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Chronik Wien
03/11/2022

Wiener Traditionsbäckerei lichtet den Anker: Produktion siedelt ab

Ankerbrot lässt seine Produktionsstätte in der Absberggasse zur Gänze auf und verlagert diese nach Lichtenwörth in Niederösterreich. In Wien wird nun ein neuer Sitz für Verwaltung und Logistik gesucht.

von Patrick Wammerl, Kid Möchel, Stefanie Rachbauer

Es war im Jahr 1891, als 25 Mitarbeiter am Laaer Berg pro Tag 2.000 Laib Brot backten – geprägt mit dem mittlerweile berühmten Anker.

Etwas mehr als 130 Jahre später endet diese Tradition an dem markanten Standort in der Absberggasse. Die alteingesessene Bäckerei Ankerbrot mit knapp 90 Millionen Euro Jahresumsatz verlagert ihre gesamte Produktion von Favoriten ins niederösterreichische Lichtenwörth.

Dort befindet sich die 100-prozentige Anker-Tochter Linauer & Wagner. Die wird nun ausgebaut – am gestrigen Donnerstag erfolgte der Spatenstich. Für mehr als 30 Millionen Euro wird eine zusätzliche Großbäckerei samt vollautomatischem Tiefkühl-Hochregallager errichtet.

Damit ist auch klar: Der Neubau einer Anker-Produktionsstätte in Simmering, der zuletzt im Gespräch war, ist definitiv vom Tisch. Ganz kehrt Anker Wien aber nicht den Rücken.

Für Verwaltung und Logistik wird in der Stadt ein neuer Standort gesucht. Das gestalte sich zwar „schwieriger, als erwartet“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Ziel sei es, jedenfalls in Wien zu bleiben.

Erweiterung für den Handel

Ankerbrot hat sein Geschäft auf drei Säulen aufgebaut: die 100 Bäckerei-Filialen im Raum Wien, die Gastronomie und den Lebensmittelhandel. Die ersten beiden Zweige haben gehörig unter Corona gelitten, der Lebensmittelhandel war weniger betroffen.

Die Erweiterung in Lichtenwörth ist wirtschaftlich eine kräftige Ansage. „Das ist ein historischer Schritt für Ankerbrot, die 30 Millionen Euro werden in den stabilsten Absatzkanal, in den Lebensmittelhandel investiert“, sagt Geschäftsführer Walter Karger zum KURIER.

„Vom Umsatz her machen wir 40 Prozent mit dem Lebensmittelhandel, vom Produktionsvolumen macht er sogar 80 Prozent aus“, so Karger.

Ankerbrot hat jahrzehntelange Partnerschaften mit Handelsketten, die umfangreichste besteht mit Rewe (Billa, Billa plus, Penny). Der G’staubte Wecken, das Dinkelbrot, Mohnweckerl oder die Semmelbrösel aus dem Hause Anker finden sich in nahezu jedem Supermarkt.

Betriebsstart im nächsten Jahr

In Zukunft werden 150 zusätzliche Mitarbeiter in Lichtenwörth die gesamte Produktpalette produzieren, das sind pro Jahr 230 Millionen Stück Brot und Feingebäck. 2023 soll die neue Bäckerei in Betrieb gehen.

Ankerbrot wird für das Projekt die Covid-Investitionsprämie des Bundes in Anspruch nehmen, auch für die Energieeffizienz gibt es Förderungen.

„Modernste Technik, zum Beispiel Fotovoltaik und Wärmerückgewinnung, wird es uns ermöglichen, den Backbetrieb über 30 Prozent energieeffizienter zu gestalten“, sagt Anker-Chef Karger.

Nachnutzung offen

Hintergrund der Absiedlung nach Lichtenwörth bzw. der Suche nach einem neuen Bürostandort in Wien ist der Umstand, dass Anker die Liegenschaft in der Absberggasse im Jahr 2019 an Immobilienentwickler verkauft hat und dort nur noch Mieter ist.

Was nach dem Auszug von Anker mit dem Areal passieren soll, ist offen. Ein bereits vor Jahren stillgelegter Teil der Produktionsstätte wurde in das Kulturquartier „Brotfabrik“ mit Veranstaltungsräumen, Büros und Lofts umfunktioniert.

Bezirk: "Privatwirtschaftliche Entscheidung"

Im Rathaus will man die Absiedlung nach Lichtenwörth nicht kommentieren. Aus der Wirtschaftsagentur heißt es, dass zwischen Wien und Niederösterreich keine Konkurrenz um Unternehmen herrsche. Es gehe vielmehr darum, die Ostregion insgesamt zu stärken.

Wie viele Betriebe zuletzt von Wien nach Niederösterreich gezogen sind und umgekehrt, dazu werden in wenigen Monaten   Daten vorliegen. Die Wirtschaftsagenturen der beiden Bundesländer arbeiten an einer gemeinsamen Präsentation dazu.  

Der KURIER konnte vorab zumindest Zahlen für die Absiedlungen nach Niederösterreich in Erfahrung bringen: Demnach haben  in den vergangenen fünf Jahren 48 Unternehmen mit Stammsitz in Wien einen weiteren Standort in Niederösterreich geschaffen oder ihren Betrieb komplett verlegt. 

Diesen Weg schlugen immer wieder auch  prominente Firmen ein. So lief etwa 2015 am Rennweg die letzte Niemetz-Schwedenbombe vom Band, das Werk wurde nach  Wiener Neudorf verlegt. Manner aus Hernals produziert  seit Jahrzehnten auch in Wolkersdorf Schnitten.  Und der Döblinger Sekthersteller Schlumberger denkt an, sich im  Burgenland anzusiedeln.  

Bei der Wiener Wirtschaftsagentur zeigt man sich gelassen: Wien bleibe ein beliebter Standort für Unternehmenszentralen. 

Leicht betrübt zeigt sich der Favoritner Bezirkschef Marcus Franz (SPÖ): Natürlich wäre es uns lieber, wenn Anker in Favoriten bleiben würde. Es handelt sich aber um eine privatwirtschaftliche Entscheidung, die zu respektieren ist.“

Plädoyer für das Regionale

Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) betonte beim Spatenstich in Lichtenwörth vor dem Hintergrund der Pandemie und des Krieges in der Ukraine die enorme Wichtigkeit der Regionalität.

„Neben all den menschlichen Tragödien zeigt uns die schlimme Lage derzeit deutlich, wie fragil internationale Lieferketten sein können und wie wichtig es ist, produzierende Unternehmen im eigenen Land zu haben", so Mikl-Leitner. Das gelte vor allem für so zentrale Bereiche wie die Lebensmittelindustrie“.

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