Politik | Inland
14.10.2013

Vor 75 Jahren brannten Synagogen

Österreich erinnert in vielen Veranstaltungen an die radikalen Übergriffe der Nazis gegen Juden.

Es begann im Morgengrauen des 10. November 1938, an einem Freitag. In Graz wurden Handgranaten auf die Synagoge geworfen, die Kuppel stürzte ein. In Wien begann die „Judenaktion“, so die Diktion der Nationalsozialisten, um vier Uhr Früh. Bis zum Abend wurden 42 Tempel zerstört, Bethäuser abgefackelt, 5000 Geschäfte jüdischer Besitzer geplündert, Wohnungen jüdischer Familien demoliert und ausgeraubt, ihre Bewohner misshandelt. In Wien war das Vorgehen der Nazis gegen Juden „besonders radikal“, sagt Zeithistoriker Oliver Rathkolb.

Allein in der Hauptstadt wurden 6547 Juden verhaftet und davon 3700 sofort in das Konzentrationslager Dachau deportiert.

In diesem Herbst jähren sich die furchtbaren Ereignisse, die den Übergang von der Demütigung und Diskriminierung von Juden hin zur systematischen Verfolgung und Vernichtung markieren, zum 75. Mal. Aus Anlass dieses Gedenkens finden derzeit in ganz Österreich unzählige Veranstaltungen statt. Die Initiative für das Erinnerungsprojekt ging von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer aus. PR-Expertin Milli Segal gelang es, Künstler, Schriftsteller, Zeitzeugen und Politiker für ein breitgefächertes Programm zu gewinnen und auch die Zivilgesellschaft miteinzubeziehen (Veranstaltungen sind hier abrufbar).

Mitverantwortung

„Es ist wichtig, das Thema Reichspogromnacht aufzugreifen, da es in der österreichischen Erinnerung nicht wirklich einen Stellenwert hat, obwohl es ein Beispiel menschenverachtender und in einigen Fällen auch tödlicher Kollaboration mit den Nazis ist“, betont Rathkolb.

Gerade den Weg der Vernichtung des europäischen Judentums anhand spezifischer Ereignisse wie den Novemberpogromen darzustellen, sei für das Verständnis der Mitverantwortung Österreichs am Nationalsozialismus essenziell, erklärt der Universitätsprofessor. „Sonst bleibt die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust viel zu abstrakt, viel zu weit weg von Österreich, verschoben Richtung Auschwitz.“ Aber, sagt Rathkolb, „die Schoah beginnt auch hier in Wien“.

Als vorgeblicher Auslöser für die von den Nazis lange vorbereiteten Pläne, Juden durch Gewalt zur Ausreise zu zwingen und auf ihr Vermögen zuzugreifen (die Nationalsozialisten hatten leere Kassen, Anm.) war ein Attentat am 7. November 1938 in Paris. Der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan besorgte sich eine Waffe und schoss damit in der deutschen Botschaft auf Legationssekretär und NSDAP-Mitglied Ernst Eduard vom Rath. Dieser erlag am 9. November seinen Verletzungen. Grynszpan gab als Motiv im Verhör „Rache“ für das Leiden seiner Eltern bei der gewaltsamen Abschiebung an. Ob dieser Mord unter Umständen auch mit Kontakten zwischen Täter und Opfer in der Pariser Homosexuellenszene zu tun hatte, ist ungeklärt.

Schon am 7. November erfolgten an mehreren Orten Übergriffe auf Juden, ihre Wohnungen und Synagogen. Die Täter waren Angehörige von SA (Sturmabteilung) und SS (Schutzstaffel).

Hetzrede

Vom Tod des Diplomaten erfuhr Adolf Hitler am 9. November in München, wo er mit den Spitzen der NSDAP des missglückten Hitler-Putsches von 1923 gedachte. Sofort zog er sich mit Propagandaminister Joseph Goebbels zurück, dieser hielt dann vor versammelten SA-Führern eine antisemitische Hetzrede und rief zum Handeln gegen jüdische Häuser, Geschäfte und Synagogen auf.

Die Gewalt und die Exzesse gegen Juden gab es schon Jahre vor den Novemberpogromen. „Das begann vor der Machtergreifung Hitlers. Schlägertrupps der SA waren schon 1933 Teil der politischen Kultur des deutschen Reiches. In Österreich war es nicht besser. „Ich erinnere auch an an die symbolischen Pogrome, wo Jüdinnen und Juden gezwungen wurden, mit Bürsten oder Zahnbürsten die Wahlparolen des Schuschnigg-Regimes für die geplante Volksbefragung wegzuputzen.“ Das sei „ein Indiz, dass es sich nicht um eine klassische Machtübernahme handelte, sondern wirkliche Urkräfte freigelassen wurden und sich eruptiv gegen Juden richteten“.

Große Sorge

Auf die Frage, ob Schüler heute ausreichend über damalige Ereignisse unterrichtet werden, antwortet Rathkolb differenziert: „Bei Jahrestagen, die medial thematisiert werden, ja. Wenn es um die Vorgeschichte und die Nachwirkungen des Nationalsozialismus geht, bleibt vieles auf der Strecke. Das ist für mich derzeit die größte Sorge, weil man Geschichte nicht in Jahrestagen kommunizieren kann.“