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Chronik Österreich
04/19/2021

Ankerbrot: Favoriten ist wieder Favorit

Die Großbäckerei muss Investitionen drosseln. Das betrifft vor allem die geplante Übersiedlung.

von Kid Möchel, Dominik Schreiber, Agnes Preusser

130 Jahre alt, 130 Filialen, 1.300 Mitarbeiter – der Wiener Traditionsbäcker Ankerbrot mit Sitz in der Absberggasse in Favoriten hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. In den vergangenen Jahrzehnten kam es zu etlichen Wechseln – sowohl bei den Geschäftsführern als auch bei den Eigentümern.

Seit dem Frühjahr 2014 gehört das Unternehmen einem Investoren-Konglomerat um den Sanierer Erhard Grossnigg. Seit Februar 2018 hat Grossniggs unternehmerischer Wegbegleiter Walter Karger das geschäftliche Steuer in der Hand. Karger hat sich die Modernisierung des Unternehmens auf die Fahnen geschrieben.

Dazu gehört auch ein neuer Standort für die Firmenzentrale. Der altehrenwürdige Stammsitz ist zum Teil denkmalgeschützt, darunter fallen das Bürogebäude, die neue Verladehalle sowie der alte und neue Getreidesilo.

Der Backkonzern verkaufte die Liegenschaft im Juni des Jahres 2019 laut Gewinn um 33,25 Millionen Euro an die CNG Immobilienentwicklung GmbH der Wiener Investoren Nazli und Nemat Farrokhnia.

Und die CNG verkaufte Ende 2019 die 4,15 Hektar große Liegenschaft um 41 Millionen Euro an die Allora Alpha GmbH & Co KG des Immobilienentwicklers Peter Ulm. Laut Kaufvertrag flossen aber nur elf Millionen Euro, die restlichen 30 Millionen Euro entfallen auf die Übernahme von Bankverbindlichkeiten, die das Grundstück belasten. Doch der Vertrag birgt auch eine Besserungsklausel. Diese betrifft die Widmung des Grundstücks. Es ist als Industriegebiet gewidmet.

Höherwertige Widmung

Sollte der Käufer eine „höherwertige Widmung“ erwirken, zum Beispiel Wohngebiet, werden bei einer Bruttogrundfläche von mehr als 100.000 Quadratmetern weitere fünf Millionen Euro fällig. Sollte die Umwidmung nicht bis Ende Juni 2023 erfolgen, erlischt die Kaufpreisnachbesserung.

Indes hat die Ankerbrot-Führung schon 2019 angekündigt, dass sie sich um eine neue Liegenschaft für die Produktion und Verwaltung in Wien umschauen wird. Damals nahm man an, dass Ankerbrot für seine Neuaufstellung drei bis fünf Jahre benötigen wird.

Solange wollte man noch in der Absberggasse werken. Tatsächlich sicherte sich das Unternehmen in Simmering eine Liegenschaft. Dort sollte ein zweistelliger Millionenbetrag in neue Gebäude investiert werden.

Doch diesen Plänen hat nun die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Wir hätten uns nie gedacht, dass wir als Produzent von Grundnahrungsmitteln von dieser Pandemie so schwer getroffen werden“, sagt Ankerbrot-Chef Walter Karger zum KURIER. „Wir sind nach wie vor stabil aufgestellt. Wir dürfen aber keinesfalls die Zukunft des Unternehmens mit Investitionen in einem hohen zweistelligen Millionenbetrag für einen Neubau in Simmering gefährden.“

Standort Lichtenwörth

So hat Karger das Projekt Simmering gestoppt, aber der Zubau im niederösterreichischen Lichtenwörth wird realisiert. Von dort aus versorgt Ankerbrot mit der Zweitmarke Linauer den Lebensmitteleinzelhandel.

Zugleich sucht das Unternehmen nun ein Alternativ-Objekt in Wien für die Verwaltung und die Versorgung der Filialen. „Schön wäre es, wenn wir wieder eines im Bezirk finden würden“ sagt Karger. „Der zehnte Bezirk ist aus Logistiksicht ein guter Standort und er ist, was die Mitarbeiter betrifft, öffentlich sehr gut erschlossen.“ Karger schließt auch nicht ganz aus, dass der alte Standort der neue sein könnte. Was hat aber Allora-Chef Peter Ulm mit der Liegenschaft vor?

„Ich habe einen aufrechten Mietvertrag mit Ankerbrot“, betont er gegenüber dem KURIER. „Pläne werden wir dann entwickeln, wenn wir wissen, ob und wann Ankerbrot tatsächlich auszieht.“

Schon der Kaiser schätzte den Anker

Wien und Ankerbrot können gemeinsam auf eine 130-jährige Historie zurückblicken. Es ist eine turbulente Geschichte, die von wirtschaftlichen Höhen und gleichzeitig von historischen Abgründen geprägt ist.

Heinrich und Fritz Mendl  starteten im Jahr 1891 die Firmenlegende. Die zwei Brüder, beide keine Bäcker und beide ohne Ahnung vom Brotgeschäft, wagten einen mutigen Schritt.  Sie lösten die Bäckerei von Emanuel Adler aus der Konkursmasse und legten in Favoriten den Grundstein für eine Firma, die zwischenzeitlich sogar zu Europas größter Brotfabrik avancierte.  Als Markenzeichen wurden Anker in die Brote geprägt, ein Symbol für Sicherheit.

Die Mendls setzten auf Innovation und führten Teigmaschinen in ihrem Betrieb ein. So konnten 25 Bäcker täglich rund 2.000 Laibe Brot herstellen.

Kaiser Franz Joseph dürfte begeistert gewesen sein. Auf seinen persönlichen Wunsch hin wurden seit 1901 die kaiserlichen Veranstaltungen von Ankerbrot beliefert. Das brachte dem Unternehmen auch die offizielle Bezeichnung als „k.u.k. Hoflieferant“ ein.

In den 30er-Jahren soll sich ein Werbespruch besonderer Bekanntheit erfreut haben: „Worauf freut sich der Wiener, wenn er vom Urlaub kommt?

Auf Hochquellwasser und Ankerbrot“.

Die NS-Zeit läutete für Anker das düsterste Kapitel der Firmengeschichte ein. Die jüdische Gründerfamilie musste fliehen, der Betrieb wurde arisiert. „Die Ankerbrotfabrik AG hat ab 15. März 1938 eine rein arische Leitung und beschäftigt 1.600 arische Mitarbeiter“, wurde 1938 in Zeitungen inseriert. Von September 1944 bis März 1945 befand sich in der Fabrik ein Zwangsarbeiterlager.

Nach dem Krieg kehrte die Familie Mendl nach Wien zurück und übernahm wieder den Betrieb. In den 70ern wurde eine Sauerteiganlage zum Erfolgsfaktor. Sie verkürzte den Herstellungsprozess des Teiges von zwei Tagen auf acht Stunden.  Das Verfahren ist in 14 Ländern patentiert. Das  eingeprägte Anker-Symbol auf den Broten gibt es seit 1983 nicht mehr – damals wurde auf eine Wort-Bild-Marke umgestellt.

Am legendären Standort in Favoriten werden heute noch  drei  Viertel der Anlage  für die Brotproduktion genutzt. Im restlichen Viertel befinden sich Lofts und verschiedene kulturelle Einrichtungen wie die Galerie Ostlicht.

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