© Kurier/Gerhard Deutsch

Chronik Wien
07/11/2021

Zu Besuch im Wohnpark Alterlaa: Die beliebte Betonburg

In den 1970ern warnten Ärzte und Psychologen vor dem Leben im Hochhaus-Komplex. Die Kritik stärkte das „Wir-Gefühl“ der Mieter

von Agnes Preusser, Gerhard Deutsch

Sie sind von Weitem sichtbar, die Hochhäuser vom Wohnpark Alterlaa. Mit ihrer eigentümlichen Architektur sind sie aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Wohnt man nicht dort, ist man von den Bauten, in denen ungefähr so viele Menschen wohnen wie in Eisenstadt, fasziniert und abgeschreckt zugleich.

Als Kind habe sich Marco Wanda, Frontman der Band Wanda, immer vorgestellt, wie es sei, im Wohnpark Alterlaa zu leben, erzählte er kürzlich im KURIER-Interview. Mit dem Song „Die Sterne von Alterlaa“ hat die Band dem Bau nun ein Denkmal gesetzt.

Aber wie ist es nun wirklich, mit 10.000 anderen Menschen in diesen Hochhäusern zu leben?

Einer, der es wissen muss, ist Walter Bauchinger. Der 67-Jährige war in den 1970ern einer der ersten Mieter, die eingezogen sind. „Und raustragen wird man mich mit den Füßen voran“, so Bauchinger. Das sei überhaupt einer der meistgesagten Sätze im Wohnpark, sagt Michaela Horvath vom Mieterbeirat.

Bauchinger hätte sogar eine attraktive andere Wohn-Option. Vor ein paar Jahren hat er beim Maurer Berg, einer der schönsten Gegenden Wiens, ein Haus gebaut, aber statt selbst dort zu leben, vermietet er es.

In den 70ern sei es „ein unheimliches Abenteuer“ gewesen, im Wohnpark einzuziehen. „So eine Wohnanlage hat es bis dahin noch nicht gegeben“, sagt Bauchinger. In der Öffentlichkeit hätten sich aber sofort zwei Lager gegen den Plan von Architekt Harry Glück (siehe Infokasten unten) gebildet – die glühenden Verfechter und die kompletten Gegner. Psychologen und Ärzte warnten in den Medien, dass es psychisch krank machen könnte, in den Betonburgen zu leben, erzählt Bauchinger. „Das hat ein totales Wir-Gefühl bei uns Wohnparkbewohnern ausgelöst, wir waren vereint gegen die Stimmen von außen und wollten beweisen, wie gut es uns hier geht.“

Das Wir-Gefühl hält sich bis heute. Das zeigt sich schon an 33 Wohnpark-Vereinen, die hier angesiedelt sind. Man kann etwa gemeinsam Sport machen oder Bridge spielen.

Fans aus Deutschland

Einer der Vereine erlangte sogar internationale Berühmtheit. Hinter einer typischen braunen 70er-Jahre-Tür verbirgt sich das weltgrößte Archiv über den österreichischen Schlagersänger und Schauspieler Freddy Quinn. Bei Veranstaltungen reisen auch Quinn-Fans aus Deutschland dafür an.

"Kann individuell alleine leben"

Es sei aber niemand verpflichtet, einem Verein beizutreten. „Das Schöne ist, dass man hier individuell alleine leben kann, aber es eben nicht muss“, sagt Bauchinger. Dem stimmt auch die 28-jährige Moni Reisinger zu. „Ich persönlich quatsche aber mit jedem.“ Das liege aber auch daran, dass ihre Eltern hier sehr bekannt seien, die auch noch im Wohnpark leben.

Sie selbst sei schon im B-Block geboren worden und wohne jetzt im C-Block. Auch zwei ihrer Geschwister haben sich eigene Wohnungen im Wohnpark gesucht. Jetzt teilen sie sich alle ein Auto und ein Lastenrad. „So ein Familienverband ist sonst nur in Generationenhäusern möglich“, sagt sie.

Reisinger liebt „es hier einfach“. Kinderärzte und Kindergarten seien gleich vor der Tür, ebenfalls Einkaufsmöglichkeiten und Parks. Und mit dem Schwimmbad am Dach sei es überhaupt „absoluter Luxus“, sagt sie.

In den 70ern war die monatliche Belastung der Miete sehr hoch, erzählt Bauchinger. „Das war fast die Hälfte des Gehalts“, sagt er. Mittlerweile sind fast alle Blöcke ausfinanziert – und darum leistbar.

Ebenfalls ein Grund, warum die Wohnungen sehr beliebt sind. Eine Wohnung mit 67 Quadratmetern im C-Block kostet zum Beispiel 680 Euro monatlich, inklusive Warmwasser. Selbstverständlich mit Balkon, denn es gibt im Wohnpark keine Wohnungen ohne.

Grüne Hochhäuser

In den unteren Stöcken gibt es die charakteristischen Blumentröge, in die manche Mieter sogar Bäume eingepflanzt haben. „Wenn man aus dem Fenster auf die anderen Blöcke schaut, sieht man überall grün“, sagt Andrea Müller. Die 28-Jährige ist wie Reisinger im Wohnpark aufgewachsen und wollte als Erwachsene unbedingt wieder hier eine Wohnung haben. Dafür ist sie fünf Jahre auf der Warteliste gestanden. Das sei die gängige Wartezeit, um hier einziehen zu können.

Nur auf ein Pärchen trifft das nicht zu: Zwei Falken haben sich einfach eingenistet und zählen nun auch schon seit Jahren zu Dauermietern.

Überhaupt gebe es viele Tiere in der Umgebung, sagt Horvath vom Mieterbeirat. Da sitze schon mal ein Eichkatzerl im Kasten.

In die Jahre gekommen

Dass die Gebäude nicht mehr ganz neu sind, sieht man allerdings schon. Mit dunklem Braun und Beige an Wänden und Böden verströmen die Gänge 1970er-Charme. Durch die gedeckten Farben wirkt es durchaus auch trist. Zum Ausgleich wird man von allen begrüßt, denen man am Gang begegnet.

Bei der Errichtung war der Wohnpark sehr modern. Es gibt zum Beispiel ein eigenes Müllentsorgungssystem. Manches ist aber schon in die Jahre gekommen. Bauchinger, der vor seiner Pensionierung in der Haustechnik-Branche gearbeitet hat, setzt sich darum für neue Standards ein: etwa für eine sauberere Energieversorgung oder auch für E-Ladestellen bei den Garagenplätzen.

Sauna, Tennis und Kinderdisco

Dafür gibt es auch abseits der Vereine viele Freizeitmöglichkeiten. Neben den schon erwähnten Schwimmbädern auf den Dächern gibt es Tennisplätze, Saunen und sogar Indoor-Spielplätze. Einer davon kann dank Discokugel sogar zur Kinderdisco umfunktioniert werden.

In der Mitte der Anlage gibt es sogar eine eigene katholische Kirche. In einem der Hobbyräume gibt es eine evangelische Predigtstation, bei der auch Bauchinger engagiert ist. Alles ist auf Gemeinschaft ausgelegt.

„Einsame Gespenster in den Fenstern von Alterlaa“, wie sie im Lied von Wanda besungen werden, gibt es darum vermutlich nur wenige.

Erbauung: Der Bau des Wohnparks Alterlaa startete in den 1970ern. Der letzte Bauteil wurde 1985 fertiggestellt.

Leitlinien: Architekt Harry Glück setzte bei seinen Entwürfen auf Nähe zu Wasser, Zugang zur Natur und Gemeinschaft mit den Nachbarn bei größtmöglicher Privatsphäre.

3.200 Wohnungen: Auf dem 240.000 Quadratmeter großen Areal finden sich großteils familientaugliche Wohnungen.

Badespaß: Die Dachschwimmbäder, die auch bei jedem Block zu  finden sind, gehören zu den Markenzeichen von Harry Glück.

 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.