Brach einst als Erste in die Männer-Domäne Regie ein: Andrea Breth

© Breth/Bernd Uhlig

Interview
03/14/2021

Regisseurin Breth: "Im Sprachgebrauch der Regierung gibt es das Wort Kultur nicht“

Andrea Breth über ihre Inszenierung der Oper „Der feurige Engel“, den Burgtheaterdirektor und die Auswirkungen der Pandemie

von Thomas Trenkler

Eigentlich hätte „Der feurige Engel“ von Sergei Prokofjew am 16. April 2020 im Theater an der Wien Premiere haben sollen. Daraus wurde coronabedingt nichts. Elf Monate später wagte Intendant Roland Geyer einen neuen Versuch. Erfolglos. Die Premiere findet nun am Montag trotzdem statt. Für die Kameras. Damit es zumindest eine TV- und DVD-Produktion gibt.

Sie ist mit Ausrine Stundyte als Renata und Bo Skovhus als Ruprecht prominent besetzt. Gesungen wird auf Russisch. Und das ist gut so. Denn der Text ist platt, die Handlung verworren: Renata wollte von einem Engel namens Madiel, mit dem sie innig verbunden war, Sex. Daraufhin nahm dieser die Gestalt des Grafen Heinrich an. Nun ist sie auf der Suche nach ihm. Sie findet ihn, Ruprecht fordert ihn zum Duell und wird verletzt, Renata geht ins Kloster, die Äbtissin ruft einen Inquisitor, der Exorzismus gerät außer Kontrolle, Faust und Mephisto beobachten amüsiert das Geschehen.

Andrea Breth, die große Regisseurin, kann über den „Quatsch“ nur den Kopf schütteln.

 

KURIER: Im Jänner 2020 hatte Ihre Inszenierung von Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“ in Berlin Premiere, wenig später begannen Sie mit „Der feurige Engel“. Aber …

Andrea Breth: ... nach 14 Tagen mussten die Proben eingestellt werden.

Waren Sie wütend? Oder enttäuscht?

Nein. Aufgrund der Pandemie war klar, dass man einen solchen Schritt machen musste. Dringend! Mein persönliches Empfinden war nicht vorrangig. Auf das Virus wütend zu sein, ist sinnlos.

Bei Ihrer fulminanten Inszenierung von „Schuld und Sühne“ 2008 haben Sie einen Titel verwendet, der näher am Original ist: „Verbrechen und Strafe“. Eine ähnliche Problematik gibt es hier: „Der feurige Engel“ könnte der „Engel aus Feuer“ sein.

Entgegen meiner sonstigen, beinharten Regeln, was die Vorbereitungen angeht, war es mir in diesem Fall nicht so wichtig, wie der Titel lautet. Weil ich große Probleme mit dem Libretto habe. Man versteht nur Bahnhof. Ich habe mich naturgemäß auch durch die Vorlage, den Roman von Waleri Jakowlewitsch Brjussow, gequält. Wenn Sie nach Wut fragen: Beim Lesen des Romans kriegt man sie! Das ist ein symbolistischer Quatsch! Ich habe mich gewundert, dass sich ein so großartiger Komponist wie Prokofjew derart dafür interessiert hat.

Was hat Sie dann bewogen, die Oper zu inszenieren?

Die Musik. Die finde ich atemberaubend. Es ist auch nicht meine erste Prokofjew-Inszenierung. Ich habe in Amsterdam „Der Spieler“ gemacht – mit größtem Vergnügen.

Sie sind immer sehr gewissenhaft in der Vorbereitung.

Ja, ich schaffe viele Informationen ran, bevor ich antrete. Wussten Sie, dass Prokofjew am gleichen Tag wie Stalin starb? Am 5. März 1953. Er hat vielleicht gar kein würdiges Begräbnis bekommen, weil alle zu jenem von Stalin rennen mussten.

Haben Sie sich auch mit älteren Inszenierungen – etwa von Christine Mielitz 1995 an der Volksoper oder von Barrie Kosky 2015 in München – beschäftigt?

Mir ist lieber, wenn ich unbelastet eintauche. Was soll man sich von anderen Inszenierungen nehmen? Man sieht vielleicht, wo die Problematik liegt. Aber das weiß man ohnedies. Ich habe nur die Zürcher Inszenierung von Calixto Bieito gesehen.

Weil Ausrine Stundyte auch dort die Renata sang?

Ja. Ich habe – bei allem Respekt für die Produktion – nichts verstanden. Ich fragte mich: Was will sie mir erzählen? Und ich fragte Ausrine: Was war Euer Thema? Sie sagte: Frag mich nicht!

Vor einem Jahr bezeichneten Sie „diese Sehnsucht von Renata, mit Männern zusammen zu sein, auch körperlich“ als „eine schwere psychotische Geschichte“. Wie gehen Sie damit um?

Ich dachte mir, ich mache eine Setzung – und erzähle innerhalb dieser Setzung eine Geschichte. In der Hoffnung, dass die Zuschauer es gar nicht wichtig finden, das Libretto in der deutschen Übersetzung mitzulesen.

Man wundert sich über die vielen banalen Sätze. Oder haben Sie eine Passage gefunden, die herausragt?

(Schmunzelt.) Nein, keine einzige. Aber es ist mir auch wurscht, was die Figuren reden! Peter Brook ist mit seinen Aufführungen nach Afrika gegangen. Sein Maßstab war, ob die Menschen dort etwas damit anfangen können. Das gilt auch in diesen Fall. Ich hoffe, dass die Zuschauer emotional etwas verstehen. Schlimm wäre, wenn sie sich langweilen würden.

Mit „Setzung“ meinen Sie, dass Sie eine Situation geschaffen haben?

Ja. Ich habe eine schlimme Welt gebaut, wo das Leben ein Albtraum ist. In einer Psychiatrie. Nicht hyperrealistisch, es gibt Verfremdungen. Aber die Psychiatrie ist ablesbar.

 

Sie arbeiten gerne mit dem Bühnenbildner Martin Zehetgruber zusammen. Haben Sie Wünsche geäußert?

Es gibt schon eine Bildvorstellung von mir, aber ich sage ihm nicht, was ich haben will. Denn dann bräuchte ich ihn ja nicht. Wir sind die Oper durchgegangen, mussten aber gar nicht so viel darüber sprechen. Weil wir uns schon so lange kennen.

Sie visualisieren die Gedankenwelt von Renata?

Es geht um die Dinge in ihrer Fantasie, die sie bedrängen, bedrohen. Natürlich kommt auch ein „Engel“ vor. Aber nicht nur die Renata ist von diesen Vorstellungen angehaucht, sondern die gesamte Welt, in der die Oper stattfindet. Selbst die Ärzte sind manchmal „nicht richtig gebacken“. Und auch die Wahrsagerin ist eine Insassin dieser Klinik. Aber ich stelle die Figuren nicht als Zoo aus. Es ist eine Abbildung der Welt, wie ich sie heute empfinde.

Hat sich diese Weltsicht im letzten Jahr geändert?

Eigentlich nicht. Wir leben seit geraumer Zeit in einer sonderbaren Welt. Ich gehöre nicht zu diesen schwachsinnigen Verschwörungstheoretikern, aber es kommt einen schon ein bisschen biblisch vor, was alles passiert. Die Naturzerstörung, die Kriege und so weiter…

Wie empfinden Sie den Umgang mit der Pandemie?

Einer Regierung die Einschränkung der Freiheit vorzuwerfen, finde ich dünn. Man sieht doch den Grad der Gefährdung an den Zahlen! In anderen Ländern, zum Beispiel in Belgien, wird sehr scharf reagiert, in Österreich eigentlich nicht. Hier ist vielen egal, ob die Menschen mit Masken oder nicht rumlaufen. In den Geschäften mit den engen Gängen zwischen den Regalen kann der Abstand von zwei Metern nie eingehalten werden. Da frage ich mich schon: Gehen die Politiker, die solche Beschlüsse fassen, nie selber einkaufen? Es ist wirklich absurd! Und es können nicht 50.000 Leute über ein Thema entscheiden! Stellen Sie sich einmal vor, ich müsste jeden Zug auf der Bühne mit 80 Leute diskutieren. Da würde der Schauspieler nie auf die Bühne kommen! Es muss jemand die Entscheidung treffen.

Wie war denn die Wiederaufnahme der Proben nach so langer Zeit?

Wir hatten ein bisschen Angst davor. Aber die war unbegründet. Ich begann mit einem Akt, den ich noch nicht probiert hatte – und merkte, dass das zu den anderen passte. Die Proben waren unheimlich spielerisch, gut gelaunt, ohne Druck. Vielleicht auch deshalb, weil alle froh waren, dass man was machen konnte. Ich kann sagen: Ich steh‘ zu dieser Arbeit.

Obwohl es die Premiere nur für die Kameras gibt.

Man gibt sich jeden Tag Mühe. Die Arbeit dann überhaupt nicht zu zeigen? Das wäre schade. Es wird wenigstens eine DVD geben. Denn dieses Streaming ist ja …

Furchtbar?

Ganz furchtbar! Es ist der künstlerische Niedergang. Die Staatsoper ist sehr rührig. Man kann sagen: Wenigstens machen die was! Denn von vielen Häusern krieg’ ich gar nichts mit. Und was man dann sehen kann, ist oft grauenhaft. Das Theater ist nun mal die Totale. Und Theater ist das miteinander Erlebte.

 

Ist es nun bedroht?

Herr Geyer befürchtet, dass sich das Publikum entwöhnt, dass die Kultur aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwindet. Ich habe diese Befürchtung nicht. Aber was auffällig ist: Dass es im Sprachgebrauch der Regierung das Wort „Kultur“ nicht gibt. Warum kann man zum Friseur gehen, obwohl es dort unmöglich ist, den Abstand einzuhalten? Aber nicht ins Theater, obwohl dort die Maßnahmen unglaublich gut organisiert sind?

Manche hoch subventionierten Theater scheinen aber gar nicht spielen zu wollen.

Sie verdienen sich ja eine goldene Nase, wenn sie nicht spielen. Durch die Kurzarbeit. Und sie verhalten sich unsolidarisch. Gäste, die sie ansonsten für das Namedropping brauchen, haben nichts oder nicht viel gekriegt. Viele freischaffende Künstler sind in einer schwierigen Situation. Und dann hört man von einem Intendanten, dass es ihm im Lockdown großartig ging – auf Mauritius. So unverschämt zu sein und das zu erzählen, weil man sich abgesichert fühlt: Das ist das Hinterletzte!

Der Burgtheaterdirektor soll viel Zeit in Kärnten verbracht haben. Er hat verfügt, dass Sie nicht mehr inszenieren dürfen. Warum? Sie haben ja eine tolle Arbeit nach der anderen abgeliefert.

Meine Aufführungen waren immer voll! Ich habe Verständnis, wenn jemand neu anfängt und andere Namen haben will. Aber dass er mich nicht will, habe ich auf eine Art und Weise erfahren, die ich indiskutabel finde. Er hat es ausrichten lassen. Um sich eine Hintertür offenzulassen: Falls ich „die“ doch noch mal brauche. Das ist respektlos, unwürdig, ohne Anstand.

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