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Chronik Wien
10/29/2021

Wieder Aufregung um die Hofreitschule: Totgesagte reiten länger

Der internationale Ruhm der Bereiter und ihrer Lipizzaner ist ungebrochen. Trotzdem folgt seit Jahren ein Abgesang auf den anderen. Nicht ganz zu Unrecht, wie ein aktueller Rechnungshofbericht zeigt.

von Stefanie Rachbauer, Agnes Preusser, Teresa Sturm

Es scheint, die nationalen Kritiker der Spanischen Hofreitschule sind fast so zahlreich wie ihre internationalen Fans. Kein Wunder: Die geschichtsträchtige Institution hat in den vergangenen Jahren so einige Krisen durchgemacht.

Neben Geldproblemen rief die Reitschule immer wieder Tierschützer auf den Plan – etwa 2012, als der Lipizzaner-Hengst Pluto Dispintas an einem eitrigen Zahn verstarb.

Die Finanzen und die Tiergesundheit haben nun auch den Rechnungshof (RH) beschäftigt: In einem kritischen Bericht zum Zeitraum 2014 bis 2019 bemängeln die Prüfer etwa, dass die 72 in der Innenstadt eingestellten Tiere zu wenig Bewegung bekamen.

Konkret war für den RH aus den Aufzeichnungen nicht ersichtlich, ob die Lipizzaner zumindest einmal täglich bewegt wurden. Was in der Freizeit zu wenig geschehe, sei in der Arbeitszeit aber zu viel: Im Bericht wird kritisiert, dass es „zu einer Einsatzfrequenz der Hengste kam, die sich zulasten der Gesundheit der Pferde auswirkte“.

Als Grund wird wirtschaftlicher Druck angeführt.

Show statt Training

Kritik dieser Art erhitzt bereits seit 20 Jahren die Gemüter. Grund dafür ist, dass 2001 der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) die Hofreitschule samt dem Lipizzanergestüt Piber in der Steiermark zu einem der Prestigeprojekte seiner Privatisierungspläne machte.

Er führte sie in eine Gesellschaft öffentlichen Rechts über und gliederte sie somit aus der staatlichen Verwaltung und dem Bundesbudget aus.

Immer wieder wurde daraufhin Kritik laut, dass es wegen wirtschaftlicher Engpässe zu viele Shows gebe und dadurch das Training leide. Der eigens gegründete „Freundeskreis der Spanischen Hofreitschule“ zog 2011 eine vernichtende Bilanz.

Nach einer Galavorstellung urteilte dieser, dass „der Hengst angewidert seinen Kopf zur Seite neigte und einige konfuse, wirre und ziellose Hopser machte“. Es habe sich das „Spektakel eines Rodeos“ geboten.

Besucherzahlen gestiegen

Trotz der Kritik stiegen die Besucherzahlen stetig. Bei der sogenannten Morgenarbeit, bei der die Pferde mit Musik trainieren, stiegen die Zahlen von 2014 auf 2019 sogar um 36 Prozent – von 136.000 auf 185.000 Besucher.

Furcht vor Napoleon
1797  mussten 300 Lipizzaner, damals noch in Slowenien beheimatet, evakuiert werden – aus Angst, Napoleon würde sie konfiszieren 

Erfolgreiche Flucht
Ebenfalls 300 Lipizzaner machten sich nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Schutz der Amerikaner auf die Flucht vor den Russen. 

Auf der Leinwand
1962 verfilmte Walt Disney in „Die Flucht der weißen Hengste“ die Flucht der Hengste vor den Russen. Disney überwachte persönlich den Dreh in Wien. 

Dennoch sind finanzielle Engpässe nicht von der Hand zu weisen. Laut RH-Bericht war 2014 sogar der wirtschaftliche Bestand gefährdet. Vom Landwirtschaftsministerium bekommt die Gesellschaft jährlich eine Förderung von bis zu einer Million Euro – für die Zucht in Piber.

Laut Prüfern ist diese Summe ein „unverzichtbarer Teil“ der Einnahmen. Um mehr Planungssicherheit herzustellen, brauche es eine mehrjährige Leistungsvereinbarung statt bloß jährlicher Förderzusagen.

Umbau liegt auf Eis

Sonja Klima, Geschäftsführerin der Hofreitschule, beteuert im KURIER-Gespräch, dass man sich bereits gebessert habe. Seit Klima 2019 die Leitung übernahm – was wegen Zweifeln an ihrer Qualifikation auch für einen Skandal sorgte – sei zum Wohl der Pferde „sehr viel“ verändert worden.

Mit Ausnahme eines Ruhetags bewege man die Tiere täglich – etwa in der Schrittmaschine (einer Art Laufband) im Innenhof oder bei Ausritten in den Burggarten. Statt früher 100 Shows jährlich halte man nur noch 60 ab.

Was das Finanzielle betrifft, habe man 2019 ein Ergebnis von 135.355 Euro erzielt, die zwei Monate vor Pandemieausbruch seien überhaupt die besten im 456-jährigen Bestehen der Reitschule gewesen. Corona machte diesen Kurs zunichte.

Umbau liegt auf Eis

Und nicht nur das: Auch die großen Umbaupläne, die Klima mit dem Denkmalschutzexperten Manfred Wehdorn ausgearbeitet hat, liegen deshalb auf Eis. Sie wollen einen neuen Shop in die Eingangshalle integrieren, das bestehenden Lokal im Innenhof in ein Gartencafé umfunktionieren, die Schrittmaschine verglasen und das Tor zum Josefsplatz für die Allgemeinheit öffnen.

Aus dem geplanten Baustart dieses Jahr wird laut Klima aber nichts mehr. „Die Pläne sind fertig, mir ist das ein großes Anliegen“, sagt sie. Ihr Ziel: Die Neugestaltung soll dafür sorgen, dass vermehrt Einheimische – und nicht nur Touristen – in die Reitschule kommen.

Auch das war übrigens ein Kritikpunkt des Rechnungshofs.

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