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02/18/2021

So erobern die Lipizzaner jetzt das Netz

Spanische Hofreitschule und Archäologen haben sich zusammengetan, um mit „Piber digital“ historische Gebäude und das Lipizzanergestüts in den virtuellen Raum zu transferieren.

von Susanne Mauthner-Weber

Über die weststeirischen Hügel ziehen Nebelschwaden. November 2020. Österreich befindet sich im zweiten Lockdown. Doch hier im Lipizzanergestüt in Piber herrscht Betriebsamkeit. Acht Forscher sind mit Auto, Computer und Hightech-Geräten angereist, haben für einen Monat ein Hotel gemietet, um intensiv zu arbeiten: Ein Quad-Bike zieht ein Messgerät über die Raureif-Wiesen. Hightech-Drohnen überfliegen das Gelände. Und ein Bodenradar-„Rasenmäher“ wird über das Auslaufgelände der Pferde geschoben, um im Boden archäologische Fundstellen auszumachen.

„Wir kümmern uns jetzt auch um das heimische UNESCO-Kulturerbe“, sagt Wolfgang Neubauer.

Weltweit führend

Der Leiter des Ludwig Boltzmann Institutes für virtuelle Archäologie (LBI ArchPro) ist führend bei der digitalen Dokumentation archäologischer Fundstellen bis hin zu kompletten Weltkulturerbe Landschaften und das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit für ein österreichisches Forschungsinstitut. Sein Team hat schon Stonehenge in Großbritannien, die Pyramiden von Gizeh in Ägypten und die Wikingerstadt Birka in Schweden digital erfasst und gesichert.

Jetzt also Österreich: Wenn sich Spanische Hofreitschule und die virtuellen Archäologen zusammentun, kommt – richtig! – „Piber Digital“ heraus. Mit hochauflösenden Laserscans, Fotografien sowie Filmen aus der Luft und vom Boden aus werden die historischen Gebäude und die Landschaft des Lipizzanergestüts in den virtuellen Raum transformiert.

Modernst Drohnentechnik mit zwei Kameras und Laser liefert Archäologe Neubauer unzählige Daten

Und noch ein Speziallaser für mehr Erkenntnisse

Ein Quad-Bike zieht ein Messgerät über die Wiesen

Nein, kein Rasenmäher, sondern ein Hightech-Bodenradar

2 Monate haben  Archäologen  auf den Weideflächen des Gestüts Piber  Messungen vorgenommen.

500 Hektar wurden gescannt.

42 Drohnenstarts erbrachten mit anderen Hightech-Methoden

2.500 Bilder, wobei die Auswertung noch nicht abgeschlossen ist.

Das passiert natürlich auch in Wien: Seit ein Brand 1992 die Redoutensäle in der Hofburg schwer beschädigt hatte, sorgt man sich auch um den einzigartigen Dachstuhl der Winterreitschule in der Hofburg, der nur knapp vom Feuer verschont geblieben ist. „Schließlich hat man als Weltkulturerbe die Verpflichtung, den Schatz langfristig zu sichern“, sagt Neubauer, der begonnen hat, auch die Stallburg mit den modernsten Laserscannern vollständig zu digitalisieren.“ Alle Ergebnisse kann man auf Piber digital verfolgen.

„Wir haben die Hoffnung, herauszufinden, was darunter ist. Schließlich ist der Hof dort der älteste Teil des ganzen Areals. Und dort waren bereits die Römer“, deutet der Archäologe das Potenzial an.

Alle Erkenntnisse, egal ob aus der Spanischen Hofreitschule oder aus dem dazu gehörigen steirischen Lipizzanergestüt, werden in das neue Museumskonzept einfließen. Mit den bisherigen Mythen rund um die edlen weißen Pferde soll es vorbei sein, verspricht die Geschäftsführerin der Spanischen Hofreitschule, Sonja Klima: „Sie sollen der wissenschaftlich authentischen Darstellung der klassischen Reitkunst und ihrer militärischen Hintergründe weichen“.

Militärtechnologie

In diesem Punkt hat auch Neubauer selbst einiges gelernt. Zum Beispiel, dass die Reitkunst der Hofreitschule eigentlich Militärtechnologie ist. „Die Pferde springen nicht so herum, weil es lustig ist. Das ist natürliches Verhalten, das man durch Zucht und Dressur verstärkt hat. Wenn etwa ein Heerführer durch Fußsoldaten bedrängt wurde, konnte sein Pferd aufhüpfen und ausschlagen, oder seitlich ausweichen.“

Warum der Wissenschafter das erzählt? Weil er genau diese Geschichte im Rahmen des neuen Konzepts in Form von Projektionen und virtuellen Rundgängen unter die Leute bringen will: „Wie Pferd und Reiter aufeinander abgestimmt wurden, um Kriege zu gewinnen. Das ist dasselbe, was Skythen, Hunnen, Awaren, Magyaren und, kurz vor dem Beginn der Tradition in Österreich, auch Mongolen vorgelebt haben“, sagt der Archäologe. „Daraus entsteht die neue Ausstellung in Piber, die wir hoffentlich im Laufe des Jahres eröffnen können.


Seit 2015 gehört sie zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit. Das Ursprungsgestüt im slowenischen Lipica  wurde von Karl II. von Innerösterreich 1580 gegründet.  Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden die Lipizzaner ins Gestüt Piber in der Steiermark evakuiert.

Mit der romanische Kirche, dem Schloss, seinen Stallungen, der Reithalle, den Außenhöfen und Sommeralmen ist das Gestüt ein seit Jahrhunderten ungestörtes archäologisches Fundgebiet, das jetzt erforscht wird.

Große Reitervölker

Zudem wird es jedes Jahr eine Schau zu einem der großen Reitervölker geben. Mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Lebensweise; sogar Behausungen sollen aufgebaut werden. Denn bereits Jahrtausende vor den Lipizzanern hat die Reitkunst den Völkern aus den Steppen Eurasiens immer wieder zu Siegen verholfen und in der Folge zu wesentlichen politischen und sozialen Umwälzungen in Europa geführt.

„Die goldenen Pferdedarstellungen der prähistorischen Skythen, das mit Almandinen verzierte goldene Zaumzeug der Hunnen, die silbertauschierten Riementeiler und Gürtelgarnituren der Awaren und Magyaren sowie die Prunksättel und Brandeisen der Mongolen werden in Piber den historischen Exponaten in der geplanten Dauerausstellung im Museum, der Geschirrkammer im Schloss und in der Alten Schmiede gegenübergestellt“, verspricht Neubauer, der natürlich auch weiterforschen will.

Denn: „Piber war schon früher – ehe die Lipizzaner einzogen – ein Gestüt. Die Pferde haben über Jahrhunderte den ganzen Wald rundum genützt“, sagt der virtuelle Archäologe. Bis es wohl aufgrund von frühen Bergbau zum Kahlschlag kam.

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