Bisher unveröffentlichte Visualisierung: Ein 55 Meter hoher Hotelblock und ein 27 Meter hohes Bürogebäude bilden den „Plan B“.

© Visualisierung/Stadt Wien, WertInvest

Chronik Wien Wien intern
04/08/2021

So sieht der geheime "Plan B" für den Wiener Heumarkt aus

Der Turm soll weg, das Hotelgebäude wächst: Dem KURIER liegt das Konzept vor, mit dem die Stadt die Welterbe-Hüter der UNESCO besänftigen will. Die Gebäudehöhen könnten für neuen Ärger sorgen.

von Stefanie Rachbauer, Christoph Schwarz

Seit 20. Dezember 2019 gibt es ein gut gehütetes Geheimnis in dieser Stadt. An diesem Tag gab Ernst Woller, Welterbe-Sonderbeauftragter und Landtagspräsident (SPÖ), Überraschendes bekannt: Um Wiens Welterbe-Status zu retten, der durch den Heumarkt-Umbau in Gefahr ist, habe man ein neues Baukonzept für das Areal entwickelt. Der klingende Name: „Plan B“.

Öffentlich machte man damals aber nur einige vage Eckpunkte: Den geplanten Wohnturm – an dem sich die Welterbehüter der UNESCO besonders stören – habe man gestrichen. Um diesen Verlust auszugleichen, werde das ebenfalls vorgesehene Hotel- und Kongressgebäude aber höher, hieß es.

Mehr – etwa konkrete Höhen oder gar Visualisierungen des Projekts – wollte man sich nicht entlocken lassen. Bis heute, also seit mehr als einem Jahr, hüllt sich die Wiener SPÖ in Schweigen.

Der „Plan B“ wurde in Einvernehmen mit Immobilienentwickler Michael Tojner, der das Heumarkt-Areal gekauft hat und es endlich neu bebauen will, erstellt.

Jetzt liegen geheime Unterlagen zum „Plan B“ dem KURIER vor. Und das 17-seitige Konzept gibt beunruhigende Antworten auf die offenen Fragen rund um das umstrittene Projekt.

UNESCO-Marke überschritten

Knackpunkt sind die geplanten Gebäudehöhen. Eine Höhenangabe geisterte im vergangenen Jahr immer wieder durch Rathaus und Medien: Das Hotel- und Kongressgebäude, das das bestehende Hotel Intercontinental ersetzen soll, könnte bis zu 55 Meter hoch werden, hieß es.

Allgemeine Unruhe: Diese Marke würde die „rote Linie“ der UNESCO von 43 Metern deutlich überschreiten. Namhafte Fachleute forderten daher vehement eine weitere Reduktion.

Jetzt ist klar: Die 55 Meter sind nicht bloß ein Schreckgespenst. Das geht aus dem Papier hervor, das die Stadt an das UNESCO-Welterbezentrum in Paris geschickt hat und das dem KURIER vorliegt.

Auch Büro-Bau wird höher

Darin zu finden: Visualisierungen des „Plan B“ und definitive Höhenangaben. Demnach soll das Hotelgebäude exakt 55,2 Meter aufragen. Auch das Bürogebäude wird aufgestockt: Von 20 auf genau 27,18 Meter. (Wobei Letzteres für den Welterbestatus unerheblich ist.)

Bild links: © Visualisierung/Stadt Wien, WertInvest

Bild rechts: © Visualisierung/Stadt Wien, WertInvest

Vergleich: Der redimensionierte Entwurf aus 2016 und der "Plan B". 

Der Stadt dürfte jedenfalls sehr wohl bewusst sein, dass die 55 Meter heikel sind: Wiederholt betont sie in den Unterlagen, dass man mit der Streichung des Turms „einer der wichtigsten Forderungen“ der UNESCO nachgekommen sei.

Als Botschaft schwingt mit: Die Welterbe-Hüter sollen jetzt nicht mehr so kleinlich sein.

Studie unter Verschluss

Rückenwind verleiht der Stadt eine Studie, die sie auf Geheiß der UNESCO beim renommierten Architektur-Professor Manfred Wehdorn anfertigen ließ. Laut dieser sei der „Plan B“ Welterbe-verträglich, sagte Woller im Vorjahr.

Wie Wehdorn das begründet, kann man allerdings nicht nachlesen. Die Stadt hält die Studie unter Verschluss. Und das, obwohl 86.760 Euro an Steuergeld dafür geflossen sind – kurioserweise aus dem Kulturbudget.

Das geht aus einer Anfrage der ÖVP an Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) hervor – samt einer pikanten Anmerkung: „Keine Veröffentlichung, interner Zweck“ ist bei Wehdorns Studie vermerkt.

2012
Die damalige grüne Planungsstadträtin Maria Vassilakou startet die Neugestaltung des teils heruntergekommenen Heumarkt-Areals, auf dem Hotel Intercontinental, Eislaufverein und Konzerthaus beheimatet sind. Als privater Partner der Stadt wird Wertinvest-Chef Michael Tojner präsentiert. 

2013
Der Rahmenplan für die Neugestaltung wird vorgestellt. Er sieht einen 73 Meter hohen Turm für 50 Eigentumswohnungen und 40 Hotelappartements vor. Kurz darauf wird Kritik laut: Namhafte Architekten fürchten um das Stadtbild und fordern einen Stopp der Weiterplanung. Die UNESCO zeigt sich unglücklich. 

2014
Der Entwurf des Architekten Isay Weinfeld wird zum Siegerprojekt gekürt. Er hält am 73-Meter-Turm fest. 

2016
Die Stadt verordnet eine Nachdenkpause. Die UNESCO verwarnt Österreich dennoch und fordert eine Bauhöhe von 43 Metern. Zu Jahresende präsentieren die Stadt und Tojner überarbeitete Pläne – mit einem 66-Meter-Turm. 

2017
Der Gemeinderat widmet das Areal als Hochhaus-Standort. Die UNESCO setzt Wien als gefährdete Weltkulturstätte auf die Rote Liste. 

2019
Wieder gibt es eine Nachdenkpause – diesmal von der SPÖ verkündet.  Im Dezember wird ein Alternativ-Projekt ohne Turm angekündigt. 

2020
Österreich übermittelt der UNESCO   Berichte über geplante Maßnahmen zum Erhalt des Welterbestatus und geht darin auf das Alternativ-Projekt ein. Für  Sommer ist eine  Sitzung des  Welterbekomitees angesetzt, bei der über den Verbleib Wiens auf der Roten Liste entschieden werden soll. Sie wird wegen Corona  verschoben. 

Das erzürnt die ÖVP: „Ein knapp 90.000 Euro teures Gutachten bleibt unter SPÖ-Verschluss. Wir fordern, dass das Gutachten dem Gemeinderat vorgelegt wird“, sagt die türkise Planungssprecherin Elisabeth Olischar.

Sie ärgert sich über das Vorgehen der Stadt: „Es ist ungeheuerlich, dass wir erneut Details zum Plan B aus den Medien erfahren. Seit Ende 2019 fordern wir dazu Infos ein“.

So etwas wie eine Offensive in Sachen Weltkulturerbe startet unterdessen Planungsstadträtin Ulli Sima (SPÖ). Sie beruft für 6. Mai eine Enquete zum Thema ein, am Donnerstag soll der zuständige Ausschuss des Gemeinderats die Enquete fixieren. Alle Fraktionen sowie Vertreter des 1. Bezirks sollen geladen werden.

Echte Ergebnisse erwarten sich Insider nicht. In der Stadtverfassung heißt es wörtlich: „In einer Enquete dürfen keine Beschlüsse gefasst werden.“

Managementplan verspätet sich

Dem Vernehmen nach soll es bei der Enquete aber – und das würde auf ernste Absichten hindeuten – auch um den sogenannten Managementplan für die Welterbestätte Wien gehen.

Die Stadt hat sich 2019 verordnet, einen solchen zu erstellen: Er soll „Ziele, Strategien und Maßnahmen“ im Umgang mit dem Weltkulturerbe beinhalten.

Eigentlich hätte er bereits im Frühjahr 2021 beschlossen werden sollen. Die Endabstimmung des Managementplans mit der UNESCO ist nun aber erst für den Sommer angesetzt.

Paradox: Ob man den Management-Plan noch benötigt, hängt maßgeblich davon ab, ob die UNESCO den „Plan B“ billigt und Wien den Welterbestatus behält. Geäußert hat sich die UNESCO – angeblich wegen Corona – bisher nicht. Auch dort weiß man, wie Geheimniskrämerei geht.

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