Thomas Bernhard im Wiener Burgtheater bei einer Probe zu seinem Stück „Heldenplatz“.

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25 Jahre "Heldenplatz" von Thomas Bernhard
11/04/2013

"Heldenplatz"-Skandal: "Da sagte er: Das geht schief"

Erinnerungen der renommierten Kritikerin Karin Kathrein an die Uraufführung vor 25 Jahren.

Wer den „Heldenplatz“-Skandal im Burgtheater vor 25 Jahren miterleben durfte, verspürt vermutlich noch heute ein Kribbeln und bekommt glänzende Augen. War das eine Aufregung! Über Monate mehr und mehr aufgeheizt, erreichte die Spannung nun endlich ihren Höhepunkt: Die Uraufführung von Thomas Bernhards Drama fand tatsächlich statt. Ob sie gestört, unterbrochen oder zu einem glücklichen Ende geführt werden könnte, war allerdings noch fraglich.

André Heller und ich, beide Bewunderer und Mitstreiter von Thomas Bernhard und Claus Peymann, hatten uns schon Wochen vorher die gemeinsamen Premieren-Karten gesichert, trennten uns aber an diesem 4. November 1988 für kurze Zeit noch unmittelbar vor dem Burgtheater. Heller interessierten die Menschenmassen vor dem Haupteingang, die sich dort unter Gebrüll mit Transparenten gegen das Stück versammelt hatten, ich eilte ins Café Landtmann, wo ich mit der Schriftstellerin Hilde Spiel verabredet war. Dort traf ich sie bei einem Café mit Thomas Bernhard, der sich locker gab, ohne es zu sein, und schmunzelnd über das Kommende Vermutungen anstellte.

Rossknödeln

Später im Zuschauerraum erzählte mir André Heller, dass vor den Stiegen des Eingangs riesige Haufen von Mist abgeladen wurden und er sich mit der Frage, ob die „Rossknödeln“ wirklich direkt von den Umstehenden stammen, entsprechende Beschimpfungen eingehandelt hatte. „Du traust dich was“, sagte ich, „das hätte auch schlimm ausgehen können“.

Er beruhigte mich mit den etwas spöttisch getönten Worten „Wir haben doch in der Kronenzeitung gelesen, dass das Burgtheater unter Polizeischutz steht. Mit einem Großaufgebot von Polizisten in Uniform und Kriminalbeamten in Zivil, die hätten mich sicher geschützt.“

Noch nie hatte ich im Burgtheater eine derart elektrizitätsgeladene Stimmung vor einer Premiere erlebt. In den Rängen wurden Transparente entfaltet, erste meist unverständliche Rufe ertönten, und man hatte das Gefühl, dass die Zuschauer vor Aufregung Hand in Hand dasaßen. Wir ertappten uns jedenfalls dabei. Besonders, als dann im Verlauf des ersten Aktes böse Zwischenrufe Anneliese Römer die Konzentration verlieren ließen. Sie geriet in Textschwierigkeiten. Für Momente begann man, einen Abbruch zu befürchten.

25 Jahre "Heldenplatz": Ein Skandal in Bildern

Im zweiten Akt brillierte dann allerdings Wolfgang Gasser als Professor Robert Schuster, wunderbar unterstützt von Kirsten Dene und Elisabeth Rath als seine Nichten, in der Rolle seines Lebens. Nach dem Begräbnis seines Bruders, der Selbstmord begangen hat, spricht Robert mit seinen Nichten im Volksgarten über die Familie in diesem Land, das er immer noch in den Nationalsozialismus verstrickt und vom Katholizismus unterdrückt sieht. Kein Aufbegehrender, sondern ein Zerstörter, der sich von der Welt lossagen will. Da wurde es mucksmäuschenstill. Es entstand eine atemberaubende Spannung, das Publikum schien für eine Weile durch die Überzeugungsmacht des Theaters vereint.

Rübenzuzler

Es blieb nicht immer so. Proteste kamen wieder auf, Pfiffe und Zwischenrufe störten das Spiel, verärgerte Zuschauer protestierten gegen die Störungen. André Hellers Mutter, eine disziplinierte feine Dame, gestand uns später, dass sie verzweifelt nach einem kräftigen Schimpfwort für Radaubrüder in ihrer Nähe gesucht hatte, ihr aber nichts Böseres als „Schweigt bitte, ihr Rübenzuzler“ eingefallen wäre.

Der Jubelorkan nach dem Fallen des Vorhangs übertönte zunächst vollständig Pfiffe und Buhrufe, die erst nach und nach zu hören waren. Doch als Claus Peymann mit dem Ensemble und Thomas Bernhard auf die Bühne kamen, gab es nahezu ungestörte Standing Ovations. Für einen kurzen Augenblick schien Bernhard, Hand in Hand mit Peymann, die Rührung kaum unterdrücken zu können, sein Gesicht wurde ganz schmal, doch im nächsten Moment strahlte er wieder so glücklich wie das gesamte Ensemble.

Marianne Hoppe, die als Frau des Selbstmörders brilliert hatte, erzählte später André Heller und mir in einem Gespräch für die Bühne, wie sie Bernhard, dem sie eng verbunden war, am Tag der Uraufführung erlebt hatte. Sie ging noch vor der Vorstellung mit ihm in einem Gang des Theaters auf und ab, „das war schön – wir ganz nachdenklich, ganz ruhig eigentlich“. Aus dem Zuschauerraum kamen allerdings bereits die ersten „tumultösen Geräusche“. „Da sagte er: ‚Das geht schief!‘“.

Nach dem glücklichen Ende planten sie, „statt der Premierengeschichten“ in kleinem Kreis essen zu gehen. Doch Bernhards Schwester und ein Freund wollten unbedingt noch im Caféhaus die ersten TV-Reaktionen sehen. So standen Dichter und Schauspielerin „im Regen mutterseelenallein vor dem Landtmann“ und warteten. Schließlich ging jeder „viel zu kaputt“ allein nach Hause. „Dann rief er mich noch an und sagte: ,So sieht’s aus: Ich hab’ mir gerade einen Kamillentee aufgegossen.’“

Entlarvend

Aus heutiger Sicht wirkt der „Heldenplatz“-Skandal wie ein zweites raffiniert entwickeltes Theaterstück, das allerdings der Uraufführung voranging. Im Grunde ein schrecklich entlarvendes Werk. Bernhard und Peymann waren zwar unmittelbar beteiligt und man kann beiden eine gewisse Neigung zu Skandalen nicht absprechen. Aber dieser durchbrach ohne ihr Zutun alle Grenzen.

Bernhard agierte ja mit einem gewissen Vergnügen als „Zündler“, ich habe ihn aber, wenn’s zu brennen begann, oft tief betroffen und verstört erlebt. So erinnere ich mich an Telefonate, in denen er in seiner Verletztheit und Empörung kaum sprechen konnte.

Die Hauptakteure beim „Heldenplatz“-Skandal waren ohne Zweifel Österreichs Medien, denen zu allem Überfluss ein hochrangiger Politiker nach dem anderen in die Falle tappte. Selten haben sich Politiker derart mit ahnungslos kulturfernen Äußerungen blamiert. Mir ist heute noch unverständlich, dass sich kaum einer der zu Bernhards Österreich-Kritik Befragten sträubte, über Splitter eines Kunstwerks, die aus dem Zusammenhang gerissen sind, Aussagen zu treffen. Ohne von dem Ganzen eine Ahnung zu haben, ohne zu bedenken, dass es sich um Zitate von Theaterfiguren handelt, deren Äußerungen aus bestimmten Situationen und Schicksalen herrühren. Als ob sich die Worte eines Bösewichts, Dummkopfs, Beleidigten oder Verführten in einem Drama mit der Meinung des Autors decken müssten.

Das Unheil begann jedenfalls als Komödie. Im profil wurden im August ’88 erste Zitate veröffentlicht. Man war im Urlaub, kaum jemand reagierte. Mitte September folgten andere Zitate als Beispiele „eines neuen Kulturkampfs in Österreich“ – als Vorspiel ohne wahrnehmbare Folgen. Erst als die Kronenzeitung im Oktober Textausschnitte wie „Österreich als geist- und kulturlose Kloake“, „mit mehr Nazis als 1938“ und „6,5 Millionen Debilen“ veröffentlichte, die sich tatsächlich besonders gut zur Skandalisierung dieser „skandalösen Österreichbesudelung“ eigneten, brach der Sturm los.

Entrüstung

Die meisten Zeitungen beteiligten sich eilig an dem Entrüstungssturm. Nahezu jeder Befragte warf Bernhard verwerfliche Pauschalurteile vor, urteilte aber selbst pauschal anhand einiger aggressiver Zitate über ein vollkommen unbekanntes Werk.

Die journalistische Zitatensammlung, die die Aussagen gelegentlich noch bedenklich verschärfte, erreichte einen beachtlichen Umfang: Von Bundespräsident Waldheim, der das Stück als „grobe Beleidigung des österreichischen Volkes“ ablehnte, über Altkanzler Kreisky, der aus Mallorca die Botschaft übermittelte „Das darf man sich nicht gefallen lassen“ bis zu kleineren politischen Wichtigmachern dehnte sich die Ablehnungsfront. Immerhin solidarisierten sich aber auch einige renommierte Autoren mit Bernhard. Auch Unterrichtsministerin Hawlicek erklärte nach einem kleinen Ausrutscher „Ich werde Peymann auf keinen Fall auffordern, das Stück abzusetzen“ und Kulturstadträtin Pasterk forderte dringend „einen geordneten Rückzug der Politik“.KURIER.at/buehneBilder vom Heldenplatz-Skandal.

Von Karin Kathrein

Bernhard mit Freud und Falco in der Berggasse

Zum Jahrestag am Montag (4. November) lädt das Freud-Museum in der Berggasse zu einer Begegnung von Thomas Bernhard mit Sigmund Freud und Falco - bei einer Doppellesung. Die Autorin Gemma Salem liest dort unter anderem aus Interviews, die sie nach Bernhards Tod mit Bekannten und realen Vorbildern seiner Bücher geführt hat. Der Autor und Coach Peter Klein, der in Literaturform "Aufstellungsarbeit" zu den beiden Weltkriegen leistet, lässt in seinem Roman "Die Leiden des Westens" Thomas Bernhard mit Falco in der Praxis von Dr. Freud in der Berggasse zusammentreffen. Unter dem Titel "Heldenplatz trifft Berggasse. Bernhard's Wien auf Dr. Freud's Couch" werden beide Lesungen verknüpft.

Das "Heldenplatz"-Original kann man sich zum Jahrestag allerdings auch ansehen - auf DVD. In der "edition Burgtheater" von Hoanzl ist Folge Nummer 19 dem einstigen Skandal- und späteren Erfolgsstück gewidmet.

INFO:
Lesung von Gemma Salem und Peter Klein im Freud Museum am 4. November, 19 Uhr, Berggasse 19
DVD "Heldenplatz", edition Burgtheater, Vertrieb hoanzl

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