© Selina Sommer / Günther Herzog

freizeit Essen & Trinken
02/16/2020

Im Burgenland entsteht ein kleines Selbstversorger-Paradies

Günther Herzog verwandelte ein Jägerhaus im burgenländischen Rauchwart in ein kleines Selbstversorger-Seminarhotel.

von Anita Kattinger

Seminare über die Konstruktion von Hobbithäusern sowie Workshops für Selbstversorgung aus dem eigenen Garten, es folgen Feuerlauf, Meditationen und Wildniscamps: Klingt wie ein Großprojekt für das Aussteigertum – stimmt aber nur zum Teil. Günther Herzog machte sich einen Namen mit dem „Garten der Begegnung“ in Traiskirchen, dort brachte er Flüchtlingen Gartenplanung und Selbstversorgung näher. Das Projekt zur Selbsthilfe entwickelte sich rasch zum Vorzeigeprojekt, doch träumte der 35-Jährige von einem eigenen Landwirtschaftsprojekt: Gemeinsam mit seinem Freund Michi Stumpner bewirtschaftet er zwei Hektar inklusive 100 Jahre altem Jägerhaus im burgenländisches Rauchwart. Stumpner ist für Arbeiten und Wissensvermittlung rund um Holz, Lehm und Steine zuständig, Herzog verwandelt die idyllische Talsohle – zwischen Oberwart und Güssing gelegen – in eine kleine, biologische Landwirtschaft.

Als Vorbild für den "Seminarhof Lebenswerkstatt" nennt er im Interview mit dem KURIER sogenannte Agriturismo-Bauernhöfe, für die er zwei Jahre lang in Italien gegen Kost und Logis arbeitete.

KURIER: Warum wollen Sie nicht als Aussteiger bezeichnet werden?

Günther Herzog: Wir leben nicht abgeschottet, sondern kooperieren mit anderen Landwirtschaften und Anrainern. Uns geht es um die Vision eines einfachen, sinnvollen Lebens. Wir wollen kein Geld verdienen müssen, aber es soll auch kein Gefühl von Verzicht sein. Unser Ziel ist nicht, aus der Gesellschaft auszusteigen. Man macht die Schule, die Uni und kommt darauf, dass das Leben nicht so funktioniert wie gedacht. Viele kennen diese Sinnkrise und die Frage, wofür mache ich das alles. Oft stellt man sich Sinnfragen, wenn man schon alles erreicht hat und trotzdem nicht zufrieden ist. Wir haben alles und sind unglücklicher denn je. Es geht um eine Selbstfindung, ein achtsamer Umgang mit uns selber – Spiritualität wie Yoga und Achtsamkeit sind große Themen für uns, aber ganz ohne Esoterik. Wir, mein Kompagnon Michael Stumpner und ich bezeichnen unsere Landwirtschaft als Lebensprojekt.

Leben Sie bereits auf dem Grundstück?

Das Ziel ist, dass ich ab März hinziehe und im Frühjahr noch gelegentlich im "Garten der Begegnung" in Traiskirchen bin. Das Schöne am pannonischen Klima ist, dass wir ganzjährig anbauen können. Derzeit müssen wir eher darauf achten, noch nicht zu viel anzupflanzen. Jetzt im Februar bauen wir diverse Asia-Salate wie Pak Choi und Tatsoi (asiatisches Blattgemüse, Anm.) an, aber auch Spinat und Porree. Außerdem lagern wir wie Kürbis und Kartoffeln ein – und kochen auch sehr viel ein. Es ist keine geschlossene Landwirtschaft: Die Idee ist, dass auch andere Seminare anbieten können, Anbaufläche mitnutzen und sich bei unserem Projekt beteiligen. Wir können die Hilfe nicht monetär ausgleichen, aber es ist ein Geben und Nehmen. Derzeit hilft uns jemand beim Einkochen, dann darf der Helfer natürlich einen Teil nach Hause mitnehmen.

Wie kommt man auf die Idee, eine Landwirtschaft aus dem Nichts aufzubauen?

Nach dem Abschluss an der Hotel- und Gastgewerbefachschule bin ich in die Schweiz auf Saison gegangen und habe für gehobene Hotels gearbeitet, in der Nebensaison bin ich viel gereist. Irgendwann war der Kontrast zwischen dem Luxus am Arbeitsplatz und der Armut auf den Reisen zu groß. Hinzu kamen die 15-Stunden-Arbeitstage, die zum Burn-out geführt haben. Ein Burn-out hat zur Folge, dass das Leben in Scherben auseinanderfällt und dann wieder zusammengesetzt wird. Jede Scherbe steht auf dem Prüfstand: Schließlich bin ich vier Jahre auf Reisen gegangen, ich hatte genug verdient. Während meiner zwei Jahre in Italien habe ich auf Bio-Bauernhöfen gegen Kost und Logis gearbeitet. Gärtnern hat mich immer schon interessiert und damals dachte ich mir, dass wir solche Agriturismo-Projekte auch in Österreich brauchen: ein einfaches Leben am Land in Kombination mit Bio-Anbau.

Wie haben Sie das Grundstück gefunden?

Mein Kompagnon hat das Grundstück zwei Jahre zuvor gekauft: Als ich es gesehen habe, wusste ich, dass es zu mir passt. Es gibt hier schöne Wälder mit Eichen, Buchen und Birken. Die Gegend ist entschleunigend und es ist charmant, dass hier nicht überall Handyempfang gibt. Die zwei Hektar liegen in einer Talsohle umgeben von Wald und Sumpf. Die Erde ist sehr nährstoffreich: Hier braucht man nur Samen in die Erde pflanzen und alles wächst von selbst. Das Haus ist wie ein Schlauch aufgebaut: Wir leben dank Holzheizung, Pflanzenkläranlage und Solaranlage autark. Unsere Fixkosten betragen lediglich 500 Euro im Jahr. Im Haus gibt es noch einen alten Ofen mit Selch, in dem wir Brot backen.

Was bauen Sie abgesehen vom Wintergemüse noch an und welche Seminare wird es geben?

Wir haben letztes Jahr auf einem Hektar rund 80 Obstbäume und einige hundert Obststräucher gepflanzt: Die Beerensträucher tragen bereits, die Bäume brauchen noch länger. Dank des Klimas bauen wir zum Beispiel Okra, Khakibäume, Granatäpfel und Feigen an. Uhudlertrauben dürfen in dieser Gegend natürlich nicht fehlen. Im Frühling starten wir mit einem Jungpflanzen-Verkauf. Als nächsten Schritt werden wir das Seminarhaus bauen – ein großes Hobbithaus. Diese Konstruktion aus Lehm wird auch das Thema des ersten Seminars in sechs Modulen sein. Leistbares Wohnen ist ein großes Thema. Wir wollen zeigen, wie man mit 15.000 Euro ein winterfestes Haus mit unglaublich schöner Atmosphäre bauen kann. Das Thema landwirtschaftliche Selbstversorgung sehen wir als ein Teil des Seminars. Weiterer Höhepunkt dieses Jahr ist auch der Bau einer Schwitzhütte mit Zeremonie sowie Seminare zum Thema ganzheitliche Lebensführung, Selbsterfahrung und Meditationsretreat.