Der deutsche Schauspieler Michael Mendl spielt im Theater in der Josefstadt im Theaterstück "Vor dem Ruhestand" von Thomas Bernhard den ehemaligen SS-Offizier, KZ-Kommandanten und Gerichtspräsidenten Rudolf Höller. Wien, 27.08.2013

© KURIER/Jeff Mangione

Geistige Premiere
09/01/2013

"Solche wie Du hätten wir vergast"

Michael Mendl hat Lust, eine Drecksau zu spielen. Ab 5. 9. in Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" im Theater in der Josefstadt.

von Johanna Hager, Jeff Mangione

Das Grauen! Und sie vergessen schon.“ (Albert Camus)

Syrien. August 2013. Über Tausend Menschen sterben durch Giftgas. Die Bilder der Toten gelangen an die Öffentlichkeit. Das vermeintlich Unzumutbare wird indes unkenntlich gemacht. Weiße Laken über Leichen. Schwarze Balken über toten Augen.

Wien. August 2013. Michael Mendl kennt die Bilder. „Schrecklich“. Doch er hat andere im Kopf, von denen er in der verdunkelten Theaterwohnung der Josefstadt zu sprechen beginnt. „Ich habe am Theater mal Eichmann gespielt. Ich hatte Albträume. Ich habe ein Jahr lang die Rampe von Ausschwitz nicht mehr aus meinen Träumen rausgekriegt und jetzt ein Vierteljahr überlegt, ob ich Rudolf spielen soll.“

Verbrecher.

Rudolf Höller, der mit seinen Schwestern, der verhassten Clara, die an den Rollstuhl gefesselt ist, und der geliebten Vera, mit der er eine Beziehung führt, in einem Haus wohnt.

Rudolf, der ehemalige SS-Offizier, der alljährlich den 7. Oktober, den Geburtstag des SS-Reichsführers Heinrich Himmler, feierlich mit seinen Geschwistern begeht.

Rudolf, der Gerichtspräsident „vor dem Ruhestand“, der an eben besagtem Tag auf dem Nachhauseweg wie jedes Jahr von „Judenbuben“ angerempelt wird. Der sagt: „In jedem steckt ein Verbrecher, man muss ihn nur aufrufen.“

Mendl muss Höller auf der Bühne der Josefstadt in sich aufrufen. Eine Herausforderung, der sich der 69-Jährige nach 20 Jahren der Bühnenabsenz stellen will. Warum?

„Erstens Mal diese Art Jubiläum. Dann, weil ich vor 46 Jahren als Statist Nicole Heesters bei ,Ornifle oder Der erzürnte Himmel‘ von Anouilh eben in der Josefstadt kennengelernt habe, weil mich mit ihr und Sona MacDonald eine langjährige künstlerische Freundschaft verbindet und natürlich Bernhard und das Monster Rudolf.“ Nach dem tiefen Zug an der Zigarette noch ein Zusatz. „Theater ist anstrengend. Eine Anstrengung, die ich von mir selbst fordere. Hinterher, wenn man es geschafft hat, macht es Freude, kommt Genugtuung, aber Vergnügen ist es anfänglich mal keines.“ Ähnlich verhält es sich mit der Sprache von Thomas Bernhard.

„Sie kommt wie eine Alltagssprache daher ist aber keine. Es ist eine Kunstsprache, der man ein Nest bereiten muss. Die Verführung, mit seiner Sprache schnoddrig umzugehen, ist da und die absolute Gefahr! Wenn man das tut, dann hat man bei Thomas Bernhard verloren. Da muss geistige Klarheit herrschen, weil es kein Naturalismus sondern Bernhardscher Realismus ist, den ich noch in keinem Theaterstück erlebt habe. Insofern ist Bernhard für mich eine absolute geistige Premiere. Du musst ganz klar im Kopf sein, um diese Sätze abzuschießen, diese Haltung zu haben.“

Zerstören.

Klarheit, um Szenen spielen zu können, in denen Richter Höller sich rühmt, ausgerechnet den Bau einer Giftgas-Fabrik verhindert zu haben – „Für Generationen habe ich die Natur gerettet in diesem Stadtteil... Und dabei habe ich die ganze Zeit nur an uns gedacht dass wir uns den Blick aus unserem Fenster nicht zerstören lassen dürfen“ – folgen Sequenzen wie Sätze, die buchstäblich zum Töten taugen.

Die Geschwister blättern, ehe sie Himmlers Geburtstag mit Sekt und Kalbsmedaillons feiern wollen, das Familienalbum durch. Ferienbild folgt Frontbild. Und vice versa. „Seebruck erinnerst du dich Rudolf wir waren gerade beim Himbeerpflücken aus dem Wald gekommen“ – „Das ist ein Schnappschuss von den Juden die wir aus Ungarn bekommen haben“.

Man sieht die Bilder nicht. Man kennt die Bilder nicht. Doch sie sind da. Vorstellbar. Allgegenwärtig. Beim Lesen des Stückes wie beim Gespräch mit dem Schauspieler.

„Ich staune, wie ein Mann seinen ganzen Hass in drei Menschen stecken kann. Bernhard ist so raffiniert! Der lässt auch noch Inzest entstehen. Wir haben während der Proben rausgefunden, dass man das spielen kann, ohne dabei zu erröten. Rudolf ist als junger Bruder, der stolz war, eine Uniform zu tragen, in den Krieg. Und er kam als Monster zurück. Hat sich zehn Jahre im Keller versteckt. Die hatten nicht die Moral ,Du bist meine Schwester, und ich darf dich nicht anfassen.‘ Das war ein ,Schutz suchen‘. Vera, Nicole Heesters, sagt ja auch: ,Das ist eine ganz reine Geschichte.‘“

Für dieses Bild reicht die Vorstellungskraft des Zuhörers nicht. Ebenso wenig die Fantasie, dass der Untertitel der Stückes „Komödie von deutscher Seele“ sich bewahrheiten wird können. Dass „Vor dem Ruhestand“ das Publikum zum Lachen bringen wird.

„Doch, doch! Ich hoffe! In 25 Jahren Theater habe ich noch nie, noch nie so viel bei Proben gelacht. Wir haben geschrien vor Lachen, weil diese drei Menschen so unverschämt sind. Du kriegst die Tür nicht zu! Wir haben gewiehert!“ Mendls herzliches, lautes Lachen jetzt am Tisch seiner Theaterwohnung ist ansteckend, und doch bleibt es eingedenk des zuvor Erzählten im Hals stecken.

Lieben.

Das bemerkt er und merkt an: „Das Böse steckt in jedem von uns. Das ist die Wahrheit. Es darf um Gotteswillen nicht passieren, dass das Publikum denkt: ,Nazi-Deutschland hat aus diesen Menschen Monster gemacht.‘ Das wäre eine Entschuldigung. Das wäre furchtbar! Du guckst da drauf wie auf ein Comic. Wir sind auch Komiker.“

„Es ist ja nur ein Spiel. Es ist nicht ernst. Es kann nicht ernst sein. Es ist eine richtige Komödie manchmal vergessen wir das nur“, lässt Thomas Bernhard Vera sagen.

Wie geht das alles im Kopf und auf der Bühne zusammen fragt man sich als Vis-à-vis und ihn zwischen zwei Zigarettenlängen.

„Ich habe ja nicht nur Willy Brandt und den Papst für das Fernsehen gespielt sondern auch kaputte Mörder, Sexualtriebtäter, Kinderschänder. Und um all die spielen zu können, musst du sie lieben. Davor hatte ich Angst. Diese Figur, Rudolf, ist alles andere als jemand, den man liebt, als ein Freund. Da haben die Kollegen gesagt: ,Michael, Du musst ihn nicht lieben. Du musst nur Lust haben, so eine Drecksau zu spielen.‘ Und ich habe Lust!“

Leben.

Ob das Kostüm, die SS-Uniform, zu dieser Lust und Haltung verhilft, beantwortet Mendl mit einem klaren „Ja! Als Wojtyla im weißen Umhang habe ich mich heilig gefühlt. Und in der Uniform jetzt habe ich Juden vergast. Einiges muss ich nicht spielen, weil die Uniform zu einer Haltung zwingt. Ich habe mit Regisseur Elmar Goerden viel über das Kostüm gesprochen. Das Publikum wird mich als Nazi, Gerichtspräsidenten, Macho und armes Würstchen erleben.“

Da ist es wieder.

Sein Lachen. Das ansteckende. Das sofort wieder im Hals stecken bleibt, als er nochmals auf Thomas Bernhards Figuren zu sprechen kommt.

„Das Irre ist ja, dass sie es damals im Regime wie im Stück nicht als böse empfunden haben. Wenn ich Krach habe mit Schwester Clara, die mich anekelt, als Linksintellektuelle, womit ich überhaupt nicht klarkomme, und sage: ,Solche wie du hätten wir in unserer Zeit ganz einfach vergast‘ – da bekomm’ ich jetzt, hier am Tisch, Gänsehaut. Als Rudolf läuft mir kein Schauer über den Rücken. Wenn Du nach einer Probe oder Vorstellung nach Hause kommst, denkst du dir manchmal: ,Oh Gott, muss ich mich schämen dafür? Wie geht das in mein Leben hinein?‘“

Und wie geht das aus dem Leben des Wahl-Berliners, „der seit vier Jahren Rentner, also im Ruhestand ist“, wieder hinaus?

„Wann das wieder hinausgeht, weiß ich nicht. Ich spiele das Stück bis Mai 2014. So lange muss das Grauen, Rudolf, drin bleiben in mir.“

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