Für Reiseführer-Autoren besteht Wien hauptsächlich aus Fiakern, Schnitzeln und Sisi-Kitsch 

© APA/AFP/ALEX HALADA

Chronik Wien
07/03/2021

Klischeekeule: Reiseführer über Wien im Realitätscheck

Oida, da sind nur Schnitzel essende Operndirektoren. Eine Lektüre zwischen Sprachbarrieren und Kopfschütteln

von Agnes Preusser

Wie ist man eigentlich so als Wiener? Wer seine eigene Identität hinterfragen möchte, der kann zu einem der unzähligen Wien-Reiseführer greifen. Das kann einen allerdings in eine leichte Krise stürzen, wenn, man kein wandelndes Klischee auf zwei Beinen ist.

In anderen Worten: Wenn man als Leibspeise nicht Schnitzel hat, einen Klimt-Schrein sein Eigen nennt und einen nicht immer ein Hauch von K.-u.-k.-Monarchie umgibt, darf man sich dann überhaupt einheimisch nennen?

Glaubt man zum Beispiel dem „Baedeker“, dem Klassiker unter den Reiseführern, dann eint in der „Donaumetropole“ (sagt dieses Wort jemals wer ernsthaft?) vor allem eine Passion: die klassische Musik. „Jeder Wiener ist ein Operndirektor“ steht dort geschrieben. Aha. Das wird den meisten wohl neu sein.

Zauberflöten-Startelf

Vielmehr sind doch alle Fußballtrainer. Und seit Anfang der Pandemie haben sich einige zusätzlich nebenberuflich als Virologe etabliert. Aber Operndirektor? Die wenigsten Gespräche am Stammtisch werden sich um die Sänger-Startelf bei der Zauberflöte drehen. Wer das anders sieht, der singe die erste Arie.

Im selben Kapitel erwartet den Leser dann noch ein regelrechter Affront in Bezug auf die Staatsoper. „Der wuchtige Bau an der Ringstraße mag bei Tag zwar einem Bahnhof ähneln.“ Bitte wie? Oder besser: Oida, was? Man mag vielleicht kein Operndirektor sein, aber dem weltberühmten Bau am Ring gilt es natürlich trotzdem ausnahmslos zu huldigen. Wie ein Bahnhof! Also, bitte.

Zumindest Nicht-Wiener haben vor dem heimischen Glanz und Gloria einen Kniefall zu machen. Denn, wie in „City Trip Wien“ richtigerweise steht, „echte Wiener lieben und hassen ihre Stadt gleichermaßen und würden doch niemals dulden, dass ein Fremder schlecht über ihre Stadt redet.“

Sprachbarrieren

Apropos sprechen: Laut Reiseführer „Marco Polo“ ist „Oida“ das beliebteste Wort. Wer Wien wirklich verstanden hat, weiß natürlich, dass es in Wahrheit „ur“ ist, das sich sanft und ur unauffällig in fast jeden Satz drängt. (Behaupten zumindest Gesprächspartner aus anderen österreichischen Bundesländern).

 „Jeder Wiener ist ein Operndirektor“ steht dort geschrieben.  Aha. Das wird  den meisten wohl neu sein.

In puncto Sprache passiert im selben Reiseführer noch ein riesiger Fauxpas, der bei Verteidigern des echt Wienerischen vermutlich Schnappatmung auslösen wird.

Bei einem Artikel zum Böhmischen Prater steht doch tatsächlich der Titel „Dreh ne Runde“. NE! Was kommt als nächstes? Weißweinschorle im Beisl?

So abwegig ist das allerdings gar nicht, denn die Institution Beisl hat von den Reisebuchautoren eigentlich gar niemand richtig verstanden. Laut „Lonely Planet“ verweilt man dort, „trinkt etwas und genießt die hiesige Küche und das Flair“.

Dabei macht doch der Charme eines echten Beisls aus, dass es etwas zu dunkel und zu schummrig ist, dass man den Rauch noch riecht, obwohl seit Jahren Rauchverbot herrscht und dass es hauptsächlich Toast zu essen gibt. Und dass zumindest einer bei der Schank sitzt, den man beim Sprechen nicht mehr so ganz versteht. Ein bisschen grindig muss es jedenfalls sein. Im besten Sinne.

Beim Kaffee liegt Dreh-ne-Runde-„Marco Polo“ übrigens wiederum goldrichtig. Als Tipp wird den Touristen nämlich mitgegeben, beim Bestellen nur ja nicht die erste Silbe zu betonen. „Schließlich hat das Wort nicht umsonst zwei e am Schluss, denken sich die Wiener“. So ist es.

Ungeliebte Bezirke

Ein bisschen gemein, eigentlich sogar ur gemein, ist das Buch „Glücklich in Wien – Der Reiseführer für Genießer und Entdecker“. In bunten Farben sind Wiens Stadtviertel eingezeichnet, damit man sich bei den Tipps schnell zurechtfindet.

Keine Farbe (und somit auch keine Tipps) haben aber der 10., 11. und 12. Bezirk abgekommen, weil die deutschen Autoren sich offensichtlich nicht dorthin getraut haben.

Wer das Meidlinger Off-Theater Werk X oder das Simmeringer Veranstaltungszentrum Schloss Neugebäude links liegen lässt, der hat sich auch Tichys Eismarillenknödel aus Favoriten nicht verdient. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

Noch schlimmer hat es nur noch Liesing getroffen. Der 23. Bezirk ist nicht mal mehr eingezeichnet. Stattdessen gibt es nur einen Pfeil, der Richtung S (für Süden) zeigt. In die Tipps auf den hinteren Seiten hat sich dann aber doch ein Liesinger Betrieb eingeschlichen, nämlich der Heurigenwirt Edlmoser in der Maurer-Lange-Gasse.

Im Buch ist er allerdings im 13. Bezirk angesiedelt. Als ob alles Gute aus dem mondänen Hietzing kommen muss. „City Trip Wien“ lockt am Cover Leser mit der Alliteration „Habsburger, Heuriger und Hundertwasser “ – und mit der Aussicht auf einen Ausflug nach Bratislava.

Was eigentlich einem „Komm nach Wien, da ist eine noch bessere Stadt daneben“ gleichkommt. Frechheit. (Wieso hat eigentlich niemand ein Kapitel dem ausgeprägten Wiener Minderwertigkeitskomplex gewidmet?)

Das Beisl wird oft falsch verstanden. Hier ist eine  Nachspeise höchstens ein Schnaps.

Der „Lonely Planet“ ist schon fast süß naiv. „Wiener sind ziemlich höfliche Zeitgenossen“ steht da. Das muss wohl an der Sprachbarriere und einer Missinterpretation von „Schleich dich“ liegen. Die Autoren empfehlen zudem „ausgehtaugliche Kleidung“, weil die Wiener sich „gern schick anziehen“. Was in der Hauptstadt der Gemütlichkeit wohl nur sehr bedingt zutrifft.

Da kann man dem „Baedeker“ schon mehr Glauben schenken. Dort strömt nur ins Bahnhofsgebäude Staatsoper „vornehm gekleidetes Publikum“.

Ein Dom für Bastler

Laut „Glücklich in Wien“ wurde der Stephansdom übrigens im Jahr 1147 fertiggestellt. Das ist natürlich nur bedingt richtig. Es handelt sich dabei schließlich um eine Vor-Vorfahrin der heutigen Stephanskirche, die bereits 1149 vom Blitz getroffen wurde und teilweise ausgebrannt ist.

Baedeker
378 Seiten
24,95 Euro
zuletzt aktualisiert erschienen 2020 in der 21. Auflage

Glücklich in Wien
Süddeutsche Zeitung Edition
von Tanja und  Christian Roos
188 Seiten
19,40 Euro

Lonely Planet
284 Seiten
19,50 Euro
zuletzt aktualisiert erschienen 2020 in der 5. Auflage

City Trip Plus
Reise Know-How
Habsburger, Heuriger und Hundertwasser – mit Ausflug nach Bratislava
276 Seiten
17,40 Euro 

Marco Polo
Reisen mit Insider-Tipps
156 Seiten
15 Euro 

Generell ist der Steffl ja mehr  etwas für Bastler und im Zustand der Dauerrenovierung – und somit überhaupt noch nie fertig gewesen. Was wohl jeder weiß, der in Wien zur Schule gegangen ist. 
Nicht, weil man aufgepasst hat, sondern weil man mindestens einen Tag mit einer versiegelten Spendenbüchse durch die Stadt geirrt ist, um Geld für den Dom zu sammeln.

Essen ist in den Reiseführern natürlich ein großes Thema. Generell wird fast durch die Bank darauf rumgeritten, dass Schnitzel, Kaffee und Co gar nicht in Wien erfunden worden sind, sondern die heimischen Klassiker einfach ein Best-of aus aller Welt sind.

Das mag zwar richtig sein. Aber manche werden eben für gestohlenes Essen weltberühmt. Andere essen Schnitzel mit Tunke. 

Bei der Nachspeise haben sich einige Irrtümer in die Reiseführer eingeschlichen. Im „Baedeker“ kommen köstliche Mehlspeisen im Beisl auf  den Tisch. Wie schon erläutert: Das Beisl wird oft falsch verstanden. Hier ist eine Nachspeise höchstens ein Schnaps.

Henkersmahlzeit

Im „Lonely Planet“ wagt man sich mit Süßigkeiten an den Sensenmann heran. „Würde sich  ein Wiener seine Henkersmahlzeit wünschen, würde er todsicher etwas Süßes wählen“. Vielleicht. Aber in den meisten Fällen wohl nur dann, wenn dieser Bestellung bereits  eine üppige Hauptspeise und ein Bier vorangegangen ist. 

Das Verhältnis der Wiener zum Tod wird natürlich auch bei den anderen  thematisiert. Laut „Marco Polo“ ist ein „Spaziergang auf einem der vielen historischen  Friedhöfe (...) an einem nebligen Novembertag Balsam für die Wiener Seele.“ 

Naja. Das mag vielleicht in einem Film romantisch sein. Aber im kalten, grauslichen November-Wien geht man doch eher nicht zum Spaß auf einem Friedhof spazieren – nur weil man gelegentlich deplatzierte Witze über tote Menschen macht.

Ein Klischee jagt also das andere. Bei den Fiakern gehen zum Beispiel auch bei fast allen Autoren die Pferde durch.  Aber auch wenn  jetzt alles furchtbar klingt, so muss man zugeben, dass man auch als Wiener viel Neues in all den Reiseführern entdecken kann.

Ein bisschen ätzen wird wohl noch erlaubt sein. Sonst hätten die Autoren nicht alle durch die Bank den Wiener Schmäh loben dürfen.

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