Haushälterin Mitzi Schnabl war auch bei Adolf Loos’ dritter Hochzeit dabei: Von links: Mitzi Schnabl, Norbert Krieger (Mitarbeiter von Loos), Claire Loos-Beck,  der blödelnde Adolf Loos, Heinrich Kulka (Mitarbeiter), Olga Beck (Claires Mutter)

© Trude Fleischmann/Literaturarchiv Prag/Repro Dagmar Cernouskova

Nachgeforscht
05/16/2021

„Der gnädige Herr ist selbst schuld“

Die Haushälterin von Adolf Loos war mehr als nur helfende Hand. Maria „Mitzi“ Schnabl trug Wesentliches zur Architekturforschung bei. Ein Reiseschreibtisch ruft sie nun in Erinnerung.

von Barbara Mader

Reiseschreibtische haben viele Geschichten zu erzählen. Von der Südsee beispielsweise und der Côte d’Azur, von London, Paris und Rom. Und manchmal auch von Stadlau.

Nicht, dass es der Sekretär, mit dem diese Geschichte beginnt, nicht auch darüber hinaus geschafft hätte. Adolf Loos’ Schreibmöbel war auf den meisten Reisen seines rastlosen Besitzers dabei. Zur Ruhe kam das aus Mahagoniholz und Messing gefertigte Tischchen erst nach dessen Tod. Und zwar in einem Haus, das Loos für seine Haushälterin Mitzi Schnabl in Stadlau geplant hatte. Bei einer Ausstellung im Museum für angewandte Kunst war das Tischchen nun zu sehen und mit ihm kam die Erinnerung an Mitzi Schnabl zurück.

Mitzi wer? Mitzi Schnabl kennt heute kein Mensch mehr. Was schade ist, denn ohne sie wäre die Wiener Architekturforschung um vieles ärmer. Immerhin hütete sie mehr als zwanzig Jahre lang die Loos-Wohnung, die 1955 dem Wien Museum übergeben wurde. Und zwar exakt so, wie er sie verlassen hatte. Auf Mitzi Schnabl war eben Verlass.

Wärmeflasche und Pyjama

Nicht einmal 200 Einwohner hat der Ort Gottestal im südlichen Kärnten. Dort wurde 1885 die erste Tochter des Maurers Anton Anderwald und seiner Frau Maria geboren. Vier Geschwister hatte sie, als erste Tochter erhielt sie den Namen der Mutter. Maria, genannt Mitzi, erlernte den Beruf Köchin und ging nach Wien, wo sie 1919 bei dem Architekten Adolf Loos in den Dienst trat.

Eine treue Seele soll sie gewesen sein, schreibt Loos’ zweite Frau Elsie Altmann-Loos, die „Gläubiger verjagte und Freunde betreute“. Die der Herrschaft auf Reisen bei Bedarf Wärmeflasche und Pyjama nachschickte, Haushund Wipsy umsorgte und auch in finanziellen Nöten aushalf. Laut ihrer in der Wien-Bibliothek aufbewahrten Korrespondenz mit Adolf Loos soll sie dem notorischen Pleitier einmal eine größere Summe Geld geborgt haben.

Und natürlich kochte sie, was er sich wünschte, insbesondere französisch, sprach die Namen der Speisen aber grundsätzlich falsch aus. Wider besseres Wissen weigerte sich Schnabl, Fremdwörter korrekt auszusprechen, weil dies „sich nicht für Dienstboten schickt“. Legendär sollen ihre Indianerkrapfen gewesen sein, ebenso wie ihr Kaffee. Altmann-Loos schreibt, dass sie nach der Trennung von Loos noch oft zur Jause bei Mitzi Schnabl war. „Niemals und nirgendwo habe ich solchen Kaffee getrunken wie den, den Mitzi für mich gemacht hat.“

Schnabl, die ihre Herkunft gerne betonte und in dieser Eigenschaft auch im Ausschuss des „Kärntnerballs“ war, muss eine resolute Person gewesen sein, die ihrer Meinung Ausdruck verlieh. Dass sich ihre „Hochgeschätzte Herrschaft“, also Loos und Elsie Altmann, trennten, passte ihr gar nicht. Es mache sie „sehr traurig, dass eine so glückliche Ehe zerstört werden muss“, schrieb sie an Loos, und setzte selbstbewusst hinzu: „Der gnädige Herr ist selbst schuld. Der gnädige Herr hätte nicht sollen nach Paris fahren. Meine liebe gute Gnädige war sehr unglücklich darüber, dass der gnädige Herr nicht da war ein volles Jahr“. Ihr sehnlichster Wunsch sei es, „meine lieben guten Herrschaften noch recht viele Jahre glücklich zu sehen“.

Als Mitzi 1921 Friedrich Schnabl ehelichte, einen drei Jahre jüngeren Tischler aus ihrem Heimatort, waren Loos und Elsie Trauzeugen. Die Hochzeit fand 1921 in der Florianikirche in Wien-Margareten statt. Einst auch Rauchfangkehrerkirche genannt, war die Kirche einmal ein Wiener Wahrzeichen, irgendwann aber nur mehr im Weg. 1965 wurde sie, wie es heißt „aus verkehrstechnischen Gründen“ abgerissen.

Mitzi Schnabl liebte ihren Friedl und war Loos treu ergeben, ebenso wie dessen jeweiligen Gattinnen. Auch seine dritte Frau Claire Beck schätze sie, wenngleich ihre Vorgängerin Mitzis Favoritin blieb, mit der sie auch über Loos’ Tod hinaus eine Freundschaft verband. Gar nicht mochte sie die Pflegerin, die sich in Loos’ letzten Tagen um den Kranken kümmerte. Sie unterstellte ihr, womöglich aus Eifersucht um ihre Vertrauensstellung, böse Absichten. Die Krankenschwester gab schließlich auf und verließ den Sterbenden.

Böse Absichten

Dennoch: Loos hatte allen Grund, seiner Haushälterin dankbar zu sein. Und man kann vermuten, dass er das auch war. Immerhin plante er ihr ein Haus. Dort soll Mitzi Schnabl, schreibt Altmann-Loos in ihren Erinnerungen, im Krieg Juden und andere Verfolgte versteckt haben. Sie wusste bestimmt um die Gefahr, derer sie sich damit aussetze. Wie sie auch sonst recht gut Bescheid zu wissen schien, was sie wollte. In einem Brief an Loos schreibt sie sehr konkret, wie sie sich ihr zukünftiges Zuhause vorstellt: „Unten eine Waschküche, ein Zimmer, ein Baderaum, eine Speis, Klosett, womöglich ein kleines Vorzimmer, oben 2 Mansardenzimmer.“

Bis zu ihrem Tod lebte Mitzi mit ihrem Mann in dem Häuschen. Gleichzeitig kümmerte sie sich um die Loos-Wohnung, nachdem Elsie Altmann-Loos Europa verlassen hatte. Die Übergabe an das Museum 1955 betreute Mitzi Schnabl selbst und half bei der Übersiedelung.

Der Abschied muss ihr nahegegangen sein. 1957 starb sie bei einem Gasunfall.

Der Reiseschreibtisch aber setzte seine Reise fort. Wenngleich in überschaubarem Rahmen. Er zog von Stadlau nach Liesing.

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