Kolumnen
04/11/2020

Johannas Fest: Ostern - heuer ganz ohne Familie

Wir denken viel nach und tauschen Erinnerungen aus. Wie haben wir früher Ostern verbracht?

von Johanna Zugmann

Mein Mann ist Musiker und im Kulturmanagement tätig. Alle Veranstaltungen sind abgesagt oder verschoben, der Göttergatte in Kurzarbeit. Wir staunen über das Phänomen frei verfügbarer Zeit in einem noch nie erlebten Ausmaß. Wir denken viel nach und tauschen Erinnerungen aus. Wie haben wir früher Ostern verbracht? Jahrelang sind wir hungrig nach dem Frühlingserwachen der Natur in den Süden aufgebrochen.

Freunde von uns haben ihr Herz an Piran, das venezianisch geprägte Städtchen an Sloweniens kurzem Küstenabschnitt südlich von Triest, verloren und sich dort über die Feiertage eingemietet. In den vergangenen Jahren feierten wir oft mit ihnen, genossen das mediterrane Lebensgefühl am Meer und die familiäre Atmosphäre mit den auf dem Tartini-Platz herumtollenden Kindern.

War das Wetter bei uns annähernd so schön wie in diesem Jahr, blieben wir auch in der Heimat. Am Ostersonntag stand dann ein Besuch im alten Bauernhof meiner Nichte im Waldviertel an. Der steht inmitten von Wiesen und Feldern und so weit das Auge reicht, sieht man kein anderes Haus und keine Menschen, sondern nichts als Natur. Die beste Nichte von allen hat für alle Familienmitglieder jeweils so viele „Osternester“ versteckt, dass man mit dem Finden kaum nachkam. Ehe es ans traditionelle Eierpecken und gemütliche Grillen ging, stand natürlich ein ausgedehnter Spaziergang entlang eines gemächlich dahinplätschernden Baches auf dem Programm. „Es ist nicht so, dass ich euch heuer nicht gerne dabei haben würde, aber ich würde mir ewig Vorwürfe machen, wenn ...“, gab die Mutter einer 12-jährigen Tochter vergangene Woche zu bedenken.

Entschleunigungskur

Alles klar! Wir bleiben daheim in unserem Exil im Mostviertel, wo wir nun schon bald ein Monat lang aushalten. Aushalten ist eigentlich das falsche Wort. Wären da nicht die tragischen Umstände, müsste man die erzwungene Entschleunigungskur samt Schaffensaskese als Achtsamkeitsseminar titulieren. Bei meiner täglichen Inspektion unseres kleinen Gartens beachte ich fast jedes neu gewachsene Blättchen an den zum Zeitpunkt unserer Ankunft noch kahlen Zweigen. Den Bauernpfingstrosen kann ich beim Wachsen zusehen: Allein in der vergangenen Woche sind sie schon zwanzig Zentimeter über die Erde hinaus geschossen. Ende April werden sie uns mit ihren schönen roten und rosa Blüten erfreuen. Im dichten Geäst der Wisteria – vulgo Blauregen – nistet ein Kohlmeisenpaar. Und über dem Rasen tummelt sich eine Heerschar summender Hummeln. Ein Stück heile Welt, Seelenbalsam in der aktuellen Apokalypse!

Für den heutigen Ostersonntag haben wir uns eine kleine, sogar politisch korrekte Unterbrechung des „Sozial-Fasten-Programms“ ausgemacht: Mit unseren Nachbarn, die von der vier Meter höher liegenden Terrasse eines neu errichteten Wohnhauses in unseren Garten schauen können, werden wir einen „Distance-Prosecco“ trinken. Die beiden waren seit ihrer Rückkehr Mitte März von einem Urlaub in Sevilla zwei Wochen in freiwilliger Quarantäne. Wir werden einander mit dem spanischen Trinkspruch „Salud, Amor, Dinero y Tiempo para gustar!“ (Gesundheit, Liebe, Geld und Zeit, um zu genießen!) zuprosten. Außer dem christlichen Fest der Auferstehung werden wir in großer Dankbarkeit feiern, dass wir gesund sind.

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