Kolumnen
11/23/2020

Rabinowich geht essen: Angeganslt is

In kleinen, gut verpackten Schälchen kommt ein schönes Gansl, begleitet von einem Schreiben. Federvieh mit Post sozusagen.

von Julya Rabinowich

Der Lockdown Nummer Zwei zieht ins Land und hinterlässt eine Schneise der kulinarischen Verwüstung. Natürlich nicht nur der kulinarischen, aber wir wollen hier explizit das zu Verspeisende näher betrachten und dabei alle anderen Fragestellungen ausblenden. Was bei Liebesunglück mit Schokoladenmousse funktioniert, wird bei Lockdownkummer wohl auch noch mit Saisonfreuden klappen. Zumindest kurzfristig. Wir schreiben November und sind damit mitten in der Ganslzeit angekommen. Eigentlich die Phase der geselligen Ganslorgien an Rotkraut. Dabei muss man nicht einmal karnivor veranlagt sein, es gibt auch einige Lokale, die Vegansln anbieten. Diese nächsthöhere Ebene der Erleuchtung habe ich mir dieses Jahr aufgespart für das nächste, weil in Dunkelheit und Einsamkeit doch die Sehnsucht nach Kindheitserinnerungen an knusprige Ganslhaut und damit nach der Illusion der Geborgenheit überwog. Es wird also ein Gansl. Aus Fleisch und Blut. Statt der geselligen Runde ergibt sich allerdings nur eine Fahrt- und Essgemeinschaft mit der Nachbarin, die zur Coronaangehörigen ernannt wurde. Das Gansl muss dieses Jahr nicht nur bestellt, sondern auch abgeholt werden. Und der Heurigen, den man Zum Martin Sepp nennt, befindet sich in Grinzing. Und Grinzing befindet sich weit weg. Die Nachbarin hingegen hat ein Auto und ist fahrwillig. Sie glänzt mit eiskalter Ehrlichkeit und weist den erfolglosen Versuch, ein Feuerzeug für Kerzenleuchter zu finden, mit den Worten ab: „Ich brauch kein Candle-Light-Dinner mit dir.“ Der Heurigen verspricht ein Rundum-Gansl-Paket und hält Wort. In kleinen, gut verpackten Schälchen kommt ein schönes Gansl, begleitet von einem Schreiben. Federvieh mit Post sozusagen. In diesem Brief festgehalten sind Garzeit und Vorgangsweise, was ziemlich hilfreich auf dem Weg des klassischen Ganslgefühls ist, wenn auch unser Ofen etwas länger braucht als angegeben. Das Gansl hält sich nicht an Lockdownregeln und hat viele Freunde eingeladen: nachgiebige Kartoffelknödel, die auch beim Aufwärmen nichts von ihrer Elastizität verlieren. Ganslsaft selbstredend auch mit von der Partie, ebenso wie zweierlei Kraut: einmal Version Spitzkraut mit knackig dunkelroten Speckwürfelchen und einmal das klassische Rotkraut. Zu all dem Überfluss und als Alleinstellungsmerkmal gibt es noch die absolut bahnbrechendsten karamellisierten Maroni, die ich je essen durfte – sie allein waren schon das ganze Erlebnis wert. Der Koch dürfte zwar ein wenig zu sehr in die knackige Gans verliebt gewesen sein, von der Salzung her betrachtet. Das ist aber bereits der einzige klitzekleine Wermutstropfen. Aufgewogen wird dies schnell wieder von geradezu ideal geformtem, bissfesten und sanftsüßen Kaiserschmarrn an Zwetschenröster, der auch mit Tadellosigkeit im Gleichgewicht zwischen süß und fruchtigsauer besticht. Im Allgemeinen gilt sowieso: Don’t cry over gegessene Gansln, es gibt noch so viele zu holen! Es ist gut, dass Lokale das anbieten können, und es ist gut, diese auch in Anspruch zu nehmen. Der November ist auch so finster genug: für Essende und für Lokalbetreibende.

Zum Martin Sepp
Cobenzlgasse 34, 1190 Wien. Normal geöffnet täglich 11.30 bis 24 Uhr, derzeit Take-away: Karte auf zummartinsepp.at, Bestellung Tel. 01/3203233 oder office@zummartinsepp.at, Abholung Samstag/Sonntag 12 bis 16 Uhr

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