Kolumnen
10/19/2020

Rabinowich geht essen: Wie Gott in Frankreich im Palais Ferstel

Wer gut französisch speist, wird für eine kurze Zeitspanne von Göttlichem selbst ein wenig göttlich.

von Julya Rabinowich

Die Sache mit den Redewendungen ist, dass sie angeblich alle einen Kern der Wahrheit in sich führen: Alle Wege führen nach Rom zum Beispiel. Eine Übertreibung. Ich habe mich oft verlaufen und bin dabei noch nie in Rom gelandet. Manchmal nicht einmal in einer Schutzhütte. Der Spruch vom Leben wie Gott in Frankreich erfüllt sich allerdings schon.

Wer gut französisch speist, wird für eine kurze Zeitspanne von Göttlichem selbst ein wenig göttlich. Und das kann man auch in Wien. Im Palais Ferstel versteckt sich ein Sanktuarium des Geschmackserlebnisses: das in jeder Hinsicht gut gefüllte reizende Bistro, das sich Beaulieu nennt. Und hier beginnt schon mein Problem mit Französisch-Essen. Dazu muss man auch Französisch-Sprechen. Und ich habe mich schon in der Schule als äußerst beengt in meinen Entfaltungsmöglichkeiten gezeigt, was den Erwerb dieser schönen Sprache anbelangt. Es war schon damals eine einzige Erniedrigung und auch jetzt beim Bestellen ein Fiasko. So verschämt stammelnd erlebt man Menschen außerhalb des französischen Restaurants nur noch in diversen einschlägigen Etablissements, wenn sie ausgefallene Wünsche vorzubringen haben. Allein die Galaxie diverser Ziegenweichkäse birgt ein unendliches Risiko, etwas völlig falsch auszusprechen, und dabei sind wir noch gar nicht beim Käseuniversum (das, wie man weiß, unendlich ist) allgemein angekommen. Übrigens ist dieses Universum hinter der kleinen Theke des Bistrots zu einer weisen und wundervollen Auswahl zusammengestutzt: zum Vor-Ort- Verschlingen oder vorfreudigen Nach-Hause-Tragen. Auf der Karte ist jedenfalls ein Mantel der Gnade ausgebreitet: Unter der originalen Bezeichnung stehen die Speisen auch auf Deutsch. Im schönen kleinen Gastgarten unter weißen japanophilen Schirmchen vor dem Regen geschützt, lässt es sich – so es die Temperaturen erlauben – die hausgemachte Orangenlimonade namens Cap d’Antibes mit Lavendel am Allervortrefflichsten schlürfen. Und auf den warmen Saint-Marcellin Roti, einem gratinierten Weichkäse aus dem Lyonnais warten. Die geschmolzene Masse bricht goldgelb und vesuvgleich aus der angekrusteten Oberfläche, sobald der Löffel diese durchstößt, und füllt den Menschen in Gesellschaft eines gerösteten Weißbrotes mit so vollständigem, intensiven Glück an, dass Dostojewski vermutlich zu einer weiteren Abhandlung über die Glücksfähigkeit des Menschen verleitet wäre, nachdem er bereits die Glücksunfähigkeit festgehalten hat. Danach folgt ein Salade de chèvre chaud avec poires et figues: mit gegrilltem Ziegenkäse mit Honig und Thymian, Feigenvierteln und Pinienkernen, der in seiner Würzigkeit und gleichzeitiger Leichtigkeit zu Unvernunft verführt. Statt das Dessert zu ordern, frisst man nämlich die Karte entlang weiter.

Französische Küche ist eine Droge, und die Dosis muss beständig erhöht werden. Schon wird im Biss knackiges, in der Menge aber schier unbewältigbares Ratatouille aufgetragen. Der abschließende Kaffee ermöglicht neues Durchstarten: Hier heißt er natürlich nicht Espresso Macchiato (was ich in meiner Ahnungslosigkeit orderte, gleich darauf fürchtend, pikierte Blicke einzufangen) sondern Noisette, welches als Kombivariante Café Gourmand zu haben ist: mit kleinen, aufreizend glänzenden Petit Fours Schokolade- und Tarte-au-Citron-

Füllung. Danach fühlt man sich maximal wie Gott in Frankreich und mindestens wie Fürst im Ferstel.

Beaulieu Èpicerie Fine & Bistrot

Herrengasse 14, 1010 Wien, Tel. 01/532 11 03, beaulieu-wien.at, Mo.–Sa. 10 bis 23 Uhr

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