit 1953, gestorben. Gemeinsam hatten Sie all Ihre Programme konzipiert.

Und die letzten Programme sind beim Weggehen von Loek entstanden. Das war eine Phase von fünf Jahren. Da hat man da zu sein. Ich habe diese Aufgabe akzeptiert, sehr leidenschaftlich erfüllt. Und ich habe dabei sehr viel, hoffe ich, begriffen. Dafür bin ich dankbar. Wenn ich gefragt werde, ob mir das Bühnenleben nicht fehlt, kann ich sagen: Es ist so, als wäre das nie gewesen.


Doch nun machen Sie beim Marathon „Die Pest“ mit. Wie ist es den Organisatoren gelungen, Sie zu animieren?

Das hat ja nichts mit Schauspielerei zu tun! Veronica Kaup-Hasler, die Kulturstadträtin, und Claus Philipp, ihr Mann, wollen ein Zeichen setzen. Ich hab’ gleich gesagt: „Da mach ich mit!“ Nein, nicht um ein Lebenszeichen von mir zu geben. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Und wenn diese Lesung etwas in den Hirnen der Zuhörer bewirkt, dann ist es schön.

Haben Sie sich die Stelle, die Sie lesen, aussuchen dürfen?

Nein. Nachdem ich zugesagt hatte, dachte ich mir: „Oh Gott, ich hätte sagen sollen, dass ich mir die Stelle aussuchen will. Jetzt ist es halt eine Lotterie!“ Wenn ich mir die Stelle hätte aussuchen können, hätte wieder der Beruf begonnen. Und das will ich doch nicht! Also: Die haben mir die Qual der Wahl erspart. Ich hätte mir ohnedies etwas Ähnliches ausgesucht. Und dann hab’ ich den Text einfach ins iPad gesprochen. Mein Freund, Peter Michael Braunwarth, hat die Aufnahme gemacht. Wir sind seit Langem zusammen, und er ist mir in der schwierigen Zeit mit Loek zur Seite gestanden.

Der Roman endet mit Jubel, weil die Seuche – zumindest vorläufig – besiegt ist. Es handelt sich dabei um einen Bericht eines Arztes, der schildern wollte, „was man in Heimsuchungen lernen kann, nämlich, dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt“.

Ja, herrlich! Albert Camus ist ein großer Humanist! Man sieht das auch an der Krise jetzt: Wie viele Menschen sich anständig verhalten. Und die Regierung ist viel besser, als ich es von ihr erwartet habe. Ich habe sogar einen großen Ärger über die Kommentatoren, wenn sie kritisieren, warum die Politik nicht schon längst dies und das getan hat. Moment einmal! Die Politiker arbeiten rund um die Uhr – bis zur Erschöpfung! Für die Allgemeinheit. Ich jedenfalls unterstelle den Politikern nicht, dass sie das nur aus Geltungsbewusstsein machen. Mir gefällt, wenn der Finanzminister sagt: Koste es, was es wolle. Was ich aber nicht verstehe: Dass man nicht auch ein paar Flüchtlinge aufnimmt. Da würden die Flüchtlingskinder auch nicht ins Gewicht fallen. Da müsste man nicht so kalt sein. Was die Griechen mit den Lagern auf Lesbos auf sich genommen haben! Da wäre mehr Solidarität wünschenswert.

„Die Pest“, 1947 veröffentlicht, ist ja auch eine Parabel auf den Zweiten Weltkrieg. Und jetzt, in der Corona-Krise, zieht man immer wieder Analogien zu damals. Was meinen Sie? Sie waren bei Kriegsende zwölf.

Es gibt einen großen Unterschied zu damals: Das ist der Wohlstand. Wohlstand war ein Fremdwort, das kam bei Eichendorff oder Fontane vor. Es war erfahrener und gelebter Notstand. Ich erzähle immer wieder eine Geschichte, die von Peter Altenberg sein könnte: Meine zwei Jahre jüngere Schwester hat in den frühen 50er-Jahren ein Stück Palmolive-Seife zum Christkind geschenkt bekommen. Am Heiligen Abend wurde die Seife in der Familie herumgereicht, wir alle haben an ihr gerochen. Und dann sagte meine Schwester: „Aber waschen tu ich mich damit nicht!“ In der Nachkriegszeit gab es aber auch ununterbrochen Chancen. Und es war eine Zeit, die die Phantasie beflügelt hat. Es gibt es auch heute die Chance, etwas aus unserer Zeit zu lernen, die wahrscheinlich länger dauern wird, als wir möchten. Eben weil man noch nie so viel Zeit für einander hatte. Eltern haben ja, wenn beide berufstätig sind oder sein müssen, oft nicht sehr viel Kontakt zu den Kindern. Nun müssen sie ganz neue Erfahrungen machen.

Sieht die Kriegsgeneration die Situation gelassener?

Was macht man, wenn man ständig die Risikogruppe ist? Ich war die Risikogruppe schon von Anfang an. Denn ich wurde am 5. Juli 1933 (ein halbes Jahr nach der Machtübergabe an Adolf Hitler, Anm.) geboren. Der Vorteil: Man kommt nicht aus dem Training. Wäre ich einer jener Menschen, die sich der Spaßkultur ausgeliefert, eine Kreuzfahrt nach der anderen gebucht hätten, dann wäre ich in dieser Ausnahmesituation ein armer Teufel.

Es gibt jetzt ein Veranstaltungsverbot – vorerst bis Saisonende. Was bedeutet das für das Theater?

Das ist – auf Dauer – eine Katastrophe. Für das Publikum und die Schauspieler. Ich kann mich noch gut erinnern: Nach dem Krieg, als das Burgtheater noch im Ronacher spielte, sah ich als Reinhardtseminarist den selten gespielten Grillparzer „Ein treuer Diener seines Herrn“. Auf dem Stehplatz standen junge Leute wie ich – und viele „Risikogruppen“. Und es gab eine Identifikation mit dem, was auf der Bühne passierte. Dieser Kraft der Identifikation gebe ich, wenn der Spuk vorbei ist, eine Chance. Die Chance, dass das Wichtige vom nicht so Wichtigem geschieden wird. Giorgio Strehler sagte immer, dass beim Theater zu viel Geld verderben würde. Er hat daher ein „armes Theater“, das teatro povero, gemacht. Ja, es gibt jetzt große Verluste. Aber man kann beim Aufwand, beim Drumherum sparen! Es braucht nur die Texte. Und die Schauspieler! Und wenn nicht genug Papier für die Dekorationen vorhanden ist, dann eben ohne Dekorationen. Der riesige Aufwand mit den Bühnenbildern: Das ist zwischendurch ganz lustig. Aber bitte nicht andauernd!

Nun zeigen alle Theater im Internet Aufzeichnungen. Kann das ein Ersatz sein?

Nie und nimmer! Das ist nur ein Blättern im Familienalbum! Im Laufe meines Lebens wurde vieles aufgezeichnet. Und manches ist nicht so arg geworden, wie ich befürchtet hatte. „Man spielt nicht mit der Liebe“ von Jean-Pierre Ponnelle oder „Kinder der Sonne“ von Achim Benning zum Beispiel ist anständig geworden. Aber Aufzeichnungen sind für mich nur ein Beweis für das absolut Einmalige des lebendigen Augenblicks. 

Eine Frage hätte ich noch. Eigentlich heißen Sie Michael Heribert Huber. Warum haben Sie als Künstlernamen eine Stadt in Siebenbürgen gewählt?

Den Namen habe nicht ich gewählt. In Ingolstadt lernte ich die Erna Labitzky kennen. Sie war ein Flüchtling aus Karlsbad. Sie sprach den Zwölfjährigen an, als ich in die Auslage einer Buchhandlung starrte. Sie hat sich mit unserer Familie angefreundet. Sie hat viel von Wien erzählt. Denn sie war jedes Jahr im Winter in Wien gewesen, andauernd im Burgtheater oder in der Josefstadt, in der Staatsoper oder im Musikverein. Sie erzählte mir von Joseph Roth und borgte mir Bücher. Durch sie fing ich an, in der katholischen Jugend Theater zu spielen. Und als ich mich dann am Max-Reinhardt-Seminar bewerben wollte, sagte sie: „Es wäre schön, wenn Du Dich Michael Heltau nennen würdest.“ Meine Mutter und meine ältere Schwester waren dabei, wir drei haben sehr gelacht. Aber der Name blieb. Und vom Seminar aus habe ich mir Wien erliebt.

 

Die Pest in der Literatur:

Daniel DefoeDer Autor des Romans „Robinson Crusoe“ erlebte die „Große Pest“ 1665  fünfjährig in seiner Geburtsstadt London. Die Aufzeichnungen seines Onkels dienten ihm vermutlich als Grundlage für seinen fiktiven Bericht „Die Pest zu London“.

Albert Camus: Seinen 1947 veröffentlichten Roman „Die Pest“ leitet Albert Camus mit einem Zitat von Daniel Defoe ein. Er schildert den Ausbruch der Epidemie in der algerischen Stadt Oran – und die Entwicklungen bis zum „Sieg“ über die Pest im Laufe eines Jahres in den 1940ern. 

Die Marathon-Lesung: Am Karfreitag, 10. April, beginnt um 12 Uhr die von Claus Philipp, Thomas Gratzer (Rabenhof)  und anderen organisierte Lesung von „Die Pest“, gestreamt auf fm4.orf.at