Warum Wien als ESC-Gastgeberstadt 12 Punkte verdient hat
Vienna, douze Points? Nicht, wenn es nach ESC-Direktor Martin Green geht. Auf die Frage, mit wie vielen Punkten er Wien als Gastgeberstadt bedenken würde, antwortete er sogar mit „13, 14, unendlich!“
Und tatsächlich muss sich Wien nicht für die Performance genieren. Ganz im Gegenteil, wie sich bei einem Blick auf die Details zeigt.
Trotz aufgeheizter Stimmung im Vorfeld verlief die Woche ohne nennenswerte Zwischenfälle. Das hohe Sicherheitslevel sei in Feedbackgesprächen mit internationalen Delegationen besonders oft gefallen, wie der „wohlig ermattete“ Norbert Kettner, Wiens Tourismusdirektor und ESC-Koordinator der Stadt, am Sonntag zum KURIER sagt.
Die Sicherheitsvorkehrungen seien zugleich, so das ergänzende Feedback der Gäste, nicht zu sehr im Vordergrund gestanden. „Das liegt daran, dass Wien eine moderate Stadt ist“, so Kettner. „Man kann friedlich feiern, man kann aber auch friedlich demonstrieren. Auch das macht eine Hauptstadt aus.“
Zusammenhalt
Dass die Spannung im Vorfeld groß gewesen sein muss, merkte man nur vereinzelt, zum Beispiel als Wiens Bürgermeister Michael Ludwig – für seine Verhältnisse sehr emotional – einigen Demonstranten erklärte, man lasse sich in Wien nicht „wegterrorisieren“.
Ein anderer Punkt: Wien hat den bisher inklusivsten ESC ausgerichtet. Barrierefreie Infrastruktur an sämtlichen Veranstaltungsorten, Rollstuhlplattformen in der Stadthalle (die trotz ihres fortgeschrittenen Alters eine gute Figur machte) und am Rathausplatz sowie zusätzliche Sitzplätze für unterschiedliche Bedürfnisse. Assistenzhunde waren ausdrücklich willkommen, kostenlos wurden Gehörschutz, Lichtschutz sowie Fidget-Tools für neurodivergente Personen bereitgestellt.
Unaufgeregt
Dass man den ESC kostenlos – etwa am Rathausplatz – erleben konnte und es auch sonst viele Gratis-Angebote in der Stadt gab, war für das kollektive Erleben ein wichtiger Faktor. Die Touristen fühlten sich willkommen; nicht wenige sagten, dass Wien sich „selbst übertroffen“ habe, auch wegen des ESC-Brandings, das auf Straßenbahnen, Mistkübeln und Brücken zu sehen war.
Die Sicherheitskräfte waren in gutem Ausmaß sichtbar.
Etwas Bleibendes wie die Ampelpärchen von 2015 wird es zwar nicht geben, auch das hat aber einen Grund: Wie selbstverständlich lief mit, dass Wien eine etablierte LGBTIQ+-freundliche Stadt ist – man kommunizierte das unaufgeregt genug, um Populisten keinen zusätzlichen Zündstoff zu bieten.
Ein klassischer Streitpunkt – der Verkehr – war diesmal auch keiner: Die Stadt wickelte das Großevent über die Öffis tadellos ab. Sperrzonen beschränkten sich auf ein Minimum und waren vorab gut kommuniziert.
Guter Ruf verteidigt
Wien, auch das wurde deutlich, hat einen hervorragenden Ruf weit über die Grenzen Europas hinaus. Es wird kein Zufall sein, dass der ESC 2026 nach fast einem Jahrzehnt wieder auf YouTube in den USA ausgestrahlt wurde (zuletzt war das 2017 in Kiew der Fall). Die New York Times berichtete live – und am Sonntag war ein Bericht über die Weltmusikstadt Wien zu lesen, der den Bogen von altehrwürdigen Komponisten über Falco bis zu Bilderbuch spannte.
Ja, der Ruf war vorher schon da. Dass er dank der gezeigten Bilder einer weltoffenen Stadt noch unterstrichen wurde, ist aber ein Booster fürs Image. Dazu passend: Für die 2.600 Delegierten und Medienvertreter aus aller Welt gab es mit 111 Aktivitäten das größte Rahmenprogramm in der Geschichte des ESC.
Dabei sei der Regen sogar hilfreich gewesen, sagt Kettner. „So bekamen die Besucher, ohne vom schönen Wetter abgelenkt zu sein, einen ungetrübten Blick auf die Schönheit der Stadt, das Kulturleben und die Weltklassemuseen.“
Welche Auswirkungen der ESC auf Tourismus und Wertschöpfung tatsächlich hat, wird das WIFO analysieren. Erste Details werden im Juni vorliegen.
Davon unabhängig gilt: Wien als Gastgeberstadt? 12 Punkte.
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