Kultur
14.03.2013

Abspecken im Diät-Camp mit Schokoriegel

Der dritte Teil von Ulrich Seidls Trilogie ist ein Film über Teenager, sehr überraschend und luftig.

Ein trauriges Mädchen namens Melanie ruft ihre Mutter am Handy an und spricht ihr auf die Mailbox. Sie hoffe, die Mama habe viel Spaß bei ihrem Urlaub in Kenia. Wer die „Paradies“-Trilogie von Ulrich Seidl mitverfolgt hat, der weiß, dass Melanie die Tochter jener Frau ist, die in „Paradies: Liebe“ auf Sexurlaub fährt. Und dass die Katholikin Maria, die sich in „Paradies: Glaube“ aus Liebe zu Gott geißelt, die Tante der Teenagerin ist.

„Paradies: Hoffnung“, Seidls dritter und letzter Teil des „Paradies“-Zyklus, ist der überraschendste und luftigste Teil der Trilogie. Und in gewisser Weise auch der lebendigste und wärmste. Im Zentrum steht eine Gruppe von Jugendlichen, die in einem Diätcamp am Land abspecken soll. Allerdings verwechselt die Leitung des Camps Abnehmen mit Militärdienst und kommandiert sie mit Trillerpfeife im Kreis herum: „Traben wie die Lipizzaner!“ befiehlt ein komisch-grausamer Michael Thomas in seiner Rolle als Sportlehrer. Doch trotz der Schikanen kichern sich die Teenies durch den Tag, packen in unbeobachteten Momenten die Schoko aus oder tanzen zu schlechter Musik.

Schönheit

Die Schönheit dieser energiegeladenen, oft sehr witzigen Szenen liegt unter anderem darin, dass sich die „dicken“ Mädels keineswegs als besonders dick oder gar hässlich empfinden. Geradezu liebevoll beobachtet Seidl, wie sich die Mädchen gegenseitig in ihrer Identität bestärken und weigern, den disziplinierenden Blick der Umgebung zu übernehmen. Erst als sich Melanie in den älteren Diätarzt verliebt – vorzüglich sardonisch von Joseph Lorenz als Wolf im Schafspelz gespielt –, gerät ihre Welt aus den Fugen. Seidl bewegt sich, und das ist das Tolle an „Paradies: Hoffnung“, nicht in einem fest gezurrten Szenario, sondern reißt sein Erzählgefüge auf. Mit dokumentarischer Kamera beobachtet er die Jungs und Mädels beim Flaschendrehen, Küssen und Kudern und lässt die Dinge immer wieder einfach laufen. Zwar hängen auch hier die Teenager in Reih und Glied an der Sprossenwand. Doch man spürt den Widerstand im Jugendzimmer. „Paradies: Hoffnung“ ist am wenigsten kontrovers und kommt ganz ohne Schockfaktor aus. Dafür ist er auch der freieste Film.

KURIER-Wertung: ***** von *****