Kolumnen
04/19/2020

Johannas Fest: Genießen, was gerade vorrätig ist

Der Blick in die schöne Landschaft macht den Kopf frei, rückt Perspektiven zurecht, bewahrt vor Lagerkoller.

von Johanna Zugmann

Der vergangene Dienstag war ein echter Apriltag mit allem, was wettermäßig dazugehört: Wolken, Graupelschauer und Sonnenstrahlen. Zu Mittag machten wir uns auf einen Berg auf. Mein Mann und ich wanderten in 800 Meter Höhe entlang einer der vielen Panoramawege des Mostviertels, der Heimat meines Mannes. Der Blick in die schöne Landschaft macht den Kopf frei, rückt Perspektiven zurecht, bewahrt vor Lagerkoller und zerstreut düstere Gedanken.

Die grünen Wiesen waren gelb gepunktet von Tausenden Löwenzahnblüten und aus dem fruchtbaren Boden erhoben sich riesige weiße Wattebäusche: Die Mostblüte hat gerade begonnen. Dass sich im Mostviertel Apfel- und Birnenbäume alter Sorten wie etwa Baumgartling oder Roter Wiesling, sowie die Winawitzbirne oder die Speckbirne zu Alleen aneinandergereiht finden, haben wir den Regierungen Maria Theresias und Josephs II. zu verdanken. Sie setzten Maßnahmen zur gezielten Förderung der Obstbaumkultur.

„1763 wird in einem ,Hofrescript‘ die Anpflanzung von Obstbaumalleen an allen Landes- und Bezirksstraßen gewünscht. 1784 folgten Anreize zur Obstbaumpflanzung, wie die ,Aufhebung des Obstzehent und die Belohnung von Bauern‘“, schreibt die Gastrosophin Maria Oppitz in ihrer Master Thesis zum Thema Most. So erhielt zum Beispiel jeder Landwirt, der in seinem Dorf mehr als hundert „gute Obstbäume“ gepflanzt hatte, eine silberne Medaille. Als 1787 der Tavernenzwang, der Feiern wie Taufen oder Hochzeiten nur in den herrschaftlichen Tavernen erlaubte, aufgehoben wurde, entstanden im Voralpenland Hunderte Most-Buschenschanken.

In den vergangenen fünfzehn Jahren haben die meisten leider für immer dichtgemacht.

Und nun gibt es ja ohnehin seit Wochen keine Einkehrmöglichkeiten mehr. Wir kochen also derzeit jeden Tag selbst.

Löwenzahn & Gänseblümchen

Was auf die Teller kommt? Wir haben uns entschieden, in nächster Zeit Vorräte aufzubrauchen. Weil wir im Anschluss an Konzerte mehrere Einladungen für Künstler und Sponsoren des Festivals meines Mannes geben wollten, ehe alle kulturellen Veranstaltungen abgesagt worden sind, ist unsere Tiefkühltruhe gut gefüllt mit Schätzen der Region: Das reicht vom liebevoll aufgezogenen Milchlamm über den frisch aus der Mendling gefischten Saibling bis zum Rehrücken, den uns ein Jäger geschenkt hat.

Salat holte ich mir am Dienstag auf der Wiese: Löwenzahnblätter, die dekoriert mit ein paar Gänseblümchen Augenschmaus und Gaumenweide gleichzeitig erfüllten. Auch das überreiche Angebot von Bärlauch ließen wir nicht ungenützt: Wir sammelten ihn entlang eines Baches, dünsteten die grünen, lanzenförmigen Blätter in Butter und Schalotten, ehe wir mit Most und Gemüsesud aufgossen. Zum Schluss ein Schuss Obers und fertig ist eine köstliche Suppe.

Ich deckte den Tisch und zündete Kerzen an. Während wir unser Menü genossen, erinnerten wir uns an legendäre Abendessen bei Freunden. Die Kochkünste von Herta, von Karin und von Florian sind schlicht zum Niederknien. Nach einem Rundruf war es gegründet, unser kulinarisches Quartett: Jede Woche steht künftig einen Tag wer anderer hinter dem Herd und kocht für vier Paare, statt für nur einen Partner. Die Speisen-Übergabe erfolgt kontaktlos vor der Haustüre der jeweils „diensthabenden“ Küchenvirtuosen, die alle in Gehdistanz wohnen.

Das spart Energien, bringt Abwechslung auf die Teller und steigert die Vorfreude auf künftige gemeinsame Abende, wann auch immer diese wieder stattfinden werden!

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