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Chronik Wien
01/21/2020

Wiener Gumpendorfer Straße: Grüne wollen Verkehrsachse kappen

Die stark befahrene Gumpendorfer Straße soll umgestaltet werden. Für die Grünen ist die Begegnungszone in der Neubaugasse das Vorbild. So soll das Konzept aussehen.

von Stefanie Rachbauer

Autos, die mit überhöhter Geschwindigkeit am Esterházypark vorbeifahren. Bewohner der Gumpendorfer Straße, die sich einerseits über Raser und anderseits über Stau beschweren. Und ansässige Geschäftsleute, die sich „viel Grün, wenig Verkehr und beruhigte Verkehrszonen“ wünschen.

Zu sehen – und zu hören – ist all das aktuell in einem knapp zwei Minuten langen Video, das die Mariahilfer Grünen vor wenigen Tagen auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht haben. „Die Menschen in Mariahilf wünschen sich eine neue Gumpendorfer Straße. Schon bald gibt es von uns mehr dazu“, heißt es geheimnisvoll im Begleittext.

„Bald“ ist – so viel steht inzwischen fest – morgen: Am Mittwochvormittag präsentieren die Grünen ihr Konzept zur Neugestaltung der Gumpendorfer Straße, liebevoll auch „Gumpi“ genannt. Und zwar mit Schützenhilfe von Verkehrsplaner Harald Frey von der Technischen Universität (TU) Wien.

Für manchen mag sich das wie ein Déjà-vu anfühlen. Kein Wunder: Tatsächlich forderten die Grünen schon vor Jahren breitere Gehsteige und mehr Bäume für die Gumpendorfer Straße – anstelle von Parkplätzen. Und auch damals auf Basis einer Studie von TU-Mann Frey. Doch dieses Mal gehen sie weiter.

„Begrünung und Gehsteigvorziehungen sind nur der Minimalanspruch“, sagt Michael Reichelt im Gespräch mit dem KURIER. „Wir wollen tabulos diskutieren.“ Der Grüne ist stellvertretender Bezirksvorsteher in Mariahilf, geführt wird der Bezirk von der SPÖ.

Das erklärte Ziel der Grünen sei, die „Lebensqualität auf der Gumpendorfer Straße deutlich zu erhöhen“. Dazu gehöre jedenfalls, den Durchzugsverkehr zu reduzieren.

Davon gibt es nämlich genug. Seit die parallel verlaufende Mariahilfer Straße weitgehend autofrei wurde, ist die „Gumpi“ – abgesehen von der Wienzeile – im 6. Bezirk die einzige direkte Verbindung zwischen Gürtel und Zweierlinie.

Wie der Verkehr da weniger werden soll? „Vorbild ist der 7. Bezirk mit der Neubaugasse“, sagt Reichelt.

Soll die "Gumpi" eine Begegnungszone werden?

Clemens Frey (25), TU-Student: „Ich bin allgemein für mehr Begegnungszonen, der Autoverkehr wird dadurch eingedämmt und entschleunigt.“

Soll die "Gumpi" eine Begegnungszone werden?

Jolanta Miszozul (55), Bäckerei "15 Süße Minuten": „Für uns wäre eine Begegnungszone gut für das Geschäft. Es wäre ruhiger, mehr Grün wäre super.“

Soll die "Gumpi" eine Begegnungszone werden?

Daniel Mutic (36), Busfahrer: „Eine Begegnungszone würde von Autofahrern mehr  Konzentration verlangen und deshalb mehr Risiko für Fußgänger bedeuten.“

Soll die "Gumpi" eine Begegnungszone werden?

Sophie Mayer (31), Anrainerin: „Eine Begegnungszone fände ich gut. Ich wohne in der Nähe und bin auf jedem Weg, den ich gehe, von zu vielen Autos umgeben.“

Soll die "Gumpi" eine Begegnungszone werden?

Emanuel Felmer (33), Radfahrer: „Weniger Verkehr heißt weniger Stress. Wäre die Lage entspannter, würden vielleicht mehr Leute Rad fahren oder zu Fuß  gehen.“

Soll die "Gumpi" eine Begegnungszone werden?

Aglaja Bakalowits (63), Manufaktur für Beleuchtung: „Begegnungszonen sind schlecht  für Anlieferungen. Will die Stadt die Wirtschaft umbringen?“

Duell mit der SPÖ

Die Neubaugasse, wenige hundert Meter von der Gumpendorfer Straße entfernt, ist derzeit eine Großbaustelle: Markus Reiter, Bezirkschef im benachbarten 7. Bezirk und Parteikollege von Reichelt, lässt – nach langen Diskussionen – den Straßenzug zwischen

Mariahilfer Straße und Burggasse in eine verkehrsberuhigte „kühle Meile“ umbauen. Das bedeutet: Separate Fahrspuren und Gehsteige wird es dort ab September nicht mehr geben. Stattdessen werden sich die Buslinie 13A, Autolenker, Radfahrer und Fußgänger eine niveaugleiche Fläche teilen.

Eine derartige Begegnungszone schwebt den Mariahilfer Grünen wohl auch für die Gumpendorfer Straße vor. Autoverkehr wäre damit noch möglich, aber stark eingeschränkt.

Das Tauziehen um die Zukunft der Straße geht mit diesem Vorstoß in die nächste Runde. Denn auch die SPÖ hat Pläne: Im Dezember kündigte Markus Rumelhart, Vorsteher im 6. Bezirk, ein Bürgerbeteiligungsverfahren und eine umfassende Verkehrs- und Potenzialanalyse zur Gumpendorfer Straße an.

Beides kann aber wohl erst nach der Bezirksvertretungswahl im Herbst durchgeführt werden: Die anderen Fraktionen im Bezirksparlament – übrigens auch die Grünen – legen sich nämlich quer. 

Die nahende Wahl dürfte auch der Grund sein, warum die Grünen die Gumpendorfer Straße erneut beackern: Schon im Vorfeld der Wien-Wahl im Jahr 2015 war die „Gumpi“ ihr Hauptthema. Das Bezirksparlament konnten sie mit ihren Plänen letztlich aber nicht überzeugen. Mit dem Ergebnis, dass die Straße heute im Wesentlichen noch immer aussieht wie damals.

Warum die Umgestaltung jetzt gelingen soll? „Es ist notwendig, etwas gegen die Klimakrise zu tun“, sagt Reichelt, der für die Mariahilfer Grünen als Spitzenkandidat in die Wahl zieht. „Das Bewusstsein ist jetzt da. Wir wollen jene Leute hören, die nicht nach einer Kfz-orientierten Politik schreien.“

„Historische Chance“

In der Gumpendorfer Straße ist aus Sicht der Grünen nicht nur die Zahl der Autos, sondern auch ihr Tempo problematisch: Sie fahren oft schneller als die vorgeschriebenen 30 km/h. Das sagt Reichelt. Und das erzählen auch Anrainer.

Das macht die Straße unsicherer – etwa für Radfahrer. Weil es nur in zwei kurzen Abschnitten (zwischen Corneliusgasse und Kopernikusgasse sowie zwischen Theobaldgasse und Getreidemarkt) einen Radstreifen gibt, müssen sie fast durchgehend auf der Autospur radeln.

Zudem steigert die Geschwindigkeit den Lärm. Und der macht die Aufenthaltsbereiche entlang der Straße – zum Beispiel den Esterházypark vis-à-vis des Apollo-Kinos oder den Kurt-Pint-Platz vor der Kirche – ungemütlicher.

Reichelt ist überzeugt, dass ein Umbau helfen könnte: „Die Fahrbahn ist breit, bauliche Maßnahmen fehlen. Deshalb wird die Höchstgeschwindigkeit nicht eingehalten.“ Die Buslinie 57A, die einen weiten Teil ihrer Strecke auf der „Gumpi“ zurücklegt, soll weiter dort fahren, betont er.

Reichelt sieht eine historische Chance. „Wir haben die Möglichkeit, eine nachhaltige Lösung zu finden. Wenn wir jetzt etwas ändern, greifen wir die Straße für die nächsten 100 Jahre nicht mehr an.“

Bis die Vision der Grünen Realität werden könnte, ist es allerdings noch ein weiter Weg: Sie müssen Mehrheiten finden – im Bezirksparlament und in der Bevölkerung. „Die harte Arbeit“, sagt Reichelt, „die beginnt erst jetzt.“

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