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Interview
12/03/2019

Regisseurin Andrea Breth sieht „eine grenzenlose Verrohung“

Die Regisseurin über Theater und Gesellschaft, über Ibiza, „Ich-AGs“ und das gute Benehmen. (Von Susanne Zobl)

„Wenn Kultur wegbricht, wird der Platz frei für Gewalt“, sagte Regisseurin Andrea Breth bei der heurigen Nestroy-Verleihung, bei der sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. „Dann wird es nur noch eine Generation von Idioten geben.“

Im KURIER-Interview spricht Breth nun über ihren Abschied vom Burgtheater, über #MeToo und Rechtsextremismus. Und über die Stärken des Theaters.

KURIER: Sie sagten in Ihrer Dankesrede, dass Sie über die Ehrung mit dem Preis für Ihr Lebenswerk erschrocken waren. Wie gefällt Ihnen diese Würdigung?

Andrea Breth: Sie freut und erschreckt mich, denn ich lebe noch, aber es scheint nicht so zu sein, dass man seine Beerdigung vorbereiten muss, wenn man diesen Preis bekommt.

Bei Ihrem Vorgänger war das nicht der Fall. Peter Handke bekam ein Jahr nach dem Nestroy- den Nobelpreis.

Diese Gefahr besteht bei mir nicht, da ich nicht schreibe.

Was sagen Sie dazu, dass die Debatte um Handke nicht abreißt?

Das ärgert mich. Was ein Mensch privat denkt und macht, kann man doch nicht mit der Literatur, die er schreibt, vermischen. Seine politische Auffassung kann man teilen oder nicht, aber ich habe jetzt keine Lust, darüber zu sprechen.

Weshalb haben Sie nie ein Stück von Handke inszeniert?

Weil ich zu seinen Texten keinen Zugang finde. Auch Nestroy und Raimund inszeniere ich deshalb nicht.

Sie haben das Burgtheater 20 Jahre lang mit Ihren Inszenierungen geprägt. Martin Kušej, der neue Direktor, verzichtet auf Sie. Stimmt es, dass er Ihnen das per eMail ausrichten ließ?

Herr Kusej hat mir gar nichts geschrieben. Die amtierende Intendantin, Frau Bergmann, hat den Vertrag nicht verlängert. Das ist juristisch in Ordnung. Dass eine neue Intendanz alles neu machen möchte, verstehe ich auch, aber das Benehmen von Herrn Kušej ist befremdlich. Denn wir kennen uns. Als ich „Ratten“ (von Gerhart Hauptmann, Anm.) inszenierte, war er im Haus. Es wäre nicht schwierig gewesen, mich zu treffen. Es ist auffällig, dass die Frage nach dem Benehmen keine große Rolle mehr spielt. Ich stelle eine grenzenlose Verrohung fest: Unhöflichkeit, Unachtsamkeit, Respektlosigkeit. Das ist langsam bedrohlich. Nicht umsonst sind Begrifflichkeiten, wie das fatale Wort „Ich-AG“ aufgetaucht. Die Menschen leben mit ihren Computern in ihren eigenen Welten. Die Individualität geht verloren.

Früher war das Burgtheater bekannt für Aufführungen, von denen man wusste, dass sie nur an diesem Haus in dieser Art entstehen konnten. Was ist da geschehen?

Es gab einmal ein Burgtheaterensemble. Es gab Regisseure, die ausschließlich an diesem Haus inszeniert haben. Das habe ich auch gemacht. Außer an der Burg inszenierte ich nur Opern und Koproduktionen. Ich machte das gern, weil ich einen Stamm von Schauspielern hatte. Und weil wir uns kennen, sind wir zu besseren Ergebnissen gekommen. Wenn aber die Theater Durchgangsbahnhöfe werden, entsteht eine Art von Beliebigkeit. Es ist heute schwierig, Schauspieler ausschließlich an ein Haus zu binden. Wenn sie Film machen, verdienen sie sehr gut. Das aber können die Häuser nicht bezahlen. Ich weiß nicht, wie Herr Kusej mit diesem Problem umgehen wird.

Welche Möglichkeiten hat das Theater, auf politische Ereignisse zu reagieren?

Jeder Mensch ist von der Zeit, in der er lebt, geprägt. Jeder nimmt die Umwelt täglich anders wahr. Und daraus entstehen bei mir Stücküberlegungen. Wenn ich glaube, dass etwas in einem Kunstwerk eingebettet ist, und ich dieses Kunstwerk zeige, hoffe ich, dass sich der eine oder andere Zuschauer Gedanken macht. Aber jetzt gibt es auch andere Methoden. Wenn ein Regisseur Flüchtlinge auf die Bühne holt und sie von ihrem Leben erzählen lässt, was tatsächlich geschehen ist, finde ich das künstlerisch uninteressant. Die Realität auf dem Theater abzubilden, funktioniert nicht. Das Theater ist eine Kunstform. Da geht es um andere Fragestellungen. Ich möchte, dass man das Unsichtbare sichtbar und das Sichtbare unsichtbar macht.

Was ist mit dem Rechtsruck?

Das Problem ist, dass die bürgerlichen Parteien alles dazu beitragen, dass die Rechten so übermächtig werden. Täglich sind wir mit Aberwitzigkeiten konfrontiert: Altenpfleger, die dringend gebraucht werden, sind schlecht bezahlt. Junge Ärzte verdienen weniger als das, was Flüchtlingsfamilien bei ihrer Ankunft bekommen. Wenn das so bleibt, darf man sich nicht wundern, wenn eine Rechtspartei an die Macht kommt. Wenn diese Ibiza-Geschichte nicht gewesen wäre, wäre das auch hier schlimm ausgegangen.

Sie haben zweimal Kleists „zerbrochenen Krug“ inszeniert. Wäre das nicht heute der ideale Beitrag zur #MeToo-Debatte?

Nein. Aber ich habe mich gefragt, weshalb sich die Damen nicht früher gemeldet haben. Die #MeToo-Debatte verkommt zu einem Modethema. Es sind nicht immer nur die Männer Schuld. Die Debatte sollte vielschichtiger und genauer geführt werden.

Was ist mit dem Sprechtheater passiert?

Sprechtheater verlangt eine gewisse Könnerschaft: man muss Sprechen und Denken können. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Sprache ein Ausdruck des Denkens ist. Und wenn das verweigert wird, hört man nur Gequatsche. Ich halte nichts davon, Schiller oder Kleist mit Texten aufzufüllen, die man einmal in ein Tagebuch geschrieben hat. Ich kann auf einer Bühne nicht so tun, als wäre ich in einem Wohnzimmer. Ein Schauspieler muss sich bewusst sein, dass er auf der Bühne mindestens 60 Zentimeter über dem Zuschauer steht. Die Zuschauer sollten hören, dass wir ihnen etwas erzählen wollen. Man sagt, das Publikum sei nicht in der Lage, mehr als 90 Minuten aufzunehmen. Ich kann das von meinen Aufführungen nicht behaupten. Meine „Hamlet“ Inszenierung dauerte sechs Stunden, meine „Ratten“ waren auch keine Kurzveranstaltung, aber die Zuschauer sind geblieben. Es scheint ein Bedürfnis, nach diesen Erzählungen zu geben. Aber die Theaterleute vertrauen nicht darauf.

Verarmt die Sprache?

Ich bekomme schlechte Laune, wenn ich sehe, wie Sprache immer mehr verarmt. Das heißt, dass auch das Denken immer flacher wird. Ich kann es nicht ertragen, wenn man sagt, „ich gehe shoppen“ oder „brunchen“. Wenn das so weitergeht, wird man Kleist bald nicht mehr verstehen. Und wenn man behauptet, dass die deutsche Sprache reich ist, wird man sofort als rechtslastig eingestuft. Aber ich bin der Meinung, dass man das Publikum fordern muss. Damit habe ich bisher recht behalten und werde es weitermachen.