Kolumnen
11/22/2021

Rabinowich geht essen: Der Turmbau zu Babel

Das Ebi ist eine Kette und hat ein Konzept. Damit ist das Ebi der Autorin manchmal voraus, obwohl auch die Autorin Ketten hat. Das Konzept beinhaltet.

von Julya Rabinowich

Manchmal plagt den Menschen einfach die Gier nach Neuem. Und manchmal auch nach Neuem und Mannigfaltigem. Und dann reicht es nicht, die altbewährten Methoden anzuwenden, sondern dann heißt es, den Horizont und auch den Magen zu dehnen, was das Zeug eben hält. Und manchmal möchte man auch feiern. Immerhin, das Jahr ist fast um, der Roman, der im Frühjahr das Licht der Welt erblickt, ist fix und fertig, so wie auch die Autorin. Diese packt nun Freundin, Hund und Kegel und zieht in jenes Ebi, das wiederum gerade in die Nachbarschaft gezogen ist. Das Ebi ist eine Kette und hat ein Konzept. Damit ist das Ebi der Autorin manchmal voraus, obwohl auch die Autorin Ketten hat. Das Konzept beinhaltet, dass man die heiße Schlacht am kalten Buffet nun entschärft in kleine Häppchen, die à la carte geordert werden, allerdings im All-you-can-eat-Modus. Die Hauptdarsteller der kleinen, hübsch angerichteten Tellerchen sind diverse asiatische Häppchen. Eine interessante Neuerung von Running Sushi – und deutlich frischer und knackiger. Die Karte bietet Vielfalt und etwas Qual der Wahl.

Der Turmbau zu Babel, bestehend aus zügig geleerten, runden Tellerchen, die am Tischrand zügig stapelweise in die Höhe wachsen, illustriert diese sehr gut. Wer an solch einem Buffet in die Vollen gehen möchte, dem sei ein durchdachtes Stapeln im Innen und Außen angeraten! Von den Klassikern wie pikante Suppe mit Ente oder Tekka- oder Avocadomaki führt sie weiter zu einer Legion weiterer Makivariationen und einem Ritt durch warme Klassiker wie süßsaures Huhn, Gemüse mit Tofu, knusprige Ente, Udonnudeln und Rindfleischgerichte. Die Soßen kann man übrigens abbestellen und das ist oft auch gut so, denn Ebi tendiert hier zu Einheitlichkeit, um es freundlich auszudrücken. Abends und feiertags steigen Preise und Auswahlmöglichkeiten, wie das bei Buffets üblich ist – nun halten auch Thunfischsteak, Lammkotelett, Aalsushi und Hummer Einzug. Beim Verzehr der mundenden Schwein- und Hühnerfleischgyozas kreuzt uneingeladen ein Gedanke das gierige Bewusstsein: In welcher illegalen Teigtaschenfabrik wohl diese hätten angefertigt werden können? Doch dann wendet man sich ab von diesem unlauteren Gedanken und beschließt, an das Gute im Täschchen und in weiterer Folge auch im teigtaschenaffinen Menschen zu glauben.

Im Ebi im dritten Bezirk ist jedenfalls ein Makimeister am Werken, denn kein einziges Erzeugnis war ein Fehlgriff: Sushireis, leicht säuerlich, perfekt klebrig aber dennoch körnig, straff ummantelt von Seetang. Nichts öffnete sich vorzeitig wie ein fehlerhafter Fallschirm. Alles saß, alles klebte. Rien ne vas plus.

Ein einziger verbuchbarer Malus fand sich bei der Sake Bonsai Rolle, bei der sich der angekündigte Kaviar mehr als Polka Dot denn als flächendeckende Umarmung in Szene setzte. Was man nicht auf den Maki hat, muss man im Hummer haben, dieser strotzte vor Rogen und hatte die unrasiertesten Beine, die mir in dieser Saison begegnet sind.

Mit dem Hummer führte ich überhaupt einen titanischen Kampf, der den heiligen Georg vor Neid erblassen ließe, brach dabei mein heiliges Stäbchen und verletzte mich am Daumen, gewann am Ende aber dennoch.

Der Hund hatte diesmal den Schwarzen Peter gezogen und grollte. Beim vorletzten Besuch hatte er ein bisschen rohen Fisch erhalten und dankte mit tagelangem Bauchgrimmen. Diesmal hieß also sein Schicksal, in das er sich nicht und nicht fügen wollte, totale Enthaltsamkeit. Also etwas, das bei einer groß angelegten Buffetexploration die unerwünschteste aller Eigenschaften darstellt.

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