Verliebt: Melanie Lenz muss verdächtig oft zum Doktor (Joseph Lorenz), um sich untersuchen zu lassen.

© Ulrich Seidl Productions

Berlinale
02/09/2013

Im Kreis traben wie die Lipizzaner

Ulrich Seidl überrascht mit einem leichtfüßigen, luftigen Teenager-Film: „Paradies: Hoffnung“.

von Alexandra Seibel

Für eine der wenigen „echten“ Weltpremieren im verschneiten Berlin sorgte Ulrich Seidls Wettbewerbsbeitrag „Paradies: Hoffnung“ am Freitagabend (8. Februar). „Echt“ deshalb, weil im deutschen Feuilleton bereits bemängelt wurde, dass Festivaldirektor Dieter Kosslick kaum Filme im Wettbewerb zeige, die nicht schon längst woanders gelaufen sind – beim Eröffnungsfilm „The Grandmaster“ angefangen, bis hin zu den Beiträgen von Gus Van Sant oder Steven Soderbergh. Nur wenige Ausnahmen – darunter eben der Film von Seidl oder Bruno Dumont – würden in Berlin „jungfräulich“ auf die Augen des Publikums treffen.

„Paradies: Hoffnung“ erlebte also seine „echte“ Welturaufführung. Für Seidl schon deswegen ein Triumph, weil ihm damit der Meisterstreich gelungen ist, auch den dritten Teil seiner „Paradies“-Trilogie – nach Cannes und Venedig – wieder auf einem A-Festival zu präsentieren.

Tatsächlich gab es im Publikum auch wissendes Gelächter, als in „Paradies: Hoffnung“ Teenager Melanie ihre Mutter anruft und auf der Mailbox die Nachricht hinterlässt, sie hoffe, die Mama habe viel Spaß bei ihrem Urlaub in Kenia. Wer die „Paradies“-Trilogie mitverfolgt hat, weiß, dass Melanie die Tochter jener Frau ist, die in „Paradies: Liebe“ auf Sexurlaub fährt. Und dass die fanatische Katholikin Maria, die sich in „Paradies: Glaube“ aus Liebe zu Gott selbst geißelt, ihre Tante ist.

Schokoriegel

„Paradies: Hoffnung“ ist der überraschendste und luftigste Teil der Trilogie – man könnte auch sagen, der Seidl-untypischste. Und in gewisser Weise auch der lebendigste und wärmste.

Im Zentrum steht eine Gruppe von Jugendlichen, die in einem Diätcamp am Land abspecken soll. Die Leitung des Camps verwechselt Abnehmen mit Militärdienst und kommandiert sie mit Trillerpfeife im Kreis herum: „Traben wie die Lipizzaner“, befiehlt ein komisch-grausamer Michael Thomas in seiner Rolle als Sportlehrer. Doch trotz dieser Schikanen kichern sich die Teenies durch den Tag, packen in unbeobachteten Momenten die Schokoriegel aus oder tanzen zu schlechter Musik.

Schönheit

Die Schönheit dieser energiegeladenen, of auch sehr witzigen Szenen liegt unter anderem darin, dass sich die „dicken“ Mädels keineswegs als besonders dick oder gar hässlich empfinden. Im Gegenteil: Sie sind, wie sie sind. Geradezu liebevoll beobachtet Seidl, wie sich die Mädchen gegenseitig in ihrer Identität bestärken und weigern, den disziplinierenden Blick der Umgebung zu übernehmen. Erst als sich Melanie in den viel älteren Diätarzt verliebt – vorzüglich sardonisch von Joseph Lorenz als Wolf im Schafspelz gespielt – gerät ihre Welt aus den Fugen.

Seidl bewegt sich, und das ist das Tolle an „Paradies: Hoffnung“, nicht in einem fest gezurrten Szenario, sondern reißt sein Erzählgefüge auf. Mit dokumentarischer Kamera beobachtet er die Jungs und Mädels beim Flaschendrehen, Küssen und Kudern und lässt die Dinge immer wieder einfach laufen. Zwar hängen auch hier die Teenager in Reih und Glied an der Sprossenwand. Doch man spürt den Widerstand im Jugendzimmer. „Paradies: Hoffnung“ ist der am wenigsten kontroverse Film der Trilogie und kommt ganz ohne Schockfaktor aus. Aber dafür ist er auch der freieste.

Die Filme von Ulrich Seidl

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