Kolumnen
12/07/2020

Kralicek geht essen: Der Maronibrater

Überhaupt ist der Maronibrater eine phänomenal archaische Institution, der Fiaker unter den Imbissen.

von Wolfgang Kralicek

Ist es möglich, sich ausschließlich von Edelkastanien und Erdäpfeln zu ernähren? Man müsste einen Mediziner fragen. Gut wär’s, gehören Maronibrater im Lockdown doch zu den wenigen verlässlichen Bezugsquellen von Nahrungsmitteln. In diesen schwierigen Zeiten gelten ja sogar Würstelstände als potenzielle Infektionsgebiete: abholen gestattet, verweilen streng verboten. Aber während die Grenzen zwischen Würstelstand und Vorstadttschocherl fließend sind – nicht wenige verfügen über überdachte Gastgärten und gut frequentierte Stammtische –, ist der Maronibrater diesbezüglich über jeden Zweifel erhaben. Niemand würde auf die Idee kommen, sich dort länger aufzuhalten. Maroni waren schon „to go“, als noch niemand wusste, aus welcher Sprache das überhaupt kommt. Überhaupt ist der Maronibrater eine phänomenal archaische Institution, der Fiaker unter den Imbissen. Aber während die Pferdedroschken längst nur noch Folklore für Touristen sind, gehört der Maroni- brater nach wie vor zur winterlichen Infrastruktur unserer Städte.

„Als einer der wenigen Straßenhändler hat der Maronibrater die Zeiten beinahe unverändert überdauert“, schreibt der Wiener Stadtforscher Peter Payer. Seit mehr als 200 Jahren ist er in Österreich heimisch, und wenn man sich historische Fotografien ansieht, stellt man fest: Äußerlich und technisch haben sich die Maroniöfen nicht wesentlich weiterentwickelt; abgesehen davon, dass viele heute nicht mehr mit Holzkohle, sondern mit Propangas betrieben werden (was aber zumindest geschmacklich keine Verbesserung ist). Die Institution des Maronibraters ist so alt, dass Alfred Polgar ihr schon 1917 eine nostalgische Kurzgeschichte widmete; in Joseph Roths Roman „Die Kapuzinergruft“ wird ein Maronibrater zur Symbolfigur für die untergegangene Monarchie: „Überall, wo immer man seine gebratenen Maroni gegessen hat, war Österreich, regierte Franz Joseph.“

Die Maroni ist der perfekte Snack für unterwegs: Sie ist in eine praktische Schale verpackt; geschmacklich hat sie eine nussig-süßliche Note, ohne sich so wichtig zu machen wie eine richtige Süßigkeit; ihre bissfeste Konsistenz macht es praktisch unmöglich, sich beim Verzehr anzupatzen. Neben Maroni legt der Maronibrater – auch das war schon immer so – auch Erdäpfelscheiben auf den Rost, als pikante Alternative. (Wer sich nicht entscheiden kann, wird beim Maronistand vor dem Volkstheater gut bedient – dort gibt’s zu jeder Portion Maroni eine Kartoffel als Bonus dazu.) Maronibrater gehören zu den saisonalen Geschäften, sie sind das winterliche Pendant zu den Eissalons. Während einige von Letzteren aber inzwischen ganzjährig betrieben werden, sind Maronibrater nach wie vor ausschließlich in der kalten Jahreszeit anzutreffen. Anscheinend werden sie von der Kundschaft nicht zuletzt als Wärmespender geschätzt. Das wiederum hat der Maronibrater mit der Punschhütte gemeinsam. Der Unterschied ist: Punschhütten wurden dazu geschaffen, in Gesellschaft ebenso fragwürdige wie hochprozentige Heißgetränke zu sich zu nehmen – weshalb sie in unseren tunlichst kontaktlosen Zeiten selbstverständlich geschlossen bleiben müssen. Um auch einmal etwas Positives über diesen Lockdown zu sagen.

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