Preisregen für Ulrich Seidls "Paradies: Liebe"

ÖSTERREICHISCHER FILMPREIS 2013_SEIDL
Foto: APA/HERBERT PFARRHOFER Ulrich Seidl wurde unter anderem für die "Beste Regie" und den "Besten Film" ausgezeichnet.

Regisseur Ulrich Seidl gewann mit dem ersten Teil seiner "Paradies"-Trilogie die wichtigsten Preise beim dritten Österreichischen Filmpreis.

Ulrich Seidl hat mit "Paradies: Liebe" die Hauptpreise bei der dritten Verleihung der Österreichischen Filmpreise gewonnen. Der erste Teil der "Paradies"-Trilogie, der sechsfach nominiert war, erhielt sowohl die Auszeichnung für den besten Film als auch jene für die beste Regie und die beste Hauptdarstellerin (Margarethe Tiesel). Der siebenfach nominierte Favorit "Grenzgänger" von Florian Flicker erhielt ebenfalls drei Auszeichnungen, jene für das beste Drehbuch durch Flicker selbst und für die beste Kamera (Martin Gschlacht) und beste Musik (Eva Jantschitsch). Als bester Dokumentarfilm wurde "Der Prozess" von Gerald Igor Hauzenberger prämiert. Insgesamt wurden die Filmpreise in 14 Kategorien vergeben.

Merkatz bester Darsteller

"ÖSTERREICHISCHER FILMPREIS 2013": MERKATZ / TIESE Foto: APA/HERBERT PFARRHOFER Karl Merkatz und Margarethe Tiesel mit ihren Darsteller-Preisen. Karl Merkatz wurde bei der erstmals im Festsaal des Wiener Rathauses vor mehr als 1.000 Besuchern abgehaltenen Filmpreisgala für seine Rolle in "Anfang 80" zum besten Darsteller gekürt und mit langem Applaus gefeiert. Margarethe Tiesel, die Hauptdarstellerin aus "Paradies: Liebe", setzte sich in der Kategorie der besten Darstellerin u.a. gegen Martina Gedeck ("Die Wand") und Christine Ostermayer ("Anfang 80") durch.

Ulrich Seidl sagte auf der Bühne weniger, "als ich eigentlich sagen wollte. Dass ich diese Auszeichnung trotz vieler internationaler Preise ausgerechnet hier bekomme, freut mich ganz besonders." Florian Flicker nahm den Drehbuchpreis mit großen Emotionen entgegen und dankte seinen Produzenten, die ihm nach zehn Jahren wieder die Herstellung eines Filmes ermöglichten. Gerald Igor Hauzenberger zitierte anlässlich seiner Doku über den Tierschützerprozess in Wiener Neustadt Kafka: "Wer einen solchen Prozess hat, der hat ihn auch schon verloren."

Der erstmals vergebene Preis für den besten Kurzfilm wurde der jungen Regisseurin Catalina Molina für "Unser Lied" zugesprochen. Die Preisträger erhielten die von VALIE Export gestalteten Skulpturen aus den Händen von Ursula Strauss und Thomas Schubert.

Die Veranstaltung wurde einmal mehr von Drehbuchautor Rupert Henning moderiert. Die Preise werden durch die anonyme Stimmabgabe der knapp 300 Mitglieder der Akademie des Österreichischen Films ermittelt.

Michael Haneke hatte sein international vielfach ausgezeichnetes und fünffach Oscarnominiertes Sterbedrama „Liebe“ zurückgezogen, um seinen Kollegen, die seiner Meinung nach diese Anerkennung mehr brauchen als er, den Vortritt zu lassen.

ORF-Schwerpunkt

Der ORF bietet anlässlich der Preisverleihung einen themenaffinen Schwerpunkt an. So finden am Donnerstagabend gleich zwei TV-Premieren österreichischer Kinofilme sowie eine Bilanzsendung zur diesjährigen Preisverleihung statt.

Gezeigt wird „Atmen“ (20.15, ORFeins), das Regiedebüt von Karl Markovics – gemeinsam mit Barbara Albert der Präsident der österreichischen Filmakademie –, dessen Erstling im letzten Jahr gleich in sechs Kategorien ausgezeichnet wurde. „Atmen“ erzählt in klaren, schönen Bildern von einem jugendlichen Gefängnisfreigänger, der durch seine Arbeit im Bestattungsinstitut ins Leben zurückfindet.

Im Anschluss daran folgt eine Zusammenfassung der Highlights der Preisverleihung (21.55, ORFeins), gefolgt von Michael Glawoggers poetisch-grausamer Doku „Whores’ Glory“ (22.15 ORFeins), die ebenfalls im Vorjahr zwei Preise erhielt.

Ulrich Seidl ist derzeit neben Michael Haneke Österreichs international erfolgreichster Filmemacher. "Liebe", der erste Film seiner Trilogie "Paradies", hatte im Mai 2012 in Cannes seine Uraufführung. Teil 2, "Paradies: Glaube" war im September beim 69. Internationalen Filmfestival von Venedig im Wettbewerb um den Goldenen Löwen vertreten.

Im Bild: Maria Hofstätter als alleinstehende Frau, die das Paradies bei Jesus sucht. Ulrich Seidls Filme sorgen immer wieder für heftige Reaktionen. Bekannt geworden ist der österreichische Filmemacher und Drehbuchautor mit zwischen Dokumentation und Spielfilm oszillierenden Aufrüttlern wie "Models" und "Tierische Liebe" (Bild). Mit "Hundstage", bei dem er "erstmals in die Fiktion gleitete", so Seidl, war der 1952 in Wien geborene Regisseur 2001 zum ersten Mal beim Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig vertreten. Bei der 58. Ausgabe des Filmfestivals gewann er mit "Hundstage" den "Großen Preis der Jury". Diesen Erfolg konnte Ulrich Seidl 2012 mit "Paradies: Glaube" wiederholen. Priester hätte der im niederösterreichischen Horn aufgewachsene Seidl werden sollen, an den Wochenenden schlich er heimlich ins für ihn verbotene Kino: Uschi Glas- und Westernfilme waren erste prägende Filmerfahrungen, sagte er einmal in einem Interview. Seidl studierte in Wien Publizistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte, mit Jobs als Nachtwächter, Lagerarbeiter und als Medikamenten-Versuchskaninchen finanzierte er sein Studium. Erst mit 26 Jahren entschloss er sich, die Filmakademie zu besuchen, die er nach seinem Debüt "Einsvierzig" (über einen Liliputaner, 1980) und dem umstrittenen Film "Der Ball" (1982) frühzeitig wieder verließ. Den Durchbruch schaffte Seidl mit "Good News - Von Kolporteuren, toten Hunden und anderen Wienern" (1990), einer Studie über Straßen-Zeitungsverkäufer und die Welt derjenigen, die die klein-oder großformatigen Blätter von diesen erstehen. Für diesen Film erhielt Seidl den Wiener Filmpreis.  In den Untiefen der unbefriedigten österreichischen Kleinbürger-Männlichkeit wühlte "Die letzten Männer" (1995): Enttäuscht von den emanzipierten österreichischen Frauen, bestellen diese sich Heiratsobjekte aus dem fernen Asien. Seidls Filme überschreiten in ihrer erzählerischen, an den Rand der Selbstschau und -entblößung gehenden Direktheit die Grenzen des konventionellen Dokumentarfilms, in ihrer Hyper-Realität untergraben sie die Fiktionalität des Spielfilms.Bild: "Mit Verlust ist zu rechnen" Wieder an den Nerv der österreichischen Seele ging "Tierische Liebe" (1995), das Porträt eines Teils der österreichischen Gesellschaft voll schrankenloser Leidenschaft - für Tiere. Der Eröffnungsfilm der Diagonale 1995 in Salzburg war heftig umstritten, Kino- und Fernsehboykott standen ebenso im Raum wie die immer wieder laut werdende Kritik an Seidl, er stelle Menschen bloß. In "Models" (1998), einem Streifen über die Sucht nach Karriere und Liebe in der Modelbranche, näherte sich Seidl dem Spielfilm am deutlichsten. Bei dem Film "Zur Lage" machte sich Seidl mit drei anderen Filmemachern (Barbara Albert, Michael Glawogger und Michael Sturminger) auf die Suche nach der politischen Seele Österreichs. Anlass des Projekts war die Bildung der ÖVP-FPÖ-Regierung 2000.  Und dann kam "Hundstage" - eine aus sechs losen Episoden verdichtete Milieustudie hinter den Fassaden kleinbürgerlicher Durchschnittlichkeit, er erzählt von Liebe, Einsamkeit und der Schrecklichkeit des Alltags. Gedreht wurde hauptsächlich mit Laiendarstellern, als Profis standen neben der Hauptdarstellerin Maria Hofstätter (Bild) unter anderem Christine Jirku, Claudia Martini und Georg Friedrich vor der Kamera. Seit "Hundstage" schreibt Seidl seine Drehbücher gemeinsam mit KURIER-Redakteurin Veronika Franz. "Hundstage" erregte die Presse in Venedig wie kaum ein anderer Streifen. "Der Film ist zutiefst beeindruckend. Wer ihn gesehen hat, vergisst ihn nicht mehr, unabhängig davon, ob man den Film liebt oder hasst", befand der Corriere della Sera, und Repubblica sah darin ein "Fragment der reichen österreichischen Gesellschaft, die wie ein authentischer Höllenkreis präsentiert wird". Für Seidl bedeutete der Film einen "Cut", einen Neubeginn in seiner Laufbahn: "Ich glaube, dass ich in meiner Entwicklung im Dokumentarisch-Spielfilmhaften zu einer Perfektion gekommen bin, die man nicht mehr weiter steigern kann, da geht nichts mehr", sagte er damals in einem Interview. 2003 folgte der TV-Film "Jesus, du weißt", in dem sich sechs Menschen mit ihren Problemen und Ängsten an Gott wenden und die Kamera wie im Beichtstuhl dafür Ansprechpartner ist. 2007 konnte Ulrich Seidl wieder einen großen internationalen Erfolg verbuchen. "Import Export" lief viel beachtet und heiß diskutiert im Wettbewerb des Cannes Filmfestivals, Seidl verfolgt in diesem Spielfilm mit dokumentarischem Blick seine beiden Protagonisten Olga und Paul. Ekateryna Rak und Paul Hofmann sind beide keine professionellen Schauspieler, sondern in aufwändigen Castings gefundene Laien. Olga ist eine junge ukrainische Krankenschwester, die ihr tristes Leben und ihr kleines Kind in einer grauen Satelliten-Vorstadt zurücklässt, um in Wien ihr Glück zu suchen. Paul verliert trotz verbissenem Training seinen Job im Sicherheitsdienst, driftet, arbeitslos und bei üblen Bekannten verschuldet, immer mehr ab, und begibt sich schließlich mit seinem Stiefvater auf Automaten-Liefertour in die Slowakei und die Ukraine. 2012, also dieses Jahr, schaffte es Ulrich Seidl mit "Paradies: Liebe" wieder in den Wettbewerb von Cannes. Ursprünglich war "Paradies" als ein langer Film gedacht. Letztlich entschied sich Seidl dazu, daraus eine Trilogie zu fertigen. Ein nicht nur künstlerisch kluger Schachzug, wie sich nun herausstellte. Denn dadurch war es möglich, dass Seidl in nur einem Jahr auf zwei A-Festivals (Cannes und Venedig) vertreten sein kann. Nüchternen Blicks folgt Seidl in "Liebe" einer österreichischen Sextouristin in Kenia (gespielt von Margarete Tiesel). Die Protagonistin verwechselt aus Sehnsucht nach echten Gefühlen das sexuelle Geschäft mit Liebe und wird nach und nach desillusioniert. Den Ausbeutungskreislauf zeigt Seidl, ohne dabei zu werten oder zu urteilen. Die polarisierende Wirkung fasste vielleicht Variety am besten zusammen: "Abstoßend und erhaben schön (...) ist der Film abscheulich und ein Meisterwerk zugleich." In Venedig und in Cannes sorgten Ulrich Seidls Filme 2012 für Aufsehen. Beim wichtigsten österreichischen Filmfestival, der Viennale, waren sie wegen Terminstreitigkeiten nicht zu sehen. Der Abschluss der Trilogie, "Paradies: Hoffnung", wird im Februar 2013 bei der Berlinale - und damit erneut bei einem A-Festival - Premiere haben.

Preisträger

Die wichtigsten Preise des Abends im Überblick

Bester Spielfilm: "Paradies: Liebe" (Produzent: Ulrich Seidl , Regie: Ulrich Seidl)

Bester Dokumentarfilm: "Der Prozess" (Produzent: Michael Seeber, Gerald Igor Hauzenberger, Regie: Gerald Igor Hauzenberger)

Bester Kurzfilm: "Unser Lied" (Regie: Catalina Molina)

Beste Regie: Ulrich Seidl ("Paradies: Liebe")

Beste Darstellerin: Margarethe Tiesel ("Paradies: Liebe")

Bester Darsteller: Karl Merkatz ("Anfang 80")

Bestes Drehbuch: Florian Flicker ("Grenzgänger")

Beste Kamera: Martin Gschlacht ("Grenzgänger")

Bestes Kostümbild: Thomas Olah ("Die Vermessung der Welt")

Beste Maske: Monika Fischer-Vorauer, Michaela Oppl ("Die Vermessung der Welt")

Beste Musik: Eva Jantschitsch ("Grenzgänger")

Bester Schnitt: Monika Willi ("Die Lebenden")

Bestes Szenenbild: Katrin Huber ("Kuma")

Beste Tongestaltung: Nils Kirchhoff, Bernhard Maisch, Dieter Meyer ("More than Honey")

NOMINIERUNGEN

Die meisten Nominierungen:

7 Nominierungen: "Grenzgänger" (Regie: Florian Flicker)
6 Nominierungen: "Paradies: Liebe" (Regie: Ulrich Seidl)
5 Nominierungen: "Die Wand" (Regie: Julian Pölsler)
4 Nominierungen: "Kuma" (Regie: Umut Dag)
Je 3 Nominierungen: "Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden" (Regie: Christoph Stark) und "Die Lebenden" (Regie: Barbara Albert)

Bester Spielfilm:

"Grenzgänger" (Regie: Florian Flicker)
"Paradies: Liebe" (Regie: Ulrich Seidl)
"Die Wand" (Regie: Julian Pölsler)

Beste Regie:

Florian Flicker für "Grenzgänger"
Julian Pölsler für "Die Wand"
Ulrich Seidl für "Paradies: Liebe"

Beste Darstellerin:

Martina Gedeck für "Die Wand"
Christine Ostermayer für "Anfang 80"
Margarethe Tiesel für "Paradies: Liebe"

Bester Darsteller:

Lars Eidinger für "Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden"
Andreas Lust für "Grenzgänger"
Karl Merkatz für "Anfang 80"

Bestes Drehbuch:

Florian Flicker für "Grenzgänger"
Julian Pölsler für "Die Wand"
Ulrich Seidl, Veronika Franz für "Paradies: Liebe"

Bester Dokumentarfilm:

"Evolution der Gewalt" (Regie: Fritz Ofner)
"Low Definition Control" (Regie: Michael Palm)
"Der Prozess" (Regie: Gerald Igor Hauzenberger)

Bester Kurzfilm:

"Hatch" (Regie: Christoph Kuschnig)
"Unser Lied" (Regie: Catalina Molina)
"366 Tage" (Regie: Johannes Schiehsl)

Beste Kamera:

Martin Gschlacht für "Grenzgänger"
Wolfgang Thaler, Ed Lachman für "Paradies: Liebe"
Carsten Thiele für "Kuma"

Bestes Kostümbild:

Cinzia Cioffi für "Kuma"
Birgit Hutter für "Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden"
Thomas Olah für "Die Vermessung der Welt"

Beste Maske:

Fabienne Adam, Brigitte Dettling  für "Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden"
Monika Fischer-Vorauer, Michaela Oppl für "Die Vermessung der Welt"
Martha Ruess für "Kuma"

Beste Musik:

Lorenz Dangel für "Die Lebenden"
Eva Jantschitsch für "Grenzgänger"
Judit Varga für "Das Pferd auf dem Balkon"

Bester Schnitt:

Karina Ressler für "Grenzgänger"
Karina Ressler für "Oh Yeah, She Performs!"
Monika Willi für "Die Lebenden"

Bestes Szenenbild:

Andreas Donhauser, Renate Martin für "Paradies: Liebe"
Katrin Huber für "Kuma"
Renate Schmaderer, Enid Löser, Petra Heim, Hajo Schwarz für "Die Wand"

Beste Tongestaltung:

Heinz K. Ebner, Philipp Mosser, Berhard Maisch für "Das Pferd auf dem Balkon"

Nils Kirchhoff, Bernhard Maisch, Dieter Meyer für "More than Honey"

Dietmar Zuson, Tobias Fleig für "Die Lebenden"

(apa, KURIER / tem) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?